Drittel der Meeressäuger-Arten „out-of-habitat“

Drittel der Meeressäuger-Arten „out-of-habitat“
Ob der in Deutschland gestrandete Buckelwal “Timmy”, der Österreich durchwandernde Elch “Emil” oder nun “Magnus”, das Walross, das an der Küste Schottlands aufgetaucht ist: Tiere, die weit außerhalb ihrer Heimat unterwegs sind, sorgen für Aufmerksamkeit und Anteilnahme.
Doch solche Fälle sind nicht nur tragische Einzelschicksale: Eine neue Studie dokumentiert, dass Individuen zahlreicher Meeressäugerarten weltweit immer häufiger dort auftauchen, wo sie nicht heimisch sind – fernab ihrer natürlichen Verbreitungsgebiete, etwa in Flüssen oder Küstenstädten.
Erstmals systematische Untersuchung
Die in der Fachzeitschrift Diversity veröffentlichte Studie mit Beteiligung von Expertinnen und Experten der internationalen Meeresschutzorganisation OceanCare untersucht erstmals systematisch das globale Ausmaß sogenannter „Out-of-Habitat“-Ereignisse bei Meeressäugern. Darunter fallen Tiere, die außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets vorkommen oder sich zwar in ihrer Heimat befinden, aber unter Bedingungen, die für ihr Überleben ungeeignet sind.
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Die Ergebnisse sind deutlich: Expertinnen und Experten aus sechs Kontinenten dokumentierten insgesamt Exemplare von 42 verschiedenen Arten „out of habitat” – das entspricht ungefähr einem Drittel aller 129 bekannten Wal- und Robbenarten. Drei Viertel der Befragten gaben an, dass solche Ereignisse zunehmen. Mehr als die Hälfte sieht darin mögliche Vorboten größerer Verbreitungsverschiebungen.
Klimawandel verändert Lebensräume
Als wichtigste Faktoren nennen die Befragten steigende Meerestemperaturen und Veränderungen in der Verteilung von Beutetieren. Laut den Forschern ist der Klimawandel wahrscheinlich zentraler Treiber dieser Entwicklung.
Besonders sichtbar wird das bei Arten, die plötzlich in ungewohnten Regionen auftauchen: Walrosse wurden in den vergangenen Jahren wiederholt weit südlich ihres arktischen Lebensraums in gemäßigten europäischen Gewässern gesichtet. Ein Zwergwal schwamm bis nach London, auch ein arktischer Weißwal (Beluga) wurde in der Themse dokumentiert, ein Schwertwal in der französischen Seine. In Peru haben sich Galápagos-Seebären – eine gefährdete Art – inzwischen in dritter Generation auf einer Insel angesiedelt, rund 1.800 Kilometer entfernt von ihrer Heimat.
Nicht alle Regionen sind vorbereitet
Die Studie zeigt auch: Der Umgang mit solchen Fällen ist sehr uneinheitlich. Nur 40 Prozent der Befragten hielten ihre lokalen Behörden oder Rettungsnetzwerke für ausreichend vorbereitet, 46 Prozent sahen sie als unzureichend vorbereitet an.
Gerade große Meeressäuger oder Tiere in dicht besiedelten Gebieten stellen Rettungsteams vor enorme Herausforderungen. Neben Fachwissen braucht es klare Abläufe, Ressourcen und Training, auch im Umgang mit möglichen Konflikten zwischen Mensch und Tier.
Mark Simmonds, Leiter Wissenschaft bei OceanCare und Mitautor der Studie, sagt: „Wenn Walrusse an Europas Küsten und Wale weit außerhalb ihrer Habitate auftauchen, sind das keine kuriosen Einzelfälle. Sie mahnen, wie stark sich die Ozeane bereits verändern. Die Studie dokumentiert nun erstmals, dass dieses Phänomen global auftritt – und deutlich ernster genommen werden muss.“
Laetitia Nunny, Senior Science Officer bei OceanCare und Mitautorin der Studie, ergänzt: „Meeressäuger reagieren sensibel auf Veränderungen ihrer Umwelt. Wenn sich Meerestemperaturen, Nahrungsverfügbarkeit und Lebensräume verschieben, sind diese Tiere gezwungen, sich neue Gebiete zu suchen. Entscheidend ist nun, Schutz- und Reaktionsstrukturen so an diese neue Realität anzupassen, um sowohl das Wohlergehen der Tiere als auch der Menschen zu schützen.“
OceanCare fordert daher folgende Schritte, um „Out-of-Habitat“-Ereignisse stärker in Schutz-, Forschungs- und Rettungsstrategien einzubeziehen:
- bessere internationale Erfassung solcher Fälle
- klare Protokolle für Rettungseinsätze
- stärkere Unterstützung von regionalen Rettungsnetzwerken
- konsequente Reduktion der Treibhausgasemissionen als wichtigste Maßnahme zur Eindämmung der globalen Erwärmung
Anton Mattmüller


