Flechten in Gießen zeigen: Luft wurde viel sauberer

Flechten in Gießen zeigen: Luft wurde viel sauberer
giessener-anzeiger.de: Drei Luftgütekarten aus 1985, 2005 und 2020 belegen, wie stark sich Gießens Luft verbessert hat. Welche Flechtenarten dabei als Warnsignal gelten, erklärt eine Expertin.
Wenn der Pilz mit der Alge gemeinsame Sache macht, entsteht etwas ziemlich Erstaunliches: eine Flechte. Wie diese ungewöhnliche Lebensgemeinschaft funktioniert, erklärt Prof. Ute Windisch mit einem ebenso einfachen wie originellen Vergleich: Spaghetti mit Erbsen. „Die langen, dünnen Nudeln stehen für die Pilzfäden, die grünen Erbsen für die dazwischen eingebetteten Algen.“ Pilz und Alge bilden ein Geflecht: die Flechte.
Kleine Überlebenskünstler
Doch die kleinen Überlebenskünstler haben weit mehr zu bieten als einen ungewöhnlichen Aufbau. Sie verraten, wie es um unsere Umwelt bestellt ist. Und da gibt es für Gießen erfreuliche Nachrichten. Noch vor wenigen Jahrzehnten machte die Luftverschmutzung den Flechten schwer zu schaffen. Heute überziehen sie wieder Baumstämme, Mauern, Dächer und sogar Garageneinfahrten. „Dass wir jetzt viele Flechten haben, die uns überall auffallen, ist ein super gutes Zeichen“, freute sich die Exkursionsleiterin.
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Unter dem Motto „Flechten im Stadtgebiet“ hatte das Amt für Umwelt und Natur zu einer Naturschutzwanderung am und im Botanischen Garten eingeladen. Dabei ging es um unscheinbare Lebewesen, die im Alltag kaum Beachtung finden, aber erstaunlich viel über den Zustand unserer Umwelt verraten.
Wie sehr sich die Luftqualität in Gießen verändert hat, zeigen drei Flechten-Luftgütekarten aus den Jahren 1985, 2005 und 2020. Die Unterschiede sind augenfällig. Während die älteste Karte noch überwiegend rot eingefärbt ist – ein Zeichen für sehr geringe Luftgüte –, wird es 2005 deutlich bunter. Gelbe und grüne Flächen nehmen zu. Auf der Karte von 2020 tauchen sogar blaue Bereiche auf, die für sehr hohe Luftgüte stehen. Besonders im südlichen Stadtgebiet sind günstige Werte zu erkennen.
„Die Luftgüte ist besser geworden, die Flechten zeigen das an“, brachte es die Exkursionsleiterin auf den Punkt. Seit den 1970er Jahren wird in Gießen untersucht, welche Flechten an ausgewählten Bäumen wachsen. Die Ergebnisse lassen Rückschlüsse auf die längerfristige Luftbelastung zu. Entsprechende Untersuchungen sind beim Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie veröffentlicht.
Doch warum eignen sich ausgerechnet Flechten als natürliche Messinstrumente? Die Erklärung ist vergleichsweise einfach. Der Pilz schützt seinen Partner, während die Alge mithilfe des Sonnenlichts die Nahrung liefert. Beide sind aufeinander angewiesen. Wissenschaftler nennen dieses Zusammenleben Symbiose.
Gelangen bestimmte Schadstoffe in die Luft, kann dieses empfindliche Gleichgewicht gestört werden. Wird die Alge geschädigt, fehlt dem Pilz seine Nahrungsgrundlage. „Dann wird der Pilz auch nicht mehr ernährt, und dann stirbt die Flechte ab“, erläuterte die Exkursionsleiterin. Besonders Schwefeldioxid setzte den Flechten früher zu. In vielen Städten waren sie deshalb weitgehend verschwunden.
Allerdings bedeutet kräftiger Flechtenbewuchs nicht automatisch, dass die Luft völlig unbelastet ist. Während manche Arten empfindlich auf Schadstoffe reagieren, profitieren andere von zusätzlichen Nährstoffen aus der Luft. Dazu gehören insbesondere Stickstoffverbindungen. Entscheidend ist deshalb nicht allein, wie viele Flechten wachsen, sondern welche Arten vorkommen.
Und davon gibt es reichlich. Rund 2000 Flechtenarten sind in Deutschland bekannt, etwa 140 kommen auch in Gießen vor. Deren drei grundlegende Wuchsformen: Krustenflechten, Blattflechten und Strauchflechten.
Keine Schmarotzer
Eine Sorge konnte die Exkursionsleiterin gleich ausräumen: Flechten schaden den Bäumen nicht, auf denen sie wachsen. Anders als Schmarotzer entziehen sie ihrem Untergrund keine Nahrung. „Die haben ihre Ernährung schon mitgebracht“, erklärte sie und erinnerte an die Zusammenarbeit zwischen Pilz und Alge… weiterlesen


