Die geheime Melodie der Pflanzen

Die geheime Melodie der Pflanzen
zeit.de: Sie können musizieren, sich taktisch wehren und zeigen sogar Persönlichkeit: Künstler und Wissenschaftler entdecken bei Pflanzen Eigenschaften, die bislang nur Tieren zugebilligt wurden.
Pflanzen machen derzeit erstaunliche Karrieren. In einem Film wurden sie erstmals als gleichrangige Darsteller genannt – in Silent Friend ist der Star ein alter Ginkgobaum im Botanischen Garten von Marburg. Und nun machen Pflanzen auch noch Musik: Ende Mai ertönte das erste »Pflanzenkonzert« in Deutschland. In einer Kölner Waldorfschule lauschten die Zuschauer den elektrischen Signalen aus Rosen und Palmen, die in Klaviertöne umgesetzt wurden. Zwar war für das musikalische Ergebnis vor allem der Jazzpianist Nikolaus Schardt zuständig: Er verflocht die floralen Impulse am Flügel zu passenden Musikstücken. Dennoch war es eine Premiere, dass hier Pflanzen nicht etwa als Dekoration auf der Bühne standen – sondern als Akteure.
Das Konzert ist symptomatisch für einen größeren Trend: Auch die Wissenschaft begreift Pflanzen zunehmend als Subjekte, die ihre Umwelt nicht nur still erdulden, sondern zielgerichtet formen. Das herkömmliche Bild des scheinbar passiven Grünzeugs wandelt sich. Dazu tragen neben der Kunst auch erstaunliche Experimente bei. Sie zeigen, wie sinnreich Pflanzen kommunizieren und kooperieren, finden Belege für Lernfähigkeit und sogar individuelle florale Charaktere.
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Menshen leiden unter „Planzenblindheit“
Dass davon die wenigsten Menschen etwas mitbekommen, hat damit zu tun, dass die meisten von uns unter »Pflanzenblindheit« leiden, wie Botaniker das nennen: Wir sehen gar nicht, was die Flora alles leistet. Weil Pflanzen nicht umherlaufen können, nehmen viele von uns sie nur als stumme grüne Masse wahr. Und während uns Tiere wie der Buckelwal Timmy wochenlang zu Herzen gehen, lässt das Schicksal einzelner Pflanzen wohl die meisten kalt.
Um diese Kluft zu überwinden, wollten die Organisatoren des Pflanzen-Jazzkonzerts florales Leben hör- und damit erfahrbar machen. Dahinter steckt ein Bildungsprojekt, das im Jahr 2023 in Italien begann und Pflanzenmusik als »Türöffner« für den Schulunterricht nutzen will. Kinder sollen erleben, welches Leben in Pflanzen steckt. Dazu dient ein kleines Gerät, das den elektrischen Widerstand zwischen Erde und Blättern misst. Er hängt von den Flüssigkeitsströmen ab, die sich in der Pflanze bewegen. Entwickelt hat das Gerät der Chronobiologe Maximilian Moser, der früher an der Universität Graz lehrte und heute als emeritierter Professor das Projekt Re-Connecting with Nature leitet.
Wie alle Lebewesen regulierten Pflanzen ihre Lebensvorgänge in Rhythmen, erklärt Moser. Deshalb zeigten die Flüssigkeitsströme ein rhythmisches Verhalten, »das eine mit musikalischen Songlines vergleichbare Zeitstruktur aufweist«. Diese rhythmischen Veränderungen würden dann in Töne umgesetzt: je stärker die Ströme, desto geringer der Widerstand, desto tiefer die Note. Für Moser hat das »eine ästhetische Anmutung«, die den jeweiligen Zustand der Pflanze widerspiegle – etwa bei Trockenheit oder nach dem Gießen. Wenn Kinder das akustisch erlebten, sagt der Chronobiologe, würden sie »eine ganz andere Beziehung zu Bäumen und zur Natur« entwickeln, ja eine »Freundschaft zu diesen musizierenden Wesen« aufbauen.
Langsamer Beat
Vorausgesetzt, sie bringen Geduld mit! Mit Popsongs kann die Pflanzenmusik nicht mithalten. Die Töne haben etwas Sphärisches, Glockenspielhaftes und klingen leicht erratisch. Große Melodiebögen darf man nicht erwarten, und auch die Rhythmen sind gewöhnungsbedürftig. Der Beat der pflanzlichen Welt ist ein langsamer. Ähnlich ist es im Film Silent Friend: Um ihn zu genießen, muss man sich auf die entschleunigende Welt des Ginkgobaums einlassen, der im Lauf von mehr als hundert Jahren die Leben verschiedener Menschen zu beobachten scheint.
Belohnt wird dieses Langsamerwerden mit der Einsicht, dass Pflanzen viel interessantere Zeitgenossen sind, als es auf den ungeduldigen ersten Blick scheint. Auch in der Wissenschaft hat es lange gedauert, bis man sie als individuelle Forschungsobjekte ernst nahm. In den vergangenen Jahren aber erlebte diese Forschung einen enormen Aufschwung.
So kennen Botaniker mittlerweile die unterschiedlichsten Strategien, mit denen sich Pflanzen gegen Raupenbefall wehren. Manche ändern die Chemie ihrer Blätter, sodass diese bitter schmecken oder giftig werden, andere verströmen Chemikalien, um die Fressfeinde der Raupen anzulocken. Bestimmte Tomatensorten verführen Angreifer gar zum Kannibalismus: Chemisch benebelt lassen die Raupen von den Blättern ab und fressen stattdessen ihre eigenen Artgenossen – eine erstaunlich effektive Art der Verteidigung.
Unterschiedliche Reaktionen
Besonderes Aufsehen haben die Befunde des Biologen Richard Karban erregt, der an der University of California, Davis, lehrt. Er hat in langjährigen Studien an Wüsten-Beifußsträuchern festgestellt, dass es offenbar individuelle pflanzliche »Persönlichkeiten« gibt, die unterschiedlich auf Angriffe reagieren. Manche Exemplare von Artemisia tridentata setzen schon bei kleinsten Gefahren Botenstoffe frei, während andere in derselben Situation kaum reagieren – ganz so, als gebe es ängstliche und mutige Beifußsträucher. Noch erstaunlicher ist die Beobachtung, dass die umstehenden Sträucher das zu wissen scheinen: Auf die Signale der »ängstlichen« Beifüße reagieren sie kaum, auf die der »mutigen« dagegen umso stärker – als sei ihnen klar, wem sie vertrauen können und wem nicht… weiterlesen


