Klimawandel: Atlantik-Strömung vor dem Kollaps

Klimawandel: Atlantik-Strömung vor dem Kollaps
zeit.de: Der Wärme-Kreislauf im Nordatlantik schwächt sich ab. Die Frage ist, ob und wann er ganz zusammenbricht. Drei neue Studien zeigen, wie alles zusammenhängt.
Amoc, nicht Amok. Aber unheilvoll ist es auch mit »c«. Geht es doch um jene Meeresströmung, die regelmäßig in den Wissenschaftsnachrichten auftaucht: Klimaforscherinnen oder Ozeanspezialisten fanden heraus, dass … – zumeist handeln sie davon, dass die zentrale Wärmepumpe in den Tiefen des Nordatlantiks schwächelt, künftig wohl noch schwächer wird und womöglich gar ausfällt. Und immer geht es um viel Mathematik: Modelle, Wahrscheinlichkeiten, Risiken.
Amoc ist der Name der Atlantischen Umwälzzirkulation (englisch: Atlantic Meridional Overturning Circulation, abgekürzt: Amoc). Gewiss ist: Nicht nur ihr Zusammenbruch hätte dramatische Konsequenzen, schon eine starke Abschwächung könnte etwa Europa deutlich kältere Winter bringen – trotz Erderwärmung. Starkregen würde dann noch stärker, trockene Gebiete würden noch trockener. In den Tropen würde sich der Monsun verschieben, einige Regionen würden austrocknen, andere überschwemmt werden. Regional würde der Meeresspiegel erheblich steigen, an der europäischen Küste könnte er ohne Amoc 50 Zentimeter höher stehen. Und der gesamte Ozean würde weniger Kohlendioxid aufnehmen, was wiederum den Klimawandel weiter verstärken würde.
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Aber wie wahrscheinlich ist es, dass die Amoc tatsächlich kollabiert – und wann? Noch im Jahr 2021 urteilte der Weltklimarat IPCC, dass die Strömung sich zwar abschwächt, ein abrupter Wandel in diesem Jahrhundert jedoch eher nicht zu befürchten sei. Seitdem aber legt eine wachsende Zahl von Studien nahe, dass die Strömung sogar ganz versiegen könnte.
Die Umwälzströmung
Im April präsentierten französische Wissenschaftler Berechnungen, nach denen die Amoc sich bis Ende des Jahrhunderts wahrscheinlich deutlich stärker abschwächt als bislang erwartet. Bisher ging man davon aus, dass die Meeresströmung bis zum Jahr 2100 um etwa 30 Prozent schwächer wird, die neue Studie deutet darauf hin, dass es wohl sogar 50 Prozent sein könnten. Ob dann bereits der Punkt erreicht wäre, an dem das Strömungssystem kippt, hin zum unumkehrbaren Versiegen, bleibt unklar. »Aber wenn die Amoc sich stärker abschwächt, müssen wir auch davon ausgehen, dass der Kipppunkt näher ist«, sagt Studienautor Valentin Portmann von der Universität Bordeaux. Und schon eine starke Abschwächung habe erhebliche Auswirkungen auf das Klima der Welt.
Die Modelle für die Umwälzströmung sind aber noch immer mit großen Unsicherheiten behaftet. Erstens gibt jedes Modell das natürliche Klimasystem nur vereinfacht wieder. Zweitens liegen gerade für tiefe Wasserströmungen nur wenige Messwerte als Rechengrundlage vor. Zwar bilden Forscher Mittelwerte aus den Ergebnissen unterschiedlicher Modelle. Portmann warnt aber vor systematischen Verzerrungen aufgrund ähnlicher Vereinfachungen in den verschiedenen Modellen. Für seine Studie hat er diese Verzerrung durch ein modernes statistisches Verfahren verringert. So biete die Schätzung eine größere Sicherheit als frühere Berechnungen.
Überraschenderweise sei die Unsicherheit in der näheren Zukunft sogar stärker durch die Modelle als durch die Höhe künftiger Emissionen geprägt. »Die CO₂-Emissionen der Vergangenheit werden noch über viele Jahre starke Auswirkungen haben«, sagt Portmann. Weil die Ozeane träge auf den Klimawandel reagieren, sei ein großer Teil der künftigen Amoc-Abschwächung in diesem Jahrhundert schon durch den zurückliegenden Ausstoß von Treibhausgasen vorgezeichnet.
Der Golfstrom
Was aber heißt das konkret? Um das zu beantworten, muss man sich mit dem Golfstrom beschäftigen. Er beschert Europa verhältnismäßig mildes Wetter, indem er warmes Oberflächenwasser aus den Tropen an Florida vorbei bis nach Neufundland transportiert.
Der Golfstrom ist selbst nur ein Teil der Amoc – und anders als deren Tiefenströmungen weniger gefährdet, ganz zu kollabieren. Denn der Golfstrom wird durch Passatwinde angetrieben. »Selbst wenn die Amoc komplett stoppt, wird es noch Winde geben«, sagt René van Westen von der Universität Utrecht. Er hat im Februar in einer Studie beschrieben, wie sich der Golfstrom verhält, falls die Amoc schwächer wird oder kollabiert: Der Golfstrom verschiebe sich dann zunächst allmählich Richtung Norden. Wenige Jahrzehnte bevor die Amoc komplett zusammenbreche, verlagere sich der Golfstrom dann sprunghaft innerhalb von nur zwei Jahren um weitere etwa 200 Kilometer nordwärts… weiterlesen


