Größtes Windrad der Welt entsteht in Deutschland

Größtes Windrad der Welt entsteht in Deutschland
Foto: Sprind GmbH

Größtes Windrad der Welt entsteht in Deutschland

euronews.com: Wo einst Braunkohle die Landschaft prägte, wächst in einem kleinen deutschen Ort nun das wohl höchste Windrad der Welt in den Himmel. Die Anlage soll zeigen, wie neue Technik Europas Windkraft effizienter machen und die Energieversorgung unabhängiger aufstellen könnte.

In Schipkau, einem kleinen Ort in Brandenburg, wurden im März die Arbeiten an einer ungewöhnlichen Baustelle wieder aufgenommen. Ein Großkran ist in Stellung, Stahlträger werden montiert, und nach und nach wächst ein Gittermast in den Himmel. Wenn alles nach Plan verläuft, entsteht hier nach Angaben der Baufirma GICON das höchste Windrad der Welt: rund 360 Meter von der Fundamentplatte bis zur Rotorspitze. Damit wäre die Anlage nach dem Berliner Fernsehturm mit seinen 368 Metern das zweithöchste Bauwerk Deutschlands. GICON spricht von einer Höhenwindenergieanlage, die einen Beitrag zu einer unabhängiger aufgestellten Energieversorgung leisten soll.

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Die Zahlen, die der Dresdner Ingenieurdienstleister GICON nennt, sind beachtlich: 300 Meter Nabenhöhe, ein prognostizierter Jahresstromertrag von 30 bis 33 Gigawattstunden und Stromgestehungskosten von weniger als fünf Cent pro Kilowattstunde. Nach Unternehmensangaben ließen sich damit rund 7.500 Vier-Personen-Haushalte versorgen. Im Vergleich zu herkömmlichen Anlagen verspricht GICON in einer Pressemitteilung vom 3. März eine Leistungssteigerung von bis zu 220 Prozent gegenüber Nachbaranlagen im Windpark Schipkau.

Der Hintergrund ist physikalisch naheliegend: Je höher ein Windrad steht, desto stärker und gleichmäßiger weht in der Regel der Wind. GICON, das nach eigenen Angaben seit 2010 an der Technologie arbeitet, wollte diese Annahme wissenschaftlich absichern. Im Auftrag der beventum GmbH, einer Tochter der Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND), errichtete das Unternehmen deshalb im benachbarten Klettwitz einen Windmessmast. Dabei zeigte sich, dass der Wind in 300 Metern Höhe tatsächlich stetiger und stärker weht als in den bislang üblichen Höhen.

Der Trick: Turbine auf Teleskop

Die zentrale technische Frage lautet, wie sich eine Turbine in diese Höhe bringen lässt. Herkömmliche Kräne stoßen dabei an ihre Grenzen. Das Dresdner Unternehmen setzt deshalb auf eine patentierte Teleskopvorrichtung: Die Turbine soll zunächst in 150 Metern Höhe montiert und anschließend auf 300 Meter hochgefahren werden, wie aus den Projektunterlagen hervorgeht. Der Gittermast besteht aus lokal produziertem Stahl.

Ende 2025 wurde der Bau durch ein Qualitätsproblem gebremst. Bei Stahlelementen eines Subunternehmens wurden Abweichungen festgestellt, woraufhin die Arbeiten gestoppt wurden. Mitte Februar 2026 begannen die Vorbereitungen für die Wiederaufnahme, seit dem 2. März läuft der Baubetrieb wieder. „Sicherheit und Qualität haben bei diesem weltweit einmaligen Projekt absolute Priorität“, so GICON-CEO und Firmengründer Prof. Jochen Großmann in einer Pressemitteilung. Die Austauscharbeiten sollen bis Ende März abgeschlossen sein. Im Sommer 2026 soll der Windkraft-Gigant planmäßig fertig sein.

Von der Kohle zur Windenergie

Schipkau liegt in der Lausitz, einer Region, die über Jahrzehnte von der Kohle geprägt war und heute als Beispiel für den Strukturwandel gilt. Dass ausgerechnet hier das erste Höhenwindrad dieser Art entstehen soll, ist daher kein Zufall: Die Region bietet Fläche, Infrastruktur und politische Unterstützung für neue Energieprojekte.

Langfristig soll der Standort zu einem Hybridkraftwerk ausgebaut werden: mit zwei Ebenen Windkraft und einem Solarpark am Boden. Nach Angaben des Unternehmens soll diese Dreifachnutzung einer Fläche den Energieertrag im Vergleich zu einer reinen Solarnutzung verfünffachen. Durch die Kombination verschiedener Energiequellen soll zudem über das Jahr hinweg eine gleichmäßigere Stromerzeugung möglich werden.

Kritik: Wenn der Wind zu stark wird

So ambitioniert das Projekt ist, es verweist auch auf ein strukturelles Problem der Energiewende. Das Stichwort lautet Redispatch – und dahinter verbirgt sich ein teures Paradox: Wenn in windreichen Regionen Nordostdeutschlands mehr Strom ins Netz fließt, als die Leitungen in den verbrauchsstarken Süden abtransportieren können, müssen Windräder zwangsweise gedrosselt oder abgeschaltet werden. Gleichzeitig springen andernorts andere Kraftwerke ein, um die Lücke zu füllen. Kurz gesagt: Sauberer Strom wird weggeworfen, damit das Netz stabil bleibt – und die Kosten dafür zahlen die Verbraucher über die Netzentgelte.

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