Darum boomt der Gebraucht-Markt

Darum boomt der Gebraucht-Markt
Foto: karlherl/Pixabay CC/PublicDomain

Darum boomt der Gebraucht-Markt

sueddeutsche.de: Die Plattform Vinted ist dermaßen erfolgreich, dass man sich schon mal fragen kann: Wieso kaufen eigentlich so viele Menschen gebrauchte Kleider, Bücher und Spielsachen? Ein kleiner Beitrag zur Konsumforschung.

Zuletzt hat Katinka Böhm es wieder ausprobiert. Eine Freundin hatte ein Top an, das ihr gefallen hat, grau, von der Trendmarke Weekday. Die 22 Jahre alte Studentin hat ihre Größe und die Herstellermarke in die App der Firma Vinted eingegeben – und schon poppten Dutzende Fotos auf, mit genau jenem Oberteil. Mal auf Holzboden fotografiert, mal auf einem Bügel vor dem Schrank, mal als Selfie am Körper einer anderen Frau, für je um die 15 Euro, „definitiv günstiger als im Laden“. Drei Klicks später hatte Böhm das Shirt bestellt, zu einem Preis weit unter dem Ladenpreis.

„Das ist mittlerweile fast wie bei Amazon“, sagt sie einigermaßen erstaunt. Dabei ist Böhm Profi im Online-Secondhandkauf. Zu Schulzeiten hat sie angefangen, im Internet gebrauchte Klamotten zu kaufen und zu verkaufen. 80 Prozent ihrer Hosen und quasi alle Oberteile, sagt sie, stammen aus Secondhandläden, Flohmärkten oder von: Vinted.

Der Markt mit Gebrauchtem boomt – das entdecken auch die großen Ketten

Der Secondhandmarkt hat Jahre des Aufschwungs hinter sich. Schon eine Auswertung des Handelsverbandes HDE zeigte 2023, dass die Hälfte aller Konsumenten auch Secondhand einkauft, insbesondere Mode. In Shops wie dem Vintage Kilo Store wühlen sich Menschen durch Haufen alter Blusen, die nicht als „Secondhand“ sondern als „preloved“ bezeichnet werden, also schon mal gern gehabt. In hochpreisigen Geschäften wie beim Outdoor-Ausstatter Globetrotter steht ein Regal mit bereits getragenen Fleeces und Funktionshosen. Auch Elektronikanbieter werben mit runderneuerten Gebrauchtgeräten.

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Die Gründe sind vielfältig: Bewusster Konsum hat mit der Bewegung „Fridays for Future“ zugenommen, in der Pandemie hat so mancher endlich Überflüssiges aus dem Kleiderschrank aussortiert. Und: Je mehr Menschen sich online mit Mode zeigen, desto mehr streben sie nach Individualität. „In einer durch Algorithmen monotonen Modewelt ist das Unikat der eigentliche Luxus – Secondhand ist das Werkzeug dafür“, sagt Elena Girlich. Die Senior Managerin befasst sich für die Unternehmensberatung PwC immer wieder mit dem Secondhandmarkt.

„Vor allem online hat ein Schub stattgefunden“, sagt Girlich. Wo man früher auf Flohmärkten und in Boutiquen auf Glück und ein gutes Auge angewiesen war, hat das Internet den Handel vereinfacht. Onlineanbieter verkaufen Produkte weiter, in Deutschland beispielsweise Momox. Selbst die schwedische Kette H&M hat eine Plattform gestartet. Dazu kommen Angebote, bei denen Kunden miteinander handeln: Kleinanzeigen, das früher zu Ebay gehörte, Ebay selbst, aber auch die App Depop, bei der die Nutzer kuratierte eigene Kleiderschränke präsentieren. In diesem Markt nimmt Vinted eine besondere Stellung ein – nicht nur, weil es die größte europäische Plattform ist.

Das Unternehmen hat, besonders in Deutschland, eine wechselvolle Geschichte. Vorerst mit positivem Ausgang: Vor wenigen Wochen verkündete Vinted, dass im Jahr 2025 Kleidung, Spielzeug und anderes im Wert von 10,8 Milliarden Euro über die Plattform verkauft wurden, fast 50 Prozent mehr als im Vorjahr. Diese Woche wurde zudem bekannt, dass namhafte Investoren weiteres Geld gegeben haben, darunter Blackrock. Die Bewertung liegt jetzt bei acht Milliarden Euro. Doch der Erfolg war keinesfalls absehbar.

