Meerespegel steigt schneller als Deiche wachsen

Meerespegel steigt schneller als Deiche wachsen
Foto: Pixabay CC/PublicDomain

Meerespegel steigt schneller als Deiche wachsen

ingenieur.de: Bis zu fünf Zentimeter pro Jahr könnte der Meeresspiegel bis 2150 steigen. Forschende warnen: Ohne Klimaschutz überfordert das den Küstenschutz.

5 cm/Jahr – so schnell könnte der Meeresspiegel bis zum Jahr 2150 steigen, wenn sich nichts tut in der Weltklimapolitik. Das wäre schneller, als wir Deiche bauen könnten, mahnen Experten just eine Woche, bevor im türkischen Antalya die Weltklimakonferenz, in der UN-Zählung kurz COP31 genannt, startet. Die COP31 könnte die richtigen Weichen stellen, um einen derart starken Meeresspiegelanstieg zu vermeiden.

Warum die Mahnung jetzt? Weil wir sehr wahrscheinlich das Ziel des Pariser Weltklimavertrags von 1,5 °C Erderwärmung über dem vorindustriellen Niveau überschreiten werden. Selbst wenn wir irgendwann durch Klimaschutz diesen Trend früher oder später wieder umkehren würden, und die Erwärmung wieder unter der 1,5-°C-Grenze landen würde, hätte das Wirkungen auf unsere Erde. Diese sind teilweise nicht umkehrbar, zumindest nicht auf Zeitskalen menschlicher Generationen. Overshoot nennt das die Klimaforschung.

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80 Forscherinnen und Forscher haben sich daher einen sehr sensiblen Teil unseres Erdsystems angeschaut, die sogenannte Kryosphäre. Sie umfasst das Land- und das Meereis und den Permafrostboden.
Daher geht es dort auch darum, was mit dem Meeresspiegel passiert, wenn große Eismassen abschmelzen würden. Im gemeinsamen Bericht „Overshoot and the Cryosphere: Averting Global Meltdown“ der International Cryosphere Climate Initiative (ICCI) und des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) zeigen die Autorinnen und Autoren auf, was mit der Kryosphäre bei einem Overshoot passieren kann, und was am besten zu tun ist.

Meeresspiegel steigt schneller als Küstenschutz reagieren kann

5 cm Meeresspiegelanstieg pro Jahr – weltweit. Ist das denkbar? Ja, sagen die Forscherinnen und Forscher, die den Bericht „Overshoot and the Cryosphere: Averting Global Meltdown“ gemeinsam verfasst haben. 5 cm/Jahr, das sind 1 m in 20 Jahren. Ein Tempo, das kaum Zeit für Anpassungen durch uns Menschen lässt, verdeutlicht Ben Marzeion, Professor für Klimageographie am Institut für Geographie der Universität Bremen, gegenüber dem Science Media Center (SMC). „Da ein Meeresspiegelanstieg von mehreren Metern langfristig unvermeidlich ist, wird es in den kommenden Jahrhunderten immer schwieriger werden, Städte wie Hamburg, Bremen oder auch New York zu schützen. Ich bin überzeugt, dass wir uns von einigen Küsten irgendwann zurückziehen müssen“.

Daher, so Marzeion, sei Klimaschutz so wichtig. „Ohne Klimaschutz bleibt uns für die Anpassung schlicht keine Zeit.“ Die 5 cm/Jahr stammen daher auch aus dem Szenario, einem von dreien, das die Studie untersuchte, in dem der Klimaschutz nicht vorankommt. Dann erfolgt nämlich ein vergleichsweise starker Overshoot auf ca. 3 °C. Dann würden Eisschild-Instabilitäten diesen Meeresspiegelanstieg auslösen.

