Evolution im Zeitraffer: Wildtiere in der Stadt

Evolution im Zeitraffer: Wildtiere in der Stadt
Fuchs Foto: Pixa bay CC/PublicDomain

Evolution im Zeitraffer: Wildtiere in der Stadt

spiegel.de: Eidechsen werden geselliger, Vögel schlauer, Füchse suchen im Familienverband nach Futter: Forscher interessiert, wie sich wilde Tiere an ein Leben mit vielen Menschen anpassen. Durchlaufen sie eine Art Turbo-Evolution?

In den warmen Monaten herrschte Hochbetrieb in Rovinj. Tausende Touristen sonnten sich in der kroatischen Küstenstadt, in den verwinkelten Gassen wehte Pinienduft. Und auch ein paar seltsame Gestalten schlichen herum, die nicht zu ihrem Vergnügen dort waren. Mithilfe von Angelruten, an deren Spitze kleine Schlingen hingen, gingen sie auf die Pirsch nach Mauereidechsen.

Die Reptilienjäger entpuppten sich als Verhaltensforscher, sie bereiteten in der Altstadt von Rovinj eine Feldstudie vor. »Ähnlich wie beim Fangen von Rindern mit Lassos angelten wir nach den Eidechsen«, erzählt die Biologin Barbara Caspers von der Universität Bielefeld. »Sobald wir eine Eidechse geschnappt hatten, markierten wir sie mit einem bunten Klebestreifen, um sie später leichter identifizieren zu können.«

In den darauffolgenden Wochen überwachte das internationale Forscherteam per Fernglas, was die Tiere trieben. Sie waren überrascht. Immer wieder versammelten sich die Eidechsen zum gemeinsamen Sonnenbaden. Besonders auffällig: Bei der Siesta dösten häufig dieselben Tiere nebeneinander, so als wären sie beste Freunde.

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Aus Rivalen werden Partner

Für die Reptilien ist das gesellige Beisammensein alles andere als normal. Sie sind von Natur aus Eigenbrötler, sie meiden Artgenossen und halten Abstand. »Die Eidechsen in der Stadt benehmen sich viel sozialer als Eidechsen auf dem Land«, sagt die Biologin. Wie das ungewöhnliche Verhalten zu erklären ist, wollen die Forscher jetzt herausfinden. »Es gibt mehrere Spuren, denen wir nachgehen«, so Caspers.

Eine mögliche Erklärung: In freier Natur müssen die Tiere viel Aufwand betreiben, um Insekten zu schnappen. Jeder Artgenosse ist dabei ein Rivale. In der Touristenstadt hingegen finden die Eidechsen an jeder Ecke Reste von Pommes frites oder Eiswaffeln, der Konkurrenzkampf ums Futter wird weniger. Möglicherweise verhalten sich die Tiere daher friedlicher und entspannter gegenüber ihren Artgenossen.

Ein ähnliches Muster haben britische Forscher bei Füchsen beobachtet, die sich vermehrt in englischen Großstädten tummeln. Während die Raubtiere auf dem Land große Reviere allein durchstreifen, um Beute zu fangen, durchwühlen sie in urbanen Gegenden in größeren Familienverbänden Komposthaufen und Mülltonnen. Weil genug Futter für alle da ist, nimmt die Aggression zwischen den Füchsen ab.

Dass manche Tiere in der Stadt friedlicher werden, ist nur ein Beispiel dafür, wie Tiere in der Nähe vieler Menschen ihr Verhalten verändern. Auch zahlreiche Vögel stellen sich vor Bahnhöfen oder auf belebten Plätzen plötzlich verblüffend schlau an bei der Nahrungssuche. Mit ähnlichem Geschick schlagen sich Waschbären in den Städten durch. Vielerorts sind sie zur Plage geworden, weil sie im Müll plündern und Dachböden zukoten.

