US-Forscher empfehlen: Verschrottet Benziner

US-Forscher empfehlen: Verschrottet Benziner
sueddeutsche.de: Wie lange sollte man den Verbrenner noch fahren, bevor man aufs E-Auto umsteigt? Gar nicht mehr, sagt eine „Science“-Studie. Fürs Klima lohne sich ein Wechsel immer, wenn das alte Auto dafür aus dem Verkehr gezogen wird.
Wer über den Kauf eines E-Autos nachdenkt, kommt häufig ins Grübeln: Wann ist der richtige Zeitpunkt, um einen optimalen Klimanutzen zu erzielen? Weil die Herstellung von E-Autos mehr Energie benötigt und dementsprechend mehr Kohlendioxid verursacht, kommen viele – mit gutem Gewissen – zum Schluss: Lieber fahre ich meinen Verbrenner noch, bis er schlapp macht, dann steige ich um auf die elektrische und klimafreundlichere Variante.
Zwei US-Umweltwissenschaftler geben nun eine ganz andere Empfehlung ab: Es lohne sich im Hinblick auf den Klimaschutz schon, einen „brandneuen“ Benziner mit einem E-Auto auszutauschen, wenn das alte Auto gleichzeitig verschrottet werde. „Wir haben festgestellt, dass die Ausmusterung eines funktionstüchtigen Fahrzeugs mit Verbrennungsmotor zugunsten eines batterieelektrischen Fahrzeugs in einer Vielzahl von Szenarien erhebliche Vorteile bei der CO₂-Einsparung bietet – selbst wenn das Verbrennerfahrzeug fabrikneu ist“, schreiben sie im Fachjournal Science.
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Elliott Campbell und Robert Geyer von den kalifornischen Universitäten in Santa Cruz und Santa Barbara haben die CO₂-Emissionen eines durchschnittlichen SUVs in den USA über dessen gesamten Lebenszyklus berechnet. Diese haben sie mit den CO₂-Emissionen verglichen, die sich ergeben, wenn man das Fahrzeug beispielsweise im elften oder im zweiten Jahr ausrangiert und auf ein E-Auto umsteigt. Im letzteren Fall waren die CO₂-Einsparungen besonders groß: Sie überwogen nach drei Jahren die höheren CO₂-Emissionen durch die Herstellung. Über den gesamten theoretischen Lebenszyklus des Verbrenners (16 Jahre) sparte ein Umstieg aufs E-Auto im zweiten Jahr 44 Prozent des CO₂-Ausstoßes. Dabei haben die US-Forscher nicht mal einbezogen, dass der Strommix über die Jahre klimafreundlicher werden dürfte und E-Autos samt deren Batterien effizienter.
Besser Neuwagen verschrotten als Benzin verbrennen
Solch einen großen Einspareffekt, haben Studien in der Vergangenheit gezeigt, gibt es nicht, wenn man einen Verbrenner durch einen anderen, effizienteren ersetzt: Der etwas geringere Benzinverbrauch wiegt kaum die zusätzlichen Herstellungskosten auf. Der Umstieg auf ein Elektroauto hingegen hat inzwischen oft schon nach ein bis zwei Jahren einen Klimanutzen, wie eine Untersuchung des Forschungsinstituts International Council on Clean Transportation (ICCT) im vergangenen Jahr ergab.
Die Autoren der Science-Studie gingen noch einen Schritt weiter. Sie haben analysiert, ob es sinnvoll ist, nach dem Kauf eines E-Autos den Verbrenner zu verschrotten, selbst wenn er neu ist. Dabei betrachteten sie eine Vielzahl an Szenarien mit unterschiedlichen Fahrzeugklassen, Antriebsarten und Batterietypen sowie Stromquellen. „Frühere Studien haben sich stets darauf konzentriert, wie mit der künftigen Autoproduktion zu verfahren ist“, sagt Campbell. „Doch man muss auch die zwei Milliarden Fahrzeuge berücksichtigen, die heute bereits auf den Straßen unterwegs sind.“
Die Überlegung, einen nagelneuen Benziner auszumustern, klingt erstmal ziemlich theoretisch. Wer würde das schon ernsthaft in Betracht ziehen, allein des Ressourcenverbrauchs und des Geldes wegen? Die beiden US-Wissenschaftler sehen das anders: Beim Ressourcenverbrauch stünde die eine halbe Tonne schwere Batterie rund 20 Tonnen Benzin gegenüber, die ein Verbrenner im Laufe seines Daseins verbrauchen kann. „Zweitens sollte man bedenken, dass der Sprit bei der Verbrennung im Grunde für immer verloren ist, während die Materialien einer Batterie recycelt werden können“, sagt Campbell.
Eskalierende Klimafolgen
Angesichts der eskalierenden Klimafolgen, wie sie sich gerade in diesem Sommer zeigen, sei eine rasche Abkehr von den fossilen Brennstoffen nötig. Und hohes Einsparpotenzial gebe es eben im Verkehr, insbesondere in den USA. Er ist dort seit 2016 der Sektor mit den meisten CO₂-Emissionen. Für die Mehrheit der US-Haushalte ist der eigene Verbrenner in der Garage der größte Einzelbeitrag zum CO₂-Fußabdruck.
Auch wenn sich die weltweite Transformation hin zum E-Auto bereits vollziehe – rund 50 Millionen E-Autos kurven schon herum, Tendenz stark steigend – tue sie das zu langsam, argumentieren Campbell und Geyer. Ein Grund dafür: Verbrenner werden immer langlebiger und viele Menschen fahren sie schon aus finanziellen Gründen so lange wie möglich. Deshalb fordern die beiden US-Autoren ein staatliches Anreizprogramm für das Verschrotten von Benzinern (und Dieselfahrzeugen) sowie den anschließenden Umstieg auf ein E-Auto… weiterlesen


