Fazit nach 40 Jahren Klimajournalismus

Fazit nach 40 Jahren Klimajournalismus
Foto: Chr. Scholz/Flickr CC

Fazit nach 40 Jahren Klimajournalismus

fr.de: FR-Autor Joachim Wille schreibt seit vier Jahrzehnten über die Klimakrise. In seinem Essay zieht er eine Bilanz von Warnungen, politischem Handeln und verpassten Chancen, die Krise abzuwenden. Und erklärt, was ihm Hoffnung macht.

Eine Fotomontage: Der Kölner Dom, umspült von den Fluten eines Meeres. Darunter in großen Lettern: „Die Klima-Katastrophe“. Es war das Titelbild des Magazins „Spiegel“, veröffentlicht im August 1986. Das Thema: „Ozon-Loch, Pol-Schmelze, Treibhaus-Effekt. Forscher warnen.“

Der Titel war drastisch. Und er war völlig übertrieben. Schließlich würde es selbst bei einem extremen Klimawandel Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende dauern, bis ein steigender Meeresspiegel den Kölner Dom erreichen könnte. Zudem vermischte der Text Probleme, die man heute sauberer auseinanderhalten würde: den menschengemachten Treibhauseffekt und den Abbau der schützenden Ozonschicht in der Atmosphäre. Trotzdem war das Kölner-Dom-Menetekel eine Art Urknall der deutschen Klimaberichterstattung. Plötzlich war ein Thema, das bis dahin vor allem Meteorolog:innen und einige Umweltfachleute beschäftigt hatte, in der Öffentlichkeit angekommen.

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Für mich als junger FR-Redakteur, der Umweltthemen früh zu seinem Schwerpunkt gemacht hatte, begann damals eine journalistische Reise, die nun vier Jahrzehnte andauert. Anfangs war der Klimawandel ein Zukunftsthema. Etwas, das nach den Berechnungen der Wissenschaft irgendwann im 21. Jahrhundert gefährlich werden würde. Heute braucht niemand mehr Computermodelle, um eine Vorstellung davon zu bekommen. Man muss im Sommer nur vor die Tür gehen, wo sengende Hitze herrscht. Oder in einen Laubwald, der im August schon seine Blätter abwirft. Oder an den Rhein, der ein Rinnsal geworden ist.

Rio war eine Aufbruchszeit

Anfang 1986 hatte die Deutsche Physikalische Gesellschaft die drohende „Klimakatastrophe“ beschrieben. Eine Warnung, die den „Spiegel“ zu seinem Dom-Titel inspirierte. Ein Jahr später folgte gemeinsam mit der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft die wissenschaftlich differenziertere „Warnung vor drohenden weltweiten Klimaänderungen durch den Menschen“. Die Forschenden beschrieben präzise den Mechanismus: Durch die Verbrennung von Kohle, Erdöl und Erdgas, durch Waldrodung sowie industrielle und landwirtschaftliche Aktivitäten steige die Konzentration von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen in der Atmosphäre. Dadurch werde die Wärmeabstrahlung der Erde behindert. Die Folge könne bereits innerhalb von 50 bis 100 Jahren eine Erwärmung um mehrere Grad sein.

Das war keine Prophezeiung von Öko-Aktiven. Es war der Stand der Wissenschaft. Der spätere Physik-Nobelpreisträger Klaus Hasselmann machte das Problem 1987 in einem Radiointerview klar: Wenn man warte, bis der menschliche Einfluss auf das Klima zweifelsfrei aus den natürlichen Schwankungen herausrage, seien die Veränderungen womöglich bereits so groß, dass es „zu spät ist, korrigierend einzuwirken“.

Die Botschaft lautete: Handeln, bevor der letzte Beweis erbracht ist. Vorsorge statt Reparatur.