Was nicht heißt, dass ein moderater Klimaschutz, als ein bisschen Fuß vom Gaspedal, eine gute Idee wäre. Schon bei 0,7 cm Meeresspiegelanstieg pro Jahr würden Ökosysteme weltweit an ihre Grenzen stoßen. Natürliche Schutzsysteme wie Mangrovenwälder, Salzwiesen und Korallenriffe würden kollabieren. Dann würden diese natürlichen Puffer überspült und zerstört. Das jetzt besiedelte und noch geschützte Hinterland läge dann schutzlos da und wäre Gezeiten und Wetter preisgegeben. Und diese 0,7 cm/Jahr würden auch bei einem mittleren Overshoot überschritten, bei dem 2,0 °C bis 2,5 °C zwischen 2050 und 2065 erreicht würden.

Das sicherste Szenario wäre ein geringer Overshoot, und das bedeutet: mehr Klimaschutz als bisher. Das würde eine Überschreitung des vorindustriellen Temperaturniveaus von maximal 1,7 °C bis 1,8 °C um 2040 bedeuten. Die 1,5-Grad-Schwelle würde dann um 2100 wieder unterschritten und bis 2150 bei 1,0 °C oder darunter liegen. Das aber wiederum würde nur mit einem ambitionierten Klimaschutzpfad gelingen.

Die Kryosphäre prägt Klima und Meeresspiegel

Die Kryosphäre auf unserer Erde ist das Reich des gefrorenen Wassers:

  • polare Eisschilde in Grönland und der Antarktis,
  • Gebirgsgletscher,
  • schwimmendes Meereis in Arktis und Antarktis
  • Permafrostböden
  • saisonale Schneedecken.

Zusammen bedecken Eisschilde, Gletscher und Permafrostböden etwa 10 % der festen Landfläche der Erde. Im vergangenen Jahrzehnt lag die globale Durchschnittstemperatur 1,26 °C über dem vorindustriellen Niveau. Heute verlieren polare Eisschilde jährlich rund sechsmal so viel Eis wie in den 1990er-Jahren. Und sie wirken zusammen mit dem Permafrostboden dreifach auf das Klima und unser Leben:

  • Albedo-Effekt: Die weiße Oberfläche von Schnee und Eis reflektiert bis zu 85 % oder mehr des einfallenden Sonnenlichts direkt wieder zurück ins Weltall. Schmilzt Eis, kommt darunter dunklere Oberfläche zutage: Wasser, Grünland, Erdboden, Fels. Je nach Oberfläche liegt der Albedowert für die Strahlungsreflexion bei anderen Erdoberflächen, auch abhängig vom Einstrahlwinkel des Sonnenlichts, zwischen einstelligen Prozentbereichen und bis an die 50 %.
  • Süßwasserspeicher: Gebirgsgletscher sind gigantische Süßwasserspeicher. Mehr als 2 Mrd. Menschen weltweit hängen direkt vom schmelzwassergespeisten Abfluss dieser Hochgebirgsregionen ab.
  • Kohlenstoffspeicher: Was die Eismassen an Süßwasser bunkern, speichert der Permafrost an Kohlenstoff. Mindestens 1700 Mrd. t an organischem Kohlenstoff, rund doppelt so viel, wie sich derzeit in der gesamten Erdatmosphäre befindet, schlummern zum Beispiel in Tundraböden.
Kipppunkte der Kryosphäre beschleunigen den Meeresspiegelanstieg

Alles, was unter dem Begriff Kryosphäre vereint ist, reagiert nicht gleich sensibel auf den Klimawandel. Zudem sind manche der Elemente ab einem Punkt unumkehrbar geschädigt, sie erreichen einen Kipppunkt. Zumindest gilt das für zivilisatorische Zeiträume. Marzeion erläuterte hierzu, dass nicht jeder Teil der Kryosphäre im klassischen Sinne kippen könne: „Das arktische Sommermeereis zeigt nach heutigem Stand keinen Kipppunkt, bei Gebirgsgletschern ist Kippen möglich, aber die Ausnahme. Echte Kipppunkte erwarten wir vor allem bei den Eisschilden in Grönland und der Westantarktis.”… weiterlesen

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