Industrie könnte Stromspitzen deutlich senken

Industrie könnte Stromspitzen deutlich senken
handelsblatt.com: Wind- und Solarstrom machen eine flexible Stromnachfrage wichtiger. Vor allem die Industrie könnte einen erheblichen Beitrag zur Stabilisierung des Stromsystems leisten – und Kosten senken.
In einem Energiesystem, in dem Wind- und Solarstrom an Bedeutung gewinnen, kommt es auf flexible Verbraucher an: Passen Unternehmen ihren Stromverbrauch kurzfristig an das Angebot an, können sie das System stabilisieren und von niedrigen Preisen profitieren. Vor allem große Industriebetriebe verfügen über erhebliches Potenzial. Doch sie nutzen ihre Möglichkeiten bislang nur unzureichend.
Das zeigt eine Untersuchung der Unternehmensberatung McKinsey, die dem Handelsblatt vorliegt. „Die Flexibilitätspotenziale, die wir ermittelt haben, sind beträchtlich. Doch bei der Nutzung der Potenziale tut sich erstaunlich wenig“, sagte Alexander Weiss, Senior Partner und Energieexperte bei McKinsey, dem Handelsblatt.
Lesen Sie auch
Nur ein Drittel der Unternehmen prüfe aktiv, ob es günstige oder negative Strompreise durch eine gezielte Verschiebung der Stromabnahme nutzen könne. McKinsey hat für die Untersuchung mehr als 20 Detailinterviews mit Industrieunternehmen geführt, unter anderem mit Energieeinkäufern, Energiemanagern und Standortleitern.
Oft wirken mehrere Faktoren zusammen: „Das Flexibilitätspotenzial wird nicht gehoben, weil es in der Realität durch ein Zusammenspiel aus physikalischen Grenzen, organisatorischen Hürden und wirtschaftlicher Unsicherheit gleichzeitig begrenzt wird – und nicht durch ein einzelnes isoliertes Problem“, heißt es in der Untersuchung. Weiss spricht von einer „Umsetzungslücke“.
Industrie könnte Stromspitzen um bis zu sieben Gigawatt senken
Wie groß das Flexibilisierungspotenzial der Industrie ist, hatte McKinsey bereits im vergangenen Jahr beziffert. Demnach können Industrieunternehmen in Deutschland ihren Stromverbrauch vorübergehend um fünf bis sieben Gigawatt (GW) reduzieren. Die Zahlen basieren auf einer Befragung von 400 Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen – von Raffinerien und Zementherstellern über Papier-, Stahl- und Maschinenbau bis zur Lebensmittelindustrie.
Zur Einordnung: Die Spitzenlast in Deutschland, also die Phase mit der höchsten Stromnachfrage, liegt bei etwa 75 GW. Würde die ermittelte Flexibilität genutzt, sänke die Spitzenlast auf einen Wert zwischen 68 und 70 GW.
Rein rechnerisch entsprechen fünf bis sieben GW der Leistung von 16 bis 23 Gaskraftwerken mit jeweils 300 Megawatt. Ungenutzte Flexibilitätsoptionen der Industrie stehen daher in direktem Zusammenhang mit den Plänen von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) für den Bau von erdgasbetriebenen Back-up-Kraftwerken. Diese sollen künftig immer dann einspringen, wenn die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien nicht ausreicht, um die Nachfrage zu decken.
Schwankende Erzeugung verlangt flexible Verbraucher
Im Stromsystem der Zukunft spielt Flexibilität eine Schlüsselrolle. Früher sorgten einige wenige Großkraftwerke für eine vergleichsweise gut kalkulierbare Stromerzeugung. Das hat sich grundlegend gewandelt. Der wachsende Anteil von Wind- und Solarstrom lässt die Erzeugung stärker schwanken. Eine statische Stromabnahme passt immer weniger zu diesem System.
„Wir brauchen mehr Flexibilität auf der Abnehmerseite“, sagte Tobias Paulun, Chef der Energiebörse EEX, dem Handelsblatt. Paulun ist seit dem 1. August im Amt. Die EEX spielt eine Schlüsselrolle im Energiehandel, insbesondere im Handel mit Strom. An der Epex Spot, einer Tochtergesellschaft der EEX, zeigen sich die Schwankungen der Stromerzeugung im kurzfristigen Handel in erheblichen Preisausschlägen.
Nach Pauluns Einschätzung bewegt sich die Volatilität in einem „völlig akzeptablen Rahmen“, einschließlich negativer Strompreise. Diese seien wichtig für einen funktionierenden Markt, sagte er.
Negative Preise treten im Spot-Markt beispielsweise auf, wenn an sonnenreichen Tagen in den Mittagsstunden besonders viel Photovoltaikstrom an der Strombörse angeboten wird. Der Preis fällt dann unter null: Abnehmer erhalten in solchen Stunden zusätzlich Geld für den Stromverbrauch… weiterlesen


