Reiches Kurs könnte Strompreise hochhalten

Reiches Kurs könnte Strompreise hochhalten
umweltdialog.de: Das Internationale Wirtschaftsforum Regenerative Energien warnt vor einem energiepolitischen Widerspruch: Während die Bundesregierung steuerbare Gaskraftwerke finanziell absichert, belaste sie Investitionen in die kostengünstigsten Stromquellen – Wind, Solar und Speicher – mit höheren Risiken. Statt sinkender Strompreise drohe eine Verfestigung des hohen Preisniveaus.
Die Analyse des IWR in Münster stellt sich damit gegen den Kurs von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU), die den Ausbau von Wind- und Solarenergie stärker an Netze und Strombedarf koppeln und zugleich steuerbare Kraftwerksleistung aufbauen will. Reiche begründet dies mit einem „Konstruktionsfehler“ der bisherigen Energiewende: Erneuerbare seien ausgebaut worden, ohne Netze, Speicher, flexible Nachfrage und gesicherte Kraftwerksleistung als Gesamtsystem zu planen. Die Antwort darauf sei eine bessere Abstimmung der Komponenten.
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IWR-Direktor Norbert Allnoch setzt einen grundlegend anderen Akzent: „Wenn der Ausbau der günstigen erneuerbaren Energien ausgebremst wird, während fossile Kraftwerke zusätzliche Absicherungen erhalten, wird das Stromsystem nicht automatisch günstiger. Im Gegenteil: Dann steigt das Risiko, dass teure Gaskraftwerke häufiger den Strompreis bestimmen.“ Im Zentrum der Argumentation steht das Merit-Order-Prinzip der Strombörse: In jeder 15-Minuten-Auktion setzt das teuerste Kraftwerk, das zur Deckung der Nachfrage benötigt wird, den Preis für alle Anbieter. Produzieren Windräder und Solaranlagen viel Strom, verdrängen sie wegen ihrer niedrigen laufenden Kosten teure Kohle- und Gaskraftwerke. Fehlen Wind und Sonne, kommen letztere häufiger zum Zug – und vor allem Gaskraftwerke treiben dann den Börsenpreis.
Erneuerbare liefern den günstigsten Strom
Die Zahlen untermauern die Warnung. Der europäische TTF-Gaspreis lag Mitte August bei rund 62,50 Euro je Megawattstunde. Bei einem Gaskraftwerk mit 50 Prozent Wirkungsgrad ergäben sich daraus allein Brennstoffkosten von 12,5 Cent je Kilowattstunde – noch ohne CO₂-Zertifikate, Betriebskosten und Investitionen. Der durchschnittliche Großhandelspreis für Strom lag 2025 laut Wirtschaftsministerium bei 8,9 Cent je Kilowattstunde, in der günstigen Phase von 2016 bis 2020 dagegen bei rund 3,5 Cent. Daraus leitet das IWR ab, dass der Weg zu günstigerem Strom nicht über weniger, sondern über mehr erneuerbare Erzeugung in möglichst vielen Stunden führe. „Die günstigste Kilowattstunde ist in der Regel die, die aus Wind oder Sonne erzeugt wird und nicht durch fossile Brennstoffe ersetzt werden muss“, sagt Allnoch.
Batteriespeicher spielen nach IWR-Darstellung eine Schlüsselrolle: Sie könnten überschüssigen Solar- und Windstrom aufnehmen und in Stunden einspeisen, in denen sonst Gaskraftwerke den Preis trieben. Das IWR fordert, Wind- und Solarprojekte zusammen mit Speichern auszuschreiben und Speicher beim Netzanschluss nicht zusätzlich zu verteuern. Beim Netzausbau warnt Allnoch davor, aus heutigen Engpässen eine dauerhafte Bremse abzuleiten. Das Netzengpass-Management kostete 2024 laut Bundesnetzagentur rund 2,9 Milliarden Euro – 13 Prozent weniger als im Vorjahr. Reiche zieht daraus den Schluss, den Ausbau der Erneuerbaren stärker an den Netzen zu orientieren. Das IWR argumentiert gegenläufig: Wenn die großen Nord-Süd-Leitungen wie SuedLink, SuedOstLink, A-Nord und Ultranet in Betrieb gingen, werde mehr billiger Windstrom dorthin gelangen, wo er gebraucht werde. „Netze müssen schneller gebaut werden, aber der Netzausbau darf nicht als Begründung für eine dauerhafte Ausbaubremse dienen“, betont Allnoch. „Wenn Leitungen in einigen Jahren fertig sind, brauchen wir auch genügend Wind- und Solarstrom, der durch sie fließen kann.“
Reiches Netzanschlusspaket bleibt umstritten
Besonders umstritten ist Reiches Netzanschlusspaket. Betreiber neuer Anlagen sollen in Gebieten mit knappen Netzkapazitäten künftig teilweise das Risiko tragen, wenn ihre Stromproduktion abgeregelt werden muss. Kritiker aus der Erneuerbaren-Branche warnen, dass Projekte dadurch schlechter finanzierbar würden… weiterlesen


