Hitzewelle hätte es vor 50 Jahren nicht gegeben

Hitzewelle hätte es vor 50 Jahren nicht gegeben
Foto: Caniceus/Pixabay CC/PublicDomain

Hitzewelle hätte es vor 50 Jahren nicht gegeben

klimareporter.de: Zwei neue Untersuchungen zeigen, wie stark die Erderwärmung die verschärft – und dass vor allem ärmere Haushalte dafür bezahlen.

Europa erlebt eine Hitzewelle, die historische Maßstäbe sprengt. Im südwestfranzösischen Pissos wurden 44,3 Grad gemessen – nach Angaben des Wetterdienstes der höchste Wert in Frankreich seit Beginn der dortigen landesweiten Messreihe vor fast 80 Jahren.

Paris verzeichnete mit 40,9 Grad einen neuen Juni-Rekord, und Großbritannien meldete mit 36,1 Grad den heißesten Junitag seit Beginn seiner Aufzeichnungen. Schulen blieben geschlossen oder verkürzten den Unterricht, Bahnverbindungen wurden eingeschränkt, Krankenhäuser gerieten unter zusätzlichen Druck. 

Dass solche Extreme längst nicht mehr allein mit natürlichen Wetterschwankungen zu erklären sind, zeigt eine neue Schnellanalyse der internationalen Forschungsgruppe World Weather Attribution (WWA). Danach wären sowohl die Tageshöchstwerte als auch die ungewöhnlich warmen Nächte dieser Hitzewelle in einem Klima, wie es 1976 herrschte, praktisch unmöglich gewesen.

Ein vergleichbares Ereignis wäre damals im Mittel rund 3,5 Grad kühler ausgefallen. Die extrem warmen Nächte seien heute etwa 100-mal wahrscheinlicher als noch zur Zeit des europäischen Hitzesommers 2003, die Tageshöchstwerte etwa zehnmal wahrscheinlicher.

Der Sommer 2003, der vor allem West- und Südeuropa traf, war bereits ein einschneidendes Warnsignal. Damals starben in 16 europäischen Ländern nach Schätzungen mehr als 70.000 Menschen zusätzlich, darunter allein in Frankreich fast 15.000.

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Aufgeheizte Atmosphäre durch Verbrennung von Kohle, Öl und Gas 

Verantwortlich für die aktuelle Wetterlage ist ein blockierendes Hochdruckgebiet, das heiße Luft über Europa festhält und zusätzlich Warmluft aus der Sahara heranführt. Solche sogenannten Omega-Lagen, eine Art „Hitze-Dom“, gab es auch früher.

Doch sie treffen heute auf eine Atmosphäre, die durch die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas bereits deutlich aufgeheizt ist. Nach Einschätzung der WWA-Fachleute ist der menschengemachte Klimawandel deshalb der entscheidende Verstärker. Das natürliche Klimaphänomen El Niño spielte bei diesem Ereignis demnach keine erkennbare Rolle.

Besonders problematisch ist die Kombination aus Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit. Sie erschwert es dem Körper, sich durch die Verdunstung von Schweiß abzukühlen. Die Forschenden untersuchten deshalb auch die sogenannte wet-bulb globe temperature, kurz WBGT. Dieser Hitzestress-Index berücksichtigt neben der Lufttemperatur auch Luftfeuchtigkeit, Sonneneinstrahlung und Wind.

Von 854 untersuchten Städten in 30 europäischen Ländern haben nach der Analyse 45 Prozent bereits ihren bisherigen WBGT-Rekord gebrochen oder dürften ihn im Verlauf der aktuellen Hitzewelle noch brechen.

Die gesundheitlichen Folgen treten oft erst mit Verzögerung vollständig zutage. Klar ist jedoch, dass extreme Hitze in Europa eine der tödlichsten Naturgefahren ist. Für den Sommer 2022 schätzte ein internationales Forschungsteam rund 61.700 hitzebedingte Todesfälle in 35 europäischen Ländern.

Besonders gefährdet sind ältere und chronisch kranke Menschen, kleine Kinder, sozial isolierte Personen sowie Beschäftigte, die im Freien oder in überhitzten Räumen arbeiten.

Hitze und Dürre machen Ärmere überdurchschnittlich ärmer

Doch die Hitze trifft nicht nur die Gesundheit, sondern auch die Einkommen. Eine zweite neue Studie unter Federführung des Berliner Forschungsinstituts Climate Analytics zeigt, wie stark Hitzewellen und Dürren die wirtschaftliche Lage privater Haushalte verschlechtern. Die im Fachjournal Global Environmental Change veröffentlichte Arbeit verbindet Haushaltsbefragungen aus den Jahren 2004 bis 2022 mit hoch aufgelösten Temperatur- und Dürredaten.

Danach lag das durchschnittliche jährliche Haushaltseinkommen in Europa in Jahren mit Hitzewellen im Mittel um etwa 0,7 Prozent niedriger, bei Dürren um 1,8 Prozent. Treten Hitze und Dürre gemeinsam auf, steigt der geschätzte Verlust auf fast drei Prozent.

Die beiden Extreme wirken zusammen also stärker als jeweils für sich allein. Als Ursachen nennen die Forscher unter anderem Gesundheitsbelastungen, sinkende Arbeitsproduktivität, Ernteausfälle sowie Beeinträchtigungen durch Wassermangel oder zu warmes Wasser, etwa bei Kraftwerken und beim Schiffsverkehr.

Regional sind die Unterschiede erheblich. Für Madrid zum Beispiel errechneten die Forscher wegen der besonders häufigen Hitze- und Dürreereignisse Einkommenseinbußen von fast zehn Prozent. Für Zentral-Ungarn ergaben sich 9,4 Prozent, für Zentral-Spanien 8,8 Prozent. Es handelt sich nicht um den Verlust während einzelner Hitzetage, sondern um statistisch ermittelte Effekte auf das jährliche Einkommen in besonders stark belasteten Regionen.

Dabei sind die Folgen sozial ungleich verteilt. Beim ärmsten Fünftel der Bevölkerung sank das durchschnittliche Haushaltseinkommen durch gemeinsam auftretende Hitze und Dürre laut Studie um rund vier Prozent. In den übrigen Einkommensgruppen lagen die Einbußen bei etwa 1,1 bis 1,8 Prozent. Gegenüber dem reichsten Fünftel fiel der Verlust bei den ärmsten Haushalten um 2,7 Prozentpunkte höher aus.

„Wir klingen allmählich wie eine Schallplatte mit Sprung“

Die Autorinnen und Autoren schätzen außerdem, dass Hitze- und Dürreereignisse das Armutsrisiko in Europa zwischen 2004 und 2022 im Durchschnitt um 1,1 Prozentpunkte erhöht haben. Das entspricht rund 5,6 Millionen zusätzlichen Menschen, deren Einkommen unter die statistische Armutsgefährdungsschwelle fiel… weiterlesen

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