Hotelzertifikate: Sinnvoll oder Beweihräucherung?

Hotelzertifikate: Sinnvoll oder Beweihräucherung?
Nachhaltigkeit gewinnt in der Tourismusbranche stetig an Bedeutung. Zahlreiche Siegel und Zertifikate sollen Hotels und Reiseanbieter als umweltfreundlich und sozial verantwortlich ausweisen. Doch wie viele solcher Auszeichnungen gibt es im DACH-Raum und wie verlässlich sind sie wirklich? Prof. Gabriel Laeis, Experte für nachhaltigen Tourismus, gibt einen Überblick über die komplexe Thematik.
„Nicht jedes grüne Logo ist glaubwürdig“
„Wie viele Nachhaltigkeitssiegel oder Zertifikate in Deutschland, Österreich und der Schweiz existieren ist schwer zu ermitteln, ja geradezu unmöglich“, konstatiert Gabriel Laeis. Der Professor für Hospitality Management lehrt an der IU Internationalen Hochschule und forscht unter anderem zum Thema nachhaltiger Tourismus. Für Laeis ergibt sich die Schwierigkeit der numerischen Zählbarkeit aufgrund des Fehlens einer zentralen Meldestelle, die sämtliche Nachhaltigkeitssiegel bzw. Zertifikate im DACH-Raum registriert. Zudem fehlt es an klaren Richtlinien, was ein touristischer Betrieb erfüllen muss, um als nachhaltig zu gelten. „Nicht jedes grüne Logo steht für ein glaubwürdiges, unabhängiges Zertifikat. Oft ist für Verbraucher nicht erkennbar, ob es sich um eine einfache Auszeichnung oder um eine echte Zertifizierung handelt, die von einer unabhängigen Prüfstelle, z.B. der Gesellschaft für Ressourcenschutz (GfRS), kontrolliert wird“, betont Laeis.
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Ein prominentes Beispiel ist das Green Leaf von Guide Michelin für nachhaltige Restaurants, das eher eine subjektive Bewertung darstellt. Im Gegensatz dazu ist das EU-Bio-Siegel ein anerkanntes Nachhaltigkeitszertifikat, das objektiven Bewertungsstandards folgt.
Laut dem Ecolabel Index, dem weltweit größten Verzeichnis für Umweltsiegel, gibt es derzeit 456 registrierte Ökozertifikate in 199 Ländern und 25 Branchen. Für den europäischen Raum registriert der Index 231 solcher Zertifikate. Diese aufgeführten Labels variieren jedoch stark in ihren Kriterien und Geltungsbereichen. Einige sind europaweit relevant, andere nur für bestimmte Destinationen oder Teile der touristischen Wertschöpfungskette, wie etwa Bio-Siegel für Lebensmittel.
Qualität der Siegel im Fokus
Trotz der Vielzahl an Siegel und Zertifikaten lässt sich jedoch eine Kategorisierung hinsichtlich ihrer Qualität vornehmen. Der Globale Rat für nachhaltigen Tourismus (GSTC) hat weltweit anerkannte Kriterien entwickelt, um ein einheitliches Verständnis von nachhaltigem Tourismus zu schaffen. So erkennt der GSTC beispielsweise bestehende Zertifikate an („recognized“), wenn sie den Mindeststandards entsprechen. Darüber hinaus gibt es die Bezeichnung „accredited“, welcher besagt, dass auch der Zertifizierungsprozess internationalen Standards entspricht.
Nachhaltigkeitssiegel, die vom GSTC akkreditiert sind, gelten als Gold-Standard. Earth Check ist eines dieser wenigen Siegel. Bekanntere Siegel wie Green Key, Green Sign, Green Globe und Travellife sind „nur“ als anerkannt eingestuft.
„Einheitliches Siegel nicht ausreichend“
Für Gabriel Laeis wäre die Einführung eines einheitlichen Nachhaltigkeitssiegel aufgrund der Diversität der Tourismusindustrie nicht ausreichend. „Wichtiger ist es, den Wildwuchs an grünen Logos einzudämmen und klare, verständliche Standards zu etablieren. Nur so kann sichergestellt werden, dass nachhaltige Versprechen auch tatsächlich eingehalten werden“, bekräftigt Laeis.
Eine Regulierung des aktuellen Systems wäre seiner Ansicht nach möglich, wenn es gesetzlich verbindliche Grundlagen gäbe, was ein Nachhaltigkeitssiegel oder -zertifikat beinhalten muss. Die Green Claims Directive der EU ist für Laeis ein Schritt in die richtige Richtung, wenngleich sie soziale Nachhaltigkeit hier nur bedingt berücksichtigt werden wird.
Florian Ladurner


