„Gletscherhochzeit“ in 4.000 Metern: Eis züchten

„Gletscherhochzeit“ in 4.000 Metern: Eis züchten
Foto: PIxabay CC/PublicDOmain

„Gletscherhochzeit“ in 4.000 Metern: Eis züchten

fr.de: Traditionelle Gemeinden in Pakistan setzen auf die indigene Technik des Gletscher-Impfen, da Wasser zunehmend knapp wird.

Die höchsten Gipfel der Erde liegen im Himalaya- und Karakorum-Gebirge, Teil eines gewaltigen Gebirgsgürtels quer durch Asien. Hinter dieser majestätischen Kulisse verbergen sich jedoch einige der empfindlichsten Ökosysteme des Planeten. Mit den steigenden Temperaturen schmelzen die Gletscher immer schneller. Das erhöht das Risiko von Gletscherseeausbrüchen und bringt den natürlichen Abfluss des Schmelzwassers durcheinander.

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Wenn die Gletscher schrumpfen, geben sie im Frühling und Sommer weniger Wasser ab – ausgerechnet in der Zeit, in der die Menschen es am dringendsten brauchen. Im von Pakistan verwalteten Gilgit-Baltistan, einem autonomen Gebiet in der umstrittenen Kaschmir-Region, greifen Gemeinden auf eine indigene Praxis zurück, das sogenannte Glacier Grafting, vor Ort Gang Khswa genannt. Damit wollen sie Wasserknappheit begegnen und sich an den Klimawandel anpassen.

Glacier Grafting ist eine traditionelle Methode, bei der Dorfgemeinschaften in großen Höhen neue, künstliche Gletscher anlegen. So schaffen sie eine verlässliche Wasserquelle für Bewässerung, Vieh und den Alltag. Die Technik wird oft als „Gletscherhochzeit“ bezeichnet: Eisstücke von sogenannten männlichen und weiblichen Gletschern werden gesammelt und an einen neuen, von der Gemeinschaft ausgewählten Standort gebracht, um dort einen neuen Gletscher zu „pflanzen“.

Wie eine „Gletscherhochzeit“ neues Wasser schafft

Der männliche Gletscher ist meist grau und enthält Geröll wie Erde, Sand und Kieselsteine. Der weibliche Gletscher ist dagegen heller, fast durchsichtig, frei von Schmutz und Verunreinigungen und liefert mehr Wasser. Dutzende Träger sammeln Eisstücke von beiden Gletschern, transportieren sie in Holzkörben auf dem Rücken zum neu ausgewählten Standort, fahren so weit wie möglich mit dem Auto und legen den Rest des Weges zu Fuß zurück.

Der ideale Standort für eine Gletschereinpflanzung liegt nach Angaben von Dr. Zakir Hussain Zakir, Direktor für Planung und Entwicklung an der University of Baltistan, in mindestens 4.000 Metern Höhe. Er braucht einen hohen Permafrostanteil, maximale Windexposition, möglichst wenig direkte Sonneneinstrahlung und sollte idealerweise nach Norden ausgerichtet sein, erklärt er Euronews. Am Zielort haben die Dorfbewohner entweder einen Schacht gegraben oder eine natürliche Höhle gefunden, in die sie das Eis legen.

Aufwendiges Verfahren zum Schutz des Eises

Die männlichen und weiblichen Eisstücke kommen hinein und werden durch Tongefäße mit Wasser aus dem Indus voneinander getrennt. Dann bedecken sie das Eis mit Schichten aus Sägemehl, Holzkohle und Aprikosenkernen; der Vorgang wird mehrfach wiederholt. So entstehen mehrere Lagen, die das Eis schützen und isolieren. „Das ist eine echte Marathonaufgabe“, sagt Dr. Zakir. Vom Sammeln des Eises bis zur Einpflanzung können bis zu 48 Stunden vergehen.

„Vom Ursprung bis zum Ziel muss das Eis ständig in Bewegung bleiben“, fügt er hinzu. Es darf den Boden während der gesamten Reise nicht berühren. Den Standort erkunden und vorbereiten die Helfer im Sommer, der eigentliche Eingriff findet aber im Oktober statt. Dann sinken die Temperaturen in Höhen ab 4.000 Metern bereits unter null Grad, doch es fällt noch kein Schnee; nach mehreren Schneezyklen beginnt der neue Gletscher langsam zu wachsen.

Nach etwa zehn Jahren bildet er Wurzeln und setzt Wasser frei, nach ungefähr einem weiteren Jahrzehnt hat er sich zu einer verlässlichen Wasserquelle entwickelt. Dr. Zakir verweist auch auf zwei weitere Techniken, die aus dem Glacier Grafting hervorgegangen sind: Ice Towering und Lawinenernte. Eistürme, auch „Ice Stupas“ genannt, weil ihre Kegelform an buddhistische Schreine erinnert, dienen als Eisreservoirs und schmelzen langsamer, da ihre Oberfläche nicht vollständig in der Sonne liegt.

Eistürme und Lawinenernte als Ergänzung

Entwickelt wurde die Technik der Ice Stupas in Ladakh: Gletscherschmelzwasser fließt durch unterirdische Leitungen und wird in die kalte Luft gesprüht, wo es gefriert. Bei der Lawinenernte, einer relativ neuen Methode, wird in einer engen Schlucht ein Maschennetz installiert, das Schnee und Eis aus Lawinen auffängt und speichert. Obwohl die Gletschereinpflanzung erst in den 1990er Jahren wiederbelebt wurde, reicht diese ökologische Praxis Jahrhunderte zurück… weiterlesen

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