Der Retter wird zur Gefahr

Der Retter wird zur Gefahr
Foto: Pixabay CC0

Das weltgrößte Regenwaldgebiet treibt wegen des Raubbaus mittlerweile die globale Erwärmung an

Von Norbert Suchanek, Rio de Janeiro

Amazonien, die weltweit größte tropische Regenwaldregion, hat sich von einem die globale Erwärmung bremsenden Ökosystem in einen Nettoproduzenten von klimaschädlichen Gasen und Partikeln entwickelt. Das ist das Ergebnis einer soeben im Wissenschaftsjournal „Frontiers in Forests and Global Change“ veröffentlichten Studie eines internationalen Teams.

In vergleichbaren früheren Untersuchungen, die Amazonien als Kohlenstoffsenke und als Alliierten gegen den Klimawandel identifizierten, wurden lediglich Daten für das Treibhausgas Kohlendioxid (CO2) berücksichtigten. Demzufolge war das Regenwaldgebiet eine der größten CO2-Senken weltweit – so werden natürliche Reservoire bezeichnet, die vorübergehend Kohlenstoff aufnehmen und speichern. In der neuen Studie haben die mehr als 30 beteiligten Umweltforscher aus den USA, Kanada, Großbritannien, Kolumbien, Peru, Schweden und Brasilien erstmals auch alle anderen, die globale Erwärmung antreibenden Emissionen und Strahlungseffekte unter die Lupe genommen. Trotz einiger Unsicherheiten „kommen wir zu dem Ergebnis, dass die derzeitige Erwärmung durch Nicht-CO2-Treibhausgase, insbesondere Methan und Lachgas, im Amazonasbecken den positiven Klimabeitrag durch die Aufnahme von atmosphärischem CO2 weitgehend ausgleicht und höchstwahrscheinlich übertrifft“, schreiben die Autoren der Studie „Carbon and Beyond: The Biogeochemistry of Climate in a Rapidly Changing Amazon“. „Wir stellen auch fest, dass die meisten anthropogenen Einflüsse das Strahlungspotenzial des Beckens erhöhen.“

amazonas landnutzung frontiersin.org
Soziale und wirtschaftliche Treiber der Landnutzung im Amazonasgebiet: (A) Waldverlust 2001–2019 (Hansen et al., 2013) (rote Schattierung), (B) Brände 2001–2019 (RAISG, 2020) (rosa Schattierung), ( C) Landwirtschafts- und Viehzuchtgebiete (MAPBIOMAS Version 2.0, 2020) (gelbe Schattierung), (D) Wasserkraft und Stauseen (RAISG, 2020) (blaue Punkte), (E) Ölförder- und Bergbaugebiete (RAISG, 2020) (gelbe Schattierung) Und Punkte) und (F) Fischerei- und Jagdgebiete (RAISG, 2020) (Aqua Shading) Grafik: frontiersin.org

Die Forscher weisen darauf hin, dass einerseits die Kapazität der Amazonas-Region als Kohlenstoffspeicher in den vergangenen Jahrzehnten aufgrund der Abholzung stetig abgenommen hat. Und diese erfasse immer mehr Länder: „Historisch gesehen war der brasilianische Entwaldungsbogen im süd- und südöstlichen Amazonasgebiet, vornehmlich angetrieben durch Rinderzucht und Sojaplantagen, das Epizentrum der Entwaldung in der Region“, so die Studie. In den vergangenen Jahren kam es jedoch auch anderen Amazonasstaaten wie Peru und Bolivien zu großflächigen Entwaldungen. Für die rasante Abholzung in Peru seien in erster Linie die Schaffung von Ölpalmenplantagen sowie Goldgräber verantwortlich, während der bolivianische Amazonas stärker von der Sojabohnenproduktion betroffen sei. In Kolumbien wiederum breite sich mit der Unterzeichnung des Friedensabkommens nun selbst in offiziell geschützten Regenwaldgebieten, die zuvor von der Farc-Guerilla besetzt waren, die Rinderzucht aus.

Brandrodung und Abholzung für Rinderweiden und Sojaplantagen, der Bergbau und der Bau von Staudämmen verringern nicht nur die Kohlenstoffspeicherung, sondern erhöhten im Gegenzug auch den CO2-Ausstoß sowie die Emissionen anderer Treibhausgase wie Methan, Lachgas, Ozon und klimawirksamer Mikropartikel wie Ruß.

Amazonien war seit jeher einer der großen natürlichen Produzenten von Lachgas weltweit. Es wird durch Mikroorganismen des Regenwaldes freigesetzt. Durch die Trockenlegung von Feuchtgebieten und der von Abholzung ausgelösten Bodenverdichtung haben sich laut den Forschern die Emissionen nun aber erhöht. Eine weitere Quelle seien künstliche Rinderweiden vor allem in den Regenmonaten. Hinzukommen Lachgasemissionen aus den Stauseen von Wasserkraftwerken, die gleichzeitig auch CO2- und Methan-Produzenten sind. „Die Überflutung nach dem Bau des Damms senkt den Sauerstoffgehalt im Wasser und erhöht die sauerstofffreie Zersetzung organischer Stoffe, wodurch erhebliche Mengen an Methan in die Atmosphäre gelangen„, so die Studie. Dieser Effekt sei in den Tropen möglicherweise zehnmal stärker als bei Stauseen in gemäßigten Breiten. Bereits heute stauen mehr als 190 Dämme die Flüsse des Amazonasbeckens auf. Weitere 246 Staudämme sind geplant oder befinden sich im Bau. Frühere Untersuchungen hatten ergeben, dass Wasserkraftwerke in Amazonien langfristig mehr Treibhausgase freisetzen als mit fossilen Brennstoffen betriebene Kraftwerke bei gleicher Stromproduktion.

amazonas staudamm belo monte dam under construction Anders Fristroem pixabay
Belo Monte-Staudamm Im Bau Foto: Anders Friström/Pixabay CC0

Eine weitere Ursache für den amazonischen Treibhauseffekt ist das hochreaktive Ozon, das eine wichtige Rolle in der Chemie der Atmosphäre spielt und dort als Treibhausgas fungiert. Dessen chemische Vorläufer haben laut Studie »mit zunehmender Verbrennung von Biomasse, Entwaldung, der Umwandlung des Regenwaldes in landwirtschaftliche Nutzflächen und der raschen Verstädterung im Amazonasgebiet zugelegt.«

Auch wenn viele Fragen noch nicht restlos geklärt sind und die zugrunde liegenden Daten noch nicht bestätigt sind, macht die Studie eines klar: Wenn die Menschheit den Kampf gegen die globale Erwärmung gewinnen will, darf eine weitere Entwicklung Amazoniens mit Staudämmen, Kahlschlag, künstlichen Rinderweiden, Soja- und Ölpalmplantagen, Straßen- und Bergbau sowie Erdölausbeutung nicht mehr stattfinden.

Die Studie im „Frontiers in Forests and Global Change“ unter https://doi.org/10.3389/ffgc.2021.618401

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors!

Die Erstveröffentlichung erfolgte in „Neues Deutschland“ am 21.03.2021 

Weitere Beiträge des Autors:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.