Die Politik in Deutschland reagierte. Der Bundestag setzte 1987 die Enquete-Kommission „Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre“ ein. Für mich als Umweltjournalisten waren ihre Sitzungen und Berichte faszinierend. Klimapolitik war noch kein Kulturkampf. Abgeordnete aller Parteien saßen mit Spitzenforscher:innen zusammen und versuchten, herauszufinden, was zu tun sei. Die Kommission empfahl 1990, den deutschen CO2-Ausstoß bis 2005 um mindestens 30 Prozent zu senken. Die Bundesregierung unter Helmut Kohl (CDU) beschloss schließlich ein nationales Minderungsziel von 25 Prozent gegenüber dem Basisjahr 1990. Deutschland verstand sich als klimapolitischer Vorreiter.

Man muss sich das aus heutiger Sicht noch einmal klarmachen: Eine CDU-geführte Bundesregierung verkündete damals das ambitionierteste Klimaziel der Welt. Kohl erklärte vor dem legendären UN-Erdgipfel 1992 in Rio de Janeiro zu Recht, Deutschland habe als erstes großes Industrieland die Verminderung der Treibhausgase aktiv in Angriff genommen – auch wenn ein großer Teil der Minderung dem Zusammenbruch der schmutzigen DDR-Industrie geschuldet war.

Schlüsselfigur: Klaus Töpfer

Eine Schlüsselfigur jener Jahre war Klaus Töpfer (CDU). Kohl hatte ihn 1987 zum Bundesumweltminister gemacht. Ich habe Töpfer über Jahrzehnte erlebt, interviewt und begleitet, diesen „Grünen mit CDU-Parteibuch“. Er dachte Umweltpolitik nicht als Nischenpolitik, sondern als Modernisierungspolitik – und zunehmend global. Beim Erdgipfel wurde er zum „Retter von Rio“. Er vermittelte zwischen den Interessen von Nord und Süd.

In Rio entstand 1992 mit der UN-Klimarahmenkonvention erstmals ein globales politisches Fundament für den Kampf gegen die Erderwärmung. Fast alle Staaten der Erde, deren politische Chefs sich unter dem Zuckerhut versammelt hatten, erkannten an: Die Konzentration der Treibhausgase muss auf einem Niveau stabilisiert werden, das eine gefährliche Störung des Klimasystems verhindert. Darunter so unterschiedliche Typen wie Bush senior, Kohl, Mitterrand, Li Peng, Suharto und Castro.

Rio war eine Aufbruchszeit, ein Lichtblick nach dem Ende des Kalten Krieges. Die Hoffnung vieler Menschen war, und sie beflügelte auch mich als Redakteur, das Thema ins Zentrum meiner Arbeit zu stellen: Die Welt würde sich nicht mehr länger um den möglichen Overkill mit Atomraketen, sondern um die wirklichen Probleme der Erde kümmern: Umwelt, Klima und Entwicklung. Hartmut Graßl, einer der Pioniere der deutschen Klimaforschung, erinnerte sich später in einem Interview mit mir: „Es gab damals eine viel größere Aufbruchsstimmung und viel mehr Bereitschaft, das Problem anzupacken.“ Und Töpfer sagte im Rückblick: „Wir waren damals so euphorisch.“ Genau. Das war es, was auch ich damals empfand.

Rückschläge

Es folgten Rückschläge. Die USA wollten sich nicht auf verbindliche CO2-Minderungen festlegen, Entwicklungsländer pochten zu Recht darauf, dass die Industriestaaten die historische Hauptverantwortung trugen und beim CO2-Sparen vorangingen. Zugleich begann die fossile Wirtschaft zu begreifen, was ernsthafter Klimaschutz für ihr Geschäftsmodell bedeutete. Widerstand formierte sich.

Trotzdem gelang 1997 in japanischen Kyoto der nächste große Schritt. Das Kyoto-Protokoll verpflichtete die Industriestaaten erstmals völkerrechtlich zu einer Begrenzung ihrer Treibhausgas-Emissionen. Es war unvollkommen. Die USA ratifizierten es nie, und die Schwellenländer hatten noch keine CO2-Reduktionspflichten. Aber das Prinzip stand: Klimaschutz war nicht mehr bloß eine moralische Aufforderung, sondern konnte verbindliches internationales Recht werden… weiterlesen

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