Was der heilige Franziskus die Welt heute noch lehrt

Was der heilige Franziskus die Welt heute noch lehrt
sueddeutsche.de: Der Ordensgründer aus Assisi hat vor 800 Jahren in seinen letzten Lebenstagen dem Sonnengesang die Todesstrophe hinzugefügt. Ihre Kraft hat die weltberühmte Hymne bewahrt.
In den Septembertagen des Jahres 1226 spürte Franziskus, dass ihm der Tod naht. Er ließ sich, von Krankheit schwer gezeichnet und fast blind, zum Sterben in die Portiunkula tragen, in die kleine Marienkapelle unterhalb von Assisi, die die Wiege seines Ordens war. Dort diktierte er seinen franziskanischen Mitbrüdern einen letzten Vers zu seinem Sonnengesang, die Todesstrophe: „Gelobt seist du, mein Herr / durch unsere Schwester, den leiblichen Tod.“ Es war kein Abgesang; der Sonnengesang war, ist und bleibt eine zarte Hymne – ein Lobpreis auf die Schöpfung, in der sich für den „Poverello“, den kleinen armen Heiligen Franziskus, die Größe und Güte Gottes spiegelt. Etwa 43 Jahre war er alt, als er starb – nackt auf dem Boden liegend, wie er es sich gewünscht hatte.
Der Sonnengesang: Achthundert Jahre später rührt und ergreift dieser Gesang die Menschen immer noch und immer wieder. Es ist ein Jahrtausendlied – gedichtet von dem Mann, der sich selbst den Troubadour, den Spielmann Gottes nannte, den manche seiner vielen Biografen den Narren Gottes nennen. Aber er war kein Clown, er war ein fröhlicher Revolutionär, ein Revolutionär in Bettlerkutte – verdreckt, verlaust, verherrlicht. Er war ein charismatischer Systemkritiker, dessen Systemkritik die Systeme überdauert. Die Botschaft des Franziskus war und ist eine universale Friedensbotschaft, eine radikale und subtile Kritik am maßlosen Leben und an der Entfremdung von der Natur und den Mitmenschen. Die Bewohner der alten Zeiten und der neuen Welten konnten und können sie in ihre jeweilige Gegenwart übertragen – so dass selbst die Gegner des Gebäudeenergiegesetzes der schwarz-roten Regierung von Friedrich Merz sich auf Franziskus stützen können, wenn sie sagen: „Europa brennt, und die Union und die SPD verweigern den Klimaschutz.“
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Nicht akademisch, aber mit poetischer Kraft
Wenn das Bundesverfassungsgericht in seinem sensationellen Beschluss vom März 2021 die Politik zur „Herstellung von Klimaneutralität“ verpflichtet und sich dabei auf den Artikel 20a Grundgesetz beruft, dann sind das alles franziskanische Gedanken – ohne seine Poesie, aber mit großer Potenz: „Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen“, so steht es seit 1994 in der deutschen Verfassung. Das höchste Gericht in Karlsruhe hat daher in seinem wegweisenden Klimabeschluss von einer „eingriffsähnlichen Vorwirkung“ der schon heute anfallenden Emissionen gesprochen. Der Gesetzgeber müsse also einen Verbrauch von Ressourcen verhindern, der keine Rücksicht nimmt auf die dadurch gefährdete künftige Freiheit zukünftiger Generationen. „Intertemporale Freiheitssicherung“ hat Karlsruhe das genannt.
Franziskus hat das nicht so akademisch, aber mit poetischer Kraft ausgedrückt und die Herzen berührt. Im genial einfachen Sonnengesang singt er vom „Bruder Sonne“, vom „Bruder Wind“ und vom „Bruder Feuer“. Er nennt den Mond, die Sterne, das Wasser und die Erde Schwestern. Das ist nicht akademisch, es ist ganz eigen – nicht deswegen, weil die Sonne im Deutschen ja weiblich und der Mond männlich ist. Wenn in den meisten deutschen Übersetzungen aus dem altumbrischen Dialekt die Sonne als Bruder vermännlicht und der Mond als Schwester verweiblicht ist, steckt dahinter nicht irgendein Gender-Konzept, sondern ist das allein der italienischen Sprache geschuldet: Da heißt es „il sole“ und „la luna“. All diese familiären Anreden sind von einem radikal sozialen und theologischen Gedanken durchdrungen – Mensch und Natur als Familie. Für Franz von Assisi ist der Mensch nicht Herrscher und die Natur die nicht beherrschte Untergebene. Weil alle Dinge vom selben Schöpfer, von Gott, abstammen, sind sie miteinander verwandt. Indem Franziskus die Elemente als Bruder und Schwester anspricht, hebt er die Natur auf eine Stufe mit dem Menschen und nimmt ihr jeglichen Objektcharakter.
Die Schöpfungsgeschichte wurde lange missverständlich übersetzt
Er löst die Natur, er löst das Ökosystem aus dem Beherrschungsmechanismus, in dem sie gefangen sind. Das ist ein Perspektivenwechsel, den die Politik, das Recht und die großen Religionen bis heute nicht ganz mitvollzogen haben. Das Recht teilt die Welt immer noch ein in Rechtssubjekte und Rechtsobjekte; Rechtssubjekte sind die Player, die mit den Rechtsobjekten spielen oder Handel treiben. In Lateinamerika etwa versucht eine revolutionäre Rechtsprechung, dies zu ändern und der Natur eigene Rechte zu geben. Die christliche Theologie hat sich bei der Betrachtung von Natur und Umwelt lange Zeit festgehalten an einer missverstandenen Übersetzung der biblischen Schöpfungsgeschichte aus dem Hebräischen, in der es heißt, dass der Mensch sich die Erde „untertan“ machen soll. Franziskus hat das korrigiert und richtiggestellt.
Die missverstandene Formulierung steht bibel-literarisch in dem Kontext, dass Gott den Menschen nach seinem Bild erschaffen hat, als Statthalter also, um die Welt in seinem Sinn zu pflegen und zu bewahren. Das nimmt der Sonnengesang auf. Er ist also kein romantisch-lyrisches Gesäusel, sondern befreit die Natur; er befreit sie davon, schwer schädlichen kommerziellen Interessen dienen zu müssen. Es geht um die Bewahrung der Schöpfung, die kein unverbindlicher Wunsch ist, sondern eine Verpflichtung gegenüber den nachfolgenden Generationen. Natürlich sind die Menschen als Menschen darauf angewiesen, die natürlichen Ressourcen zu nutzen. Aber das hat spätestens dort seine Grenze, wo Ausbeutung und Schädigung beginnen. Das ist seit 800 Jahren die Botschaft und die Lehre des Heiligen.
Franziskus beklagt jene, die in „tödlicher Sünde“ sterben
Biografen berichten, dass Franziskus damals sterbend in der Portiunkula-Kapelle lag und seine Mitbrüder bat, ihm den Sonnengesang samt der neu hinzugefügten Todesstrophe immer wieder vorzusingen… weiterlesen


