Was Menschen glücklich und gesund macht

Was Menschen glücklich und gesund macht
Grafik: Pixabay CC/PublicDomain

Was Menschen glücklich und gesund macht

zeit.de: Robert Waldinger leitet die größte Harvard-Studie zum Thema Glück. Hier erzählt er von seinen wichtigsten Erkenntnissen – und warum die Jahre ab Mitte 30 so wichtig sind.

Unter welchen Umständen ist ein Leben erfüllt? Dieser Frage geht die Harvard Study of Adult Development nach. Dafür werden seit 1938 etwa 2.000 Personen regelmäßig befragt und untersucht. Damit ist die Studie, deren Ergebnisse unter dem Titel „The Good Life: Lessons from the World’s Longest Study of Happiness“ als Buch erschienen sind, eine der umfangreichsten wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema Glück und Gesundheit. Hier spricht Co-Studienleiter Robert Waldinger über die Ergebnisse und die Bedingungen für ein gutes Leben.

ZEIT ONLINE: Herr Waldinger, ich habe für dieses Interview meine Freunde gezählt. Es sind etwa 30, richtig eng ist allerdings nur ein Bruchteil. Ist das genug für ein glückliches Leben?  

Robert Waldinger: Das hängt sehr von Ihrer Persönlichkeit ab. Es gibt keinen allgemeingültigen idealen Wert. Introvertierte Menschen brauchen nur eine kleine Anzahl von Freunden, um ein glückliches Leben zu führen. Möglicherweise reichen ein oder zwei. Mehr sind für sie unter Umständen sogar kontraproduktiv, weil das Stress auslöst. Extrovertierte Menschen brauchen dagegen viel mehr Freunde. Die entscheidende Frage ist daher: Ist man mit der Anzahl und der Art und Weise seiner sozialen Kontakte zufrieden?

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Viele meiner Freundschaften sind eher flach, man trifft sich selten, spricht über offensichtliche, einfache Themen. Sollte ich versuchen, sie zu vertiefen?

Waldinger: Wir ziehen unterschiedliche Dinge aus Freundschaften. Mit den einen Freunden sprechen wir über sehr persönliche Dinge. Andere helfen uns vielleicht ganz praktisch: Da ist der eine Freund, der alle Werkzeuge und einen guten handwerklichen Rat hat, mit dem du aber niemals über persönliche Dinge sprechen würdest. Da sind diejenigen, mit denen du abends ausgehst und Spaß hast. Diese Unterschiede sind gut und wichtig. Es gibt nicht die eine Art der Freundschaft, die besser ist als andere. Auch kann uns eine einzelne Person kaum all das geben, was wir brauchen. Was man aber auf jeden Fall braucht, sind Freunde, die einem in harten Zeiten zur Seite stehen.

Die Harvard Study of Adult Development erforscht die Voraussetzungen für ein glückliches, gesundes Leben. Zu welchem Schluss kommen Sie?

Unsere Studie liefert zwei große Erkenntnisse. Die erste ist keine Überraschung: Wer sich um seine Gesundheit kümmert, nimmt enormen Einfluss darauf, wie lange und wie gut er lebt. Man sollte also gesund und abwechslungsreich essen, ausreichend schlafen, nicht rauchen, nicht übergewichtig sein, keine Drogen nehmen und Alkohol nicht missbrauchen. Man sollte regelmäßig trainieren und medizinische Vorsorge wahrnehmen. Diese Dinge können einen großen Unterschied machen, es geht um zehn Jahre und mehr des guten Lebens. 

Zweitens, und das ist die Überraschung: Die gesündesten und glücklichsten Menschen sind unserer Studie zufolge die, die gute, warme soziale Kontakte haben. Ihnen gelingt es, ihre Verbindung zu anderen Menschen in dem Ausmaß zu gestalten, wie sie es für ihr eigenes Wohlbefinden brauchen. Diejenigen, die früh sterben und deren Gesundheit früher schlechter wird, sind oft diejenigen, die einsam sind, die also nicht in dem Ausmaß Verbindungen haben, wie sie es sich selbst wünschen. 

Glück ist etwas Diffuses, Temporäres. Wie wird es in der Studie gemessen?

Es gibt viele Wege. Wir fragen direkt: Wie glücklich sind Sie auf einer Skala von 1 bis 10? Oder: Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Leben oder bestimmten Teilen davon, etwa der Beziehung oder dem Job? Wir haben auch physische Faktoren geprüft. Für einen Test haben wir Teilnehmer in unser Labor eingeladen und sie gezielt Stress ausgesetzt. Diejenigen, denen es emotional besser ging, zeigten sich resilienter. Wir haben außerdem Hirnaktivitäten beobachtet: Wie reagieren Studienteilnehmer auf fröhliche Bilder, wie auf negative? Auf diesem Weg bekommt man einen Eindruck davon, wie glücklich ein Mensch ist.

Man kann sich intervenierende Faktoren vorstellen. Wer Geld hat und gut aussieht, ist vielleicht eher glücklich und hat mehr Zeit, Freundschaften zu pflegen.

Wir können solche Faktoren statistisch kontrollieren und sie ausschließen. Ohnehin sind solche Zusammenhänge nicht per se plausibel. Es gibt äußerst gut aussehende Menschen, die äußerst unglücklich sind. Gleiches gilt für Reichtum. Wahr ist aber auch: Gut aussehende Menschen ziehen andere an, sodass es ihnen leichter fallen kann, neue Kontakte zu knüpfen. 

Warum sind ausgerechnet gute Beziehungen so wichtig für unser Wohlbefinden und sogar für physische Merkmale wie die Gesundheit? 

Wir haben versucht, diese Frage in unserem Labor zu überprüfen. Die stärkste Erklärung hat mit Stress zu tun. Wir Menschen sind soziale Wesen. Je isolierter wir sind, desto unglücklicher sind wir. Das erzeugt Stress, der den Körper in vielerlei Hinsicht bricht. Er hat Auswirkungen auf unterschiedliche Systeme: Das Immunsystem arbeitet schlechter, Kortisol zirkuliert stärker, Entzündungswerte steigen. Die Folge sind Veränderungen zum Beispiel in den Koronararterien, in Gelenken, in der Hormonproduktion. Die Wahrscheinlichkeit von Krankheiten wie Typ-2-Diabetes und Übergewicht nimmt zu. 

Ist es nicht ein evolutionärer Nachteil, derart auf Stress zu reagieren?

Evolutionär betrachtet steht dahinter, dass man in Gruppen sicherer ist. Ein Einzelner ist gefährdeter durch Raubtiere und andere Gefahren. Früher gaben diejenigen ihre Gene weiter, die gemeinsam unterwegs waren.  

Stress kann auch durch schlechte, gar toxische Beziehung ausgelöst werden. Wie erkennt man sie – und wie kommt man da raus?

Der Stress ist ein guter Indikator, um eine schlechte Beziehung zu erkennen. Sorgt diese Person regelmäßig dafür, dass ich mich nicht gut fühle, dass ich deprimiert bin? Entzieht sie mir Energie und Lebensfreude? Das bedeutet nicht, dass man sofort jede schwierige Beziehung aufgeben sollte. Aber man sollte daran arbeiten, sie zu verbessern. Bei manchen Beziehungen ist das allerdings nicht möglich. Dann sollte man es lassen und sich auf Menschen konzentrieren, die einem guttun… weiterlesen

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