Lebensmittel: Teuer, teurer, unbezahlbar

Lebensmittel: Teuer, teurer, unbezahlbar
Foto: Pixabay CC/PublicDomain

Lebensmittel: Teuer, teurer, unbezahlbar

zeit.de: Essen kostet so viel wie nie. Recherchiert man bei verzweifelten Bauern und bei Firmen wie Frosta und Granini, versteht man, was der Klimawandel im Supermarkt anrichtet.

Es ist ein feierabendwuseliger Nachmittag, als Knut Schirrmeister in einer Lidl-Filiale im Bauch des Hannoverschen Hauptbahnhofs an einer Tafel Schokolade scheitert. Schirrmeister steht vor mehreren Regalmetern mit Süßigkeiten. Auf seinem Smartphone tippt er drei Ziffern ein: 2-3-9, 2-3-9, immer wieder. Der Preis einer 180-Gramm-Tafel Lidl-Schokolade. 2,39 Euro. Aber der Touchscreen lässt die Ziffern einfach abperlen.

Schirrmeister, ein drahtiger 50-Jähriger in Jeans und Sneakern, ist beruflich hier. Es ist sein Zweitjob. Monat für Monat zieht er durch die immergleichen 19 Geschäfte und Läden und notiert Preise.

Eine Packung Bio-Pfefferminztee der Marke »Lord Nelson« bei Lidl: 95 Cent. Eine Kugel Eis in der Eisdiele am Hauptbahnhof: 2 Euro. 500 Gramm Biojoghurt bei Edeka: 1,15 Euro. Eine Regenbogenforelle bei Rewe: 5,99 Euro. 500 Gramm Brokkoli bei Netto: 1,49 Euro. Ein Kilogramm Bohnenkaffee bei Denns: 14,99 Euro.

Lesen Sie auch:

Insgesamt 550 Preise tippt Knut Schirrmeister in sein Smartphone. Als einer von 70 Preisermittlern des Statistischen Landesamts Niedersachsen geht er zu Lidl, Aldi, Kaufland und anderen Geschäften. Dort hält er fest, was die Produkte und Dienstleistungen kosten, die ihm sein Auftraggeber genannt hat. Schirrmeister, im Hauptberuf Bankangestellter, liebt Zahlen. »Die Preise, die wir ermitteln, sind ein Abbild unserer Gesellschaft«, sagt er. »Man kann genau ablesen, wie es uns gerade geht.«

Gerade geht es uns nicht so gut.

Nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik – den kurzfristigen Ölpreisschock der Siebziger ausgenommen – sind Essen und Getränke so schnell so teuer geworden wie in den vergangenen Jahren. Die Folge: 58 Prozent der Bundesbürger sorgen sich um ihre finanzielle Situation. 45 Prozent schränken sich bei ihren Lebensmittelkäufen ein.

Fünfmal probiert es Knut Schirrmeister an diesem Nachmittag noch vor dem Schokoladenregal, dann endlich akzeptiert die Preisermittlungs-App seine Eingabe. In diesem Moment fließt die Zahl 2,39 von Schirrmeisters Smartphone in einen Datenpool, den das Statistische Landesamt Niedersachsen Monat für Monat mit 36.000 Preisen füllt. 275 Kilometer weiter südlich, in Wiesbaden, mischen die Analysten des Statistischen Bundesamts die Daten aus Niedersachsen mit den Auskünften der anderen 15 Landesämter. Aus den Hunderttausenden von Eingaben destillieren sie einige wenige Zahlen, die anzeigen, wie sich die Lebensmittelpreise in Deutschland verändert haben, im Vergleich zum Vormonat, zum Vorjahr, zum Beginn des Jahrzehnts.

Im Juli 2026 lautet die wohl eindrucksvollste dieser Zahlen: 37,5.

Um diesen Wert, 37,5 Prozent, sind die Lebensmittelpreise in Deutschland seit 2020 durchschnittlich gestiegen. Wer sich vor nur sechs Jahren in einem Supermarkt den Einkaufswagen mit Waren im Wert von 100 Euro gefüllt hat, muss heute für dieselben Waren also fast 140 Euro bezahlen.

Als Grund für diesen ungewöhnlich starken Anstieg wird meist die Pandemie genannt, die die Lieferketten unterbrach und die Transportkosten erhöhte. Außerdem der Ukraine- und der Irankrieg, die nicht nur Öl und Gas verteuerten, sondern auch Kunstdünger und Verpackungen, die aus ihnen hergestellt werden.

Die Pandemie ist vorüber. Auch der Ukraine- und der Irankrieg werden – hoffentlich – irgendwann enden. Inzwischen aber zeichnet sich immer deutlicher ab, dass es da noch einen weiteren Kostenfaktor gibt. Einen, der sich weder durch Impfungen noch durch Friedensabkommen beseitigen lässt. Schon in der Vergangenheit hat er einzelne Lebensmittel massiv verteuert, und mit jedem Jahr der Wetterextreme werden es mehr. Trotzdem wird dieser Kostenfaktor in volkswirtschaftlichen Analysen selten erwähnt. Es ist die Klimakrise.

Dürren und Hitzeglocken, Starkregen und Überschwemmungen, Windhosen und Superzellen – kein Wirtschaftszweig ist von solchen Phänomenen so stark betroffen wie die Landwirtschaft.

Ein paar Meldungen aus diesem Sommer der gesamteuropäischen Trockenheit.

In Deutschland sind seit dem Beginn der Dürreperiode Mitte Juni drei Millionen Tonnen Getreide und Raps verloren gegangen.

In Großbritannien wird mit der schlechtesten Ernte seit Beginn der Aufzeichnungen gerechnet.

In Frankreich starben bis zu drei Millionen Hühner und anderes Geflügel den Hitzetod. Der dortige Gemüsezüchterverband erwartet Ernteausfälle von bis zu 50 Prozent.

In Österreich sind viele Schlachthöfe überlastet. Landwirte müssen ihre Tiere notschlachten lassen, da ihnen wegen der Trockenheit das Grünfutter ausgeht.

In Spanien wird bei der Getreideernte ein Einbruch von bis zu 30 Prozent erwartet… weiterlesen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.