Über 100 Studien dokumentieren Verhaltensänderungen

Mehr als 100 wissenschaftliche Arbeiten sind in den vergangenen fünf Jahren zum veränderten Sozialverhalten von Tieren in urbanen Räumen erschienen. Für Zoologen hat sich ein neues Forschungsfeld aufgetan, neben Bonobos im Regenwald studieren sie jetzt auch Blaumeisen im Großstadtdschungel.

Dabei interessiert die Wissenschaftler besonders die Frage, ob sich in den Städten aufgrund des extremen Anpassungsdrucks gerade eine Art Turbo-Evolution vollzieht. Wäre das so, würden die Tiere ihr verändertes Verhalten innerhalb weniger Generationen an ihre Nachkommen weitergeben. Wie im Zeitraffer könnten auf diese Weise irgendwann sogar neue Arten entstehen, ein Prozess, der normalerweise viele Jahrtausende dauert. Möglich wäre aber auch, dass sich die Tiere, die in die Stadt einwandern, immer wieder aufs Neue an das Leben dort anpassen.

»Eine endgültige Antwort kennen wir noch nicht«, sagt Caspers, »aber wahrscheinlich sehen wir einen Mix aus beidem.« Tatsächlich reagieren viele Tiere überraschend schnell auf eine veränderte Umgebung. Andererseits gibt es klare Hinweise, dass neu erlernte Verhaltensweisen an die Nachkommen weitergegeben werden, wie ein Beispiel aus dem Reich der Insekten belegt.

Wenn männliche Nachtigall-Grashüpfer ein Weibchen auf sich aufmerksam machen, zirpen sie laut und vernehmlich. In der Nähe viel befahrener Straßen allerdings kommen sie damit nicht weit, denn der Autolärm übertönt den Liebesgesang. Die Straßen-Grashüpfer verschaffen sich dann mit höheren Frequenzen Gehör. Auf Weibchen wirken die schrillen Töne zwar weniger attraktiv, ähnlich wie bei den Menschen die Fistelstimmen von Männern; aber diesen Nachteil müssen die Grashüpfer in Kauf nehmen, um überhaupt noch eine Paarungspartnerin zu finden.

Veränderungen schon im Erbgut nachweisbar

Auch von Vögeln, Walen oder Fröschen ist bekannt, dass sie ihre Liebesgesänge in lauten Umgebungen verändern oder auf ruhigere Tages- oder Nachtzeiten verschieben. Doch passiert all das spontan? Oder ist das neue Verhalten bei vielen Tieren inzwischen schon im Erbgut verankert? Zumindest bei den Grashüpfern trifft das so wohl zu, das zeigt ein weiteres Experiment.

Evolutionsbiologen, ebenfalls von der Universität Bielefeld, sammelten von Straßenrändern die Nymphen von Grashüpfern ein und zogen diese noch flügellosen Jungtiere im Labor auf. Dann warteten die Forscher, bis die geschlechtsreifen Tiere im Sommer anfingen zu singen. Obwohl im Labor keinerlei Verkehrslärm zu hören war, zirpten auch die Nachkommen der Straßengrashüpfer in viel höheren Frequenzen als ihre Verwandten vom freien Feld. Was auf die potenziellen Partnerinnen wenig anziehend klang, lag den Tieren offenbar bereits im Blut.

Wie amerikanische Forscher jüngst in Chicago entdeckten, hat die Turbo-Evolution auch schon anatomische Unterschiede zwischen Stadt- und Landtieren hervorgebracht. Wissenschaftler fanden Schädel von urbanen Arten, die auffällig verformt waren. Bei Wühlmäusen waren im Laufe weniger Jahrzehnte Teile des Innenohrs geschrumpft. Der kleinere Knochen, vermuten die Wissenschaftler, macht den städtischen Lärmpegel für die Mäuse erträglicher. Bei den Streifenhörnchen wiederum wurden die Zähne kürzer. Das könnte daran liegen, dass die Tiere sich fast nur noch von den Nahrungsabfällen der Menschen ernähren – und Nudeln oder Frikadellen leichter zu zerkauen sind als Nüsse… weiterlesen

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