Der Wind weht von rechts

Der Wind weht von rechts
faz.net: Die AfD macht Stimmung gegen Windkraft. Die Fakten drehen sich schneller als die Rotoren, zeigt ein Symposium der Partei – doch das Publikum ist begeistert.
Windräder haben es auf die ganz große Bühne geschafft. Als die Weltöffentlichkeit in Davos Mitte Januar eine wichtige Rede des amerikanischen Präsidenten zum transatlantischen Verhältnis erwartete, nahm sich Donald Trump erst einmal Zeit, ausgiebig gegen Windräder zu wettern: Sie seien unwirtschaftlich, ruinierten die Landschaft und töteten Vögel, tönte er von der Bühne.
Auch der Bundeskanzler hat ein zwiespältiges Verhältnis zu ihnen. Im Wahlkampf vor gut einem Jahr hatte er die großen, weißen Masten als „hässlich“ bezeichnet, man könne sie hoffentlich irgendwann wieder abbauen. Vor wenigen Tagen unterschrieb er auf einem Gipfeltreffen in Hamburg zwar mehrere Erklärungen zum schnelleren Ausbau in der Nordsee. Doch in der anschließenden Pressekonferenz sprach der Kanzler abermals von einer „Übergangstechnologie“, die liefern soll, bis sein Traum von günstigem und klimafreundlichem Strom aus Fusionsreaktoren endlich Realität wird.
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Auch im Innern der Republik gibt es großen Widerstand gegen den Ausbau. Besonders effektiv mobilisiert die AfD. Etwa 320 „Betroffene“ aus dem ganzen Land hat die Bundestagsfraktion Ende Januar zu einem zweitägigen Symposium im Bundestag zusammengebracht. In der vergangenen Legislaturperiode hätten die Grünen „die Umwelt auf dem Altar der Klimareligion geopfert“, kritisiert Andreas Bleck – 37 Jahre alt, seit 2017 im Bundestag – zu Beginn der Veranstaltung.
Er kann auch ziemlich genau begründen, was ihn an der Arbeit von Wirtschaftsminister Robert Habeck und Umweltministerin Steffi Lemke gestört hat: dass sie den Ausbau der Windkraft zum überragenden öffentlichen Interesse erklärt haben, womit ihr Bau schneller genehmigt werden kann. Dass Windräder nun weniger Abstand zu Brutvogelarten einhalten müssen. Und dass die Ampelkoalition die notwendigen Umweltverträglichkeitsprüfungen eingeschränkt hat. In der Folge würden jedes Jahr „Hunderttausende Fledermäuse und Zehntausende Vögel“ sterben. Es handelt sich um Kritik, die man von Naturschutzorganisationen auch schon oft gehört hat.
„Überhaupt nicht vergleichbar“
Danach ist eine Reihe von Rednern an der Reihe, die als „Experten“ angekündigt werden: durchweg ältere Herren, die oft auf privaten Websites bloggen. Ihre Powerpoint-Präsentationen bestehen aus vielen bunten Bildchen und Stichpunkten, die in einem halben Dutzend Schriftarten, – größen und -farben gesetzt sind. Windparks erhöhten die Temperaturen an der Wasseroberfläche und am Boden um mehrere Grad, behauptet der Erste, Bernd Fleischmann, der nach eigenen Angaben mal in Elektrotechnik promoviert und danach als selbständiger Unternehmer gearbeitet hat. „Wir bekämpfen den Klimawandel mit einer Maßnahme, die Klimawandel erzeugt – das ist völlig absurd“, ruft er in den Saal. Das Publikum jubelt.
Anruf bei Bernhard Stoevesandt vom Fraunhofer-Institut für Windenergiesysteme. In der Studie, die Fleischmann als Beleg anführt, gehe es um sehr spezielle klimatische Bedingungen auf einem See in den USA, sagt er. Dort verringere sich im Nachlauf der Anlagen die Windgeschwindigkeit und damit auch der kühlende Effekt des Windes auf das Wasser. Die Temperatur- und Windverhältnisse hierzulande seien aber „überhaupt nicht vergleichbar“, sodass sich die Ergebnisse nicht auf Deutschland übertragen ließen.
Lehrbuchbeispiel, wie Populismus funktioniert
Zu den Auswirkungen an Land sagt er, in sehr großen Windparks, wie sie sich etwa in China finden, könnten sich die Temperaturen am Boden in einer Inversionswetterlage tatsächlich leicht erhöhen. Denn dann werde durch die Windräder warme Luft von oben nach unten gemischt. Aber natürlich erhitze sich die Atmosphäre dadurch nicht, sagt Stoevesandt.
