Klamme Städte: Die Klima-Euphorie ist verflogen

Klamme Städte: Die Klima-Euphorie ist verflogen
welt.de: Viele nordrhein-westfälische Städte verfolgen das Ziel, bis zum Jahr 2035 klimaneutral zu werden. Doch nun wird immer deutlicher: Zur Umsetzung fehlt ihnen das Geld.
Bielefeld gehört trotz zuletzt gestiegener Arbeitslosigkeit zu den wohlhabenden Städten Nordrhein-Westfalens. Der Lebensmittelkonzern Dr. Oetker, Maschinenbauunternehmen und die Universität sorgen für gut bezahlte Jobs, Ostwestfalen ist eines der industriellen Zentren Deutschlands. Im April 2024 beschloss der Rat der Stadt, „die Bielefelder Klimaziele deutlich zu verschärfen“. Die Stadt selbst will bis 2030 ihre Gebäude klimaneutral entwickeln. Auch die Stadtwerke setzten sich vor zwei Jahren ein ambitioniertes Ziel: Bis 2040 wolle man Strom und Wärme klimaneutral anbieten und auch den Nahverkehr und die Schwimmbäder CO₂-frei machen. Doch die Umsetzung solcher Ankündigungen scheint immer schwieriger zu werden – nicht nur in Bielefeld.
„Diese zahlreichen Wenden“
„Die vergangenen zwei, drei Jahre waren, auch was das Wirtschaftswachstum angeht, sehr herausfordernd. Die Rahmenbedingungen sind schwierig und wir halten das Jahr 2040 als Ziel für die Klimaneutralität nicht mehr für realistisch“, sagt Martin Uekmann, seit 2014 Geschäftsführer der Stadtwerke Bielefeld, im Gespräch mit WELT. Die Stadtwerke haben wirtschaftliche Probleme. Nicht nur die Klimaziele werden verschoben, bis 2030 will das Unternehmen auch 290 von 2900 Stellen abbauen. „Wir brauchen rund zwei Milliarden Euro, um für Bielefeld eine Klimaneutralität, diese zahlreichen Wenden, Verkehrswende, Energiewende, zu stemmen. Und um die bestehende Infrastruktur instand zu halten, brauchen wir noch einmal eine Summe in ähnlicher Größenordnung“, so Uekmann.
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Wie in vielen Städten so sind auch in Bielefeld die Gas- und Stromleitungen sanierungsbedürftig. Ein großer Teil stammt aus der Nachkriegszeit, das Netz wurde bis in die 70er-Jahre hinein aufgebaut. Nun müssen die Leitungen erneuert werden. Hinzu kommen die Kosten für die Energiewende: Vier Milliarden Euro, das ist eine Menge Geld für ein Unternehmen mit einer Bilanzsumme von gut 1,1 Milliarden Euro im Jahr 2024. „Wir brauchen Engagement des Eigentümers in Form von Eigenkapital“, so Uekmann. Wenn die Stadt in Infrastruktur investiere, investiere sie in Zeiträume von bis zu 40 Jahren: „Das kostet erst einmal Geld, aber es refinanziert sich über die Einnahmen, die zum Beispiel ein Fernwärmenetz bringt.“
„Wir dürfen das System nicht vor die Wand fahren“
Das könnten Städte wie Bielefeld nicht allein stemmen, sagt Uekmann: „Wir fordern deshalb einen verlässlichen Finanzrahmen, für den die Städte nicht allein aufkommen können. Hier sind Bund und Land gefragt.“ Doch auch dort herrscht Ebbe in der Kasse.
Am Ziel der Klimaneutralität mag Uekmann nicht rütteln. Es ist für ihn gleichermaßen eine Frage der wirtschaftlichen Zukunft und ein moralisches Gebot. Doch das energiewirtschaftliche Zieldreieck setze sich aus den drei Punkten Wirtschaftlichkeit, Nachhaltigkeit und Versorgungssicherheit zusammen. Deshalb sei er sehr vorsichtig, wenn es darum gehe, eine neue Jahreszahl zu nennen. „Wir müssen immer versuchen, das Maximale zu geben. Wir dürfen das System aber nicht vor die Wand fahren und wir dürfen auch die Menschen nicht verlieren.“ Und auch der Wirtschaftsstandort dürfe nicht infrage gestellt werden.
In der Millionenstadt Köln wird die Energiewende noch teurer als in Bielefeld. Stadtwerke-Chef Andreas Feicht geht von vier Milliarden Euro aus. An den Klimazielen mag aber auch Feicht nicht rütteln. Er verweist im Gespräch mit dieser Zeitung auf spektakuläre Vorhaben der Stadtwerke. In wenigen Wochen beginne man mit dem Bau der größten Flusswasser-Wärmepumpe Europas, um Fernwärme zu erzeugen. „Vieles von dem, was wir selbst beeinflussen können, sehen wir als erreichbar an. Wenn Teile der Ziele zu wesentlich geringeren Kosten am Ende wenige Jahre später erreicht werden, so ist das aus unserer Sicht vertretbar und vernünftig.“
„Die Bezahlbarkeit im Blick behalten“
Das formulierte Ziel, Köln bis 2035 klimaneutral zu machen, ist für Feicht also nicht in Stein gemeißelt. Dass Deutschland bis 2045 klimaneutral werden und NRW 2030 aus der Kohle aussteigen könne, glaubte der Christdemokrat schon vor zwei Jahren nicht… weiterlesen