In Deutschland hatte Vinted Schwierigkeiten: Die Kunden hierzulande sind speziell

Gegründet wurde das Start-up – wie so oft – „aus einem persönlichen Problem heraus“, sagte eine der Managerinnen im vergangenen Herbst auf einer Tech-Konferenz. Die Geschichte von Vinted beginnt im Jahr 2008. Damals zieht die Litauerin Milda Mitkute um, sie will ihren Kleiderschrank verkleinern. Auf einer Party erzählt sie einer befreundeten Programmiererin von der Idee, über eine eigene Plattform zu verkaufen. Am nächsten Tag fängt die Freundin an, die Seite aufzusetzen. Wenig später lernt sie zwei deutsche Couchsurfer kennen, die vorschlagen, das auch in Deutschland zu machen. 2009 expandiert die Firma in die Bundesrepublik, eine weitere Website launcht in der Tschechischen Republik, formell sind es drei Firmen.

In Deutschland ist „Kleiderkreisel“, wie das Unternehmen damals heißt, vor allem ein Erfolg unter jungen Frauen. Für Kinder- und Umstandskleidung kommt „Mamikreisel“ dazu. 2019 wird das Unternehmen zum Unicorn, knackt also die Eine-Milliarde-Euro-Bewertung. Seit 2020 firmiert die Firma unter „Vinted“, angelehnt an den Begriff „Vintage“, der für Dinge steht, die älter als 20 Jahre sind. Unterwegs übernimmt Vinted andere Firmen, unter anderem für Luxus-Secondhandmode und Verifizierungstechnologie. „Letztlich hat das Unternehmen ein ganzes Ökosystem aufgebaut“, sagt Beraterin Girlich. Mit Erfolg: 2023 schreibt Vinted schwarze Zahlen.

Ganz einfach ist das alles nicht. Vor allem in Deutschland ist der Weg zwischenzeitlich holprig. Denn: Je mehr das Start-up zum großen Unternehmen wird, desto kritischer beäugen es die Kunden. Zum einen nimmt mit der Zahl der Nutzer zeitweise die Zahl der Betrugsfälle zu. Auch Katinka Böhm hat zweimal vermeintlich Turnschuhe gekauft. Einmal wurde ihr Account gehackt, beide Male hat sie die Ware nie erhalten. Viele Nutzer kritisieren zudem, dass der freundliche, tauschbörsenartige Charakter verloren gehe. Oder wie es eine Nutzerin auf der Plattform Reddit formuliert: „Ich finde es nur schade, wie eine Plattform mit einer gewissen Intention sich im Laufe der Zeit weg von ihren Wurzeln bewegt.“

Vor allem aber halten deutsche Nutzer die Gebühren für Verkäufer für zu hoch. „Ich verkaufe nicht über das System!“, ist lange ein Standardsatz in Nutzerprofilen. „Die Kundinnen haben sich auf der Plattform getroffen, aber die Transaktionen haben außerhalb der Plattform stattgefunden“, sagt Adam Jay, CEO von Vinted Marketplace. Aber wo keine Transaktionen stattfinden, fließt kein Geld.

„Da wurde dann sogar mal ein Auto in der Rubrik T-Shirts angeboten.“

Jay trägt für das Videotelefonat einen Wollpulli, den er bei Vinted gekauft hat. Erzählt er von den vergangenen Jahren im deutschen Markt, seufzt er gelegentlich. Deutsche Kunden sind komplizierte Kunden. Er sagt: „Wir haben enormen Aufwand betrieben, vor allem auch technisch.“ Gleich mehrere Anläufe brauchte es, um den hiesigen Markt zu erobern. Der integrierte Versand wurde aktiv beworben. Und das Bezahlsystem angepasst: Die Gebühr, die vorher die Verkäufer gezahlt haben, liegt nun beim Käufer – und bietet ihm Schutz, wenn etwas schiefgeht… weiterlesen

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