Es ist ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie Populismus funktioniert: Einzelne Beobachtungen werden aus dem Zusammenhang gerissen und solange zurechtgebogen, bis sie in das eigene Weltbild passen und politisch instrumentalisiert werden können.
Der zweite Redner in Berlin, Peter F. Mayer, ebenfalls Blogger und aus Österreich zugeschaltet, beklagt erodierende Böden und zitiert dazu mehrere chinesische Studien. Zu der Frage, wie viele Quadratkilometer Boden durch den Abbau von Braunkohle in gigantischen Tagebauten im Rheinischen Revier oder in der Lausitz zerstört wurden und immer noch werden, dazu sagt Fleischmann nichts. Forscher Stoevesandt sagt: Auch in diesem Fall seien die Windkraft-Ergebnisse aus China nicht auf Mitteleuropa übertragbar.
Immer wieder „Wir gegen die“
Die Evidenzlage ist schwach, das Erregungspotential enorm. Politikwissenschaftler haben eine Erklärung dafür: Während der Eingriff in das Landschaftsbild häufig als negativ wahrgenommen werde, sei der Nutzen für Anwohner und Kommunen – etwa in Form von finanziellen Transfers oder niedrigeren Strompreisen – nicht immer spürbar. Solche Konstellationen böten „erhebliches Potential für ,Not in my backyard‘-Proteste“, sagt Manès Weisskircher, der an der Harvard-Universität zu Rechtsextremismus und Klimaschutz forscht. „Gesamtgesellschaftlich mag ein Windpark als sinnvoll erachtet werden, doch vor der eigenen Haustür wollen viele ihn nicht haben.“ Im Saal des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses in Berlin vermischen sich reale Bedenken gegen Windräder am Ortsrand mit einer Rhetorik des Hasses auf den „Mainstream“, den viele der Sprecher befeuern. Immer wieder ist von einem „Wir gegen die“ die Rede, renommierte Wissenschaftler und Politiker werden verspottet und ins Lächerliche gezogen. Die Rednerliste wirkt, als habe sich die AfD ein Paralleluniversum an alternativen Experten und sogar Journalisten aufgebaut. Von „Vertretern der freien Medien“ ist da die Rede. Das Publikum fühlt sich in diesem Kosmos offensichtlich wohl. „Es tut so gut, hier zu sein“, entfährt es einer Dame beim Mittagessen.An Tag zwei des Symposiums ist eine Allgemeinmedizinerin namens Ursula Bellut-Staeck dran. Sie behauptet, der von Windkraftanlagen emittierte Infraschall – nicht hörbare Schallwellen, die entstehen, wenn Wind auf die Rotorblätter trifft – mache krank. Eine These, die auch immer wieder im Internet kursiert. Fraunhofer-Forscher Stoevesandt sagt, große Mengen an Infraschall könnten tatsächlich krank machen – aber die Mengen, die Windräder emittierten, seien dafür viel zu gering: „Messungen haben gezeigt, dass Erdbeben in Alaska die Sensoren stärker ausschlagen lassen als Windräder nebenan.“ Dass manche Anwohner tatsächlich über gesundheitliche Beschwerden klagen, führt das Umweltbundesamt auf den Nocebo-Effekt zurück: Negative Erwartungen eines Menschen („das Windrad macht mich bestimmt krank“) können dazu führen, dass diese tatsächlich eintreten.
„Ein gefundenes Fressen“
Zu den Anwohnern, die gegen Windkraft kämpfen, gehört Thomas Lang. Er ist aus dem Landkreis Harburg, südlich von Hamburg, nach Berlin gereist. In seiner Heimat hat er eine Bürgerinitiative gegründet. Sein wichtigstes Anliegen: Die Politik möge keine neuen Flächen für den Bau von Windrädern ausweisen. Hintergrund ist, dass die Bundesländer bis zum Jahr 2032 zwei Prozent als Vorrangflächen für die Windenergie definieren müssen. Lang argumentiert, die von der Politik geplanten 160 Gigawatt Leistung an Land bis 2040 könne man allein durch Repowering schaffen, also den Austausch alter durch leistungsfähigere neue Anlagen. Die Bundesregierung und die Windkraftbranche halten das allerdings nicht für ausreichend. Lang betont, überparteilich zu sein. Bei der AfD-Veranstaltung wolle er sich „weiterbilden“. Dass Verfassungsschützer die Partei in Teilen als „gesichert rechtsextremistisch“ einstufen, stört ihn nicht… weiterlesen


