Naturschutz: Wie man den Boden rettet

Naturschutz: Wie man den Boden rettet
Foto: Pixabay CC/PublicDomain

Naturschutz: Wie man den Boden rettet

sueddeutsche.de: Die Äcker der Welt sind ausgelaugt, erodiert, belastet, vielerorts sinken bereits die Erträge. Doch eine alte Kulturtechnik aus Südamerika zeigt, wie Erde dauerhaft fruchtbar bleiben kann. Ist Terra Preta die Lösung?

Vor fast 30 Jahren zog Bruno Glaser in den Regenwald, um ein Rätsel zu lösen. In der Nähe von Manaus, Brasilien, unweit der Flussläufe des Rio Negro und des Amazonas, lagen Gebiete, wo die Açaí-Palmen üppiger gediehen als üblich in der Region. Paranüsse konnten dort schneller wachsen als in anderen Teilen des Waldes. In seiner Doktorarbeit sollte Glaser herausfinden, weshalb der Boden dort stellenweise so viel fruchtbarer ist – und schwarz, obwohl Tropenböden normalerweise knallgelb oder knallrot sind. In Brasilien nannten die Menschen die fruchtbaren Böden deshalb Terra Preta – Schwarze Erde. Heute, fast 30 Jahre nach dieser ersten Begegnung, ist sich Glaser sicher: Mit Terra Preta könnte man gleich mehrere der schlimmsten Krisen des Planeten bekämpfen.

Sie soll ausgelaugte Böden retten, den Energiehunger der Welt nachhaltig stillen und das Treibhausgas Kohlendioxid aus der Atmosphäre binden. So lange wie kaum ein anderer beschäftigt sich Glaser inzwischen mit der schwarzen Erde. Zuerst als Doktorand, inzwischen als Professor für Bodenbiogeochemie an der Universität Halle-Wittenberg. Fragt man ihn nach der Terra Preta, wechselt er aus seinem weichen Fränkisch in ein präzises Wissenschaftlerdeutsch: Es geht um Humus- und Kohlenstoffgehalte, pH-Werte, Wasserspeicherkapazität – und um den Frust darüber, dass die deutsche Politik so wenig tut, um Schwarzerde auch in Deutschland zu fördern. Dabei belegen heute meterweise Studien die Eigenschaften solcher Böden.

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Die schwarze Erde im Dschungel Brasiliens entstand vermutlich, als indigene Gemeinschaften vor 500 bis 2500 Jahren Pflanzenteile, Knochen, Fischgräten, Ton und menschliche Fäkalien zusammen mit verkohlten Pflanzenresten kompostierten. Die Nährstoffe aus den Abfällen sammeln sich in den Poren der Kohle und bleiben dort gespeichert, sodass Pflanzen sie wieder aufnehmen können, Wasser sie aber kaum aus dem Boden waschen kann. Es ist vor allem diese Eigenschaft der Schwarzerde, die Fachleute wie Glaser fasziniert.

Böden in der Krise

Denn weltweit stehen Böden unter Druck. Nach einem Bericht der Vereinten Nationen und des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung waren 2024 weltweit bereits rund 40 Prozent aller Böden degradiert. Sie verlieren ihre Struktur, Nährstoffe und Mikroorganismen, Pflanzen können auf dem verödeten Grund kaum mehr wachsen. Jedes Jahr verlieren laut UN eine Million Quadratkilometer Böden ihre biogeochemische Integrität, eine Fläche so groß wie Ägypten. In der Europäischen Union sind nach Angaben des European Soil Data Centre (ESDC) bereits 90 Prozent der Agrarböden geschädigt: Sie erodieren, verlieren Nährstoffe und organische Substanz, während sich Schadstoffe wie Schwermetalle aus Verkehrsabwässern, Industrie, Gülle oder Düngemitteln anreichern. Schwere Traktoren und Maschinen pressen den Boden so stark zusammen, dass Pflanzen kaum noch wurzeln können.

Die Folgen sind dramatisch: Rund 1,7 Milliarden Menschen weltweit leiden laut einem Bericht der FAO unter sinkenden Erträgen ihrer Böden und wirtschaftlicher Not. Dabei können reichere Länder wie Deutschland die Ertragsverluste zunächst noch durch mehr Dünger und maschinelle Bewirtschaftung ausgleichen. In ärmeren Regionen gelingt das oft nicht mehr – und was einmal verloren ist, lässt sich nicht mehr einfach zurückholen. Laut UN degradiert die Landwirtschaft Böden weltweit bis zu 100-mal schneller, als sie sich von selbst wieder regenerieren können. „Einen verhunzten Boden wieder aufzubauen, kostet viel Zeit und Geld“, sagt Bodenkundler Bruno Glaser. Terra Preta könne dabei helfen.

Auch Uwe Saßmannshausen ist davon überzeugt, dass Schwarzerde zum Bodenwiederbelebungsmittel taugt – und noch viel mehr. Er könnte auch kaum anders, sein Unternehmen Bionero stellt die wichtigste Zutat für Terra Preta her. An einem Donnerstagmittag trifft man ihn in seinem Betrieb in Thurnau in der Oberpfalz. Saßmannshausen trägt Hemd und Anzughosen, äußerlich eher Geschäftsmann als Grünbewegter.

Seit 2018 produziert er mit seinen Söhnen Lennart und Aaron Pflanzenkohle, das eigentliche Geheimnis der Terra Preta. Jedes Stück Kohle ist porös wie ein Schwamm. Summiert man die Oberfläche all dieser Poren, kommt man auf mehrere Hundert Quadratmeter pro Gramm. Wenn Pflanzenreste, Fäkalien oder Fischgräten nun gemeinsam mit der Kohle kompostieren, dringen die Mineralien und Nährstoffe aus dem organischen Material in diese mikroskopischen Depots ein und lagern sich dort ab; weil die Kohle nur extrem langsam zerfällt, können die Nährstoffe mehrere Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende erhalten bleiben.

„Bis mir Aaron davon erzählt hat, hatte ich noch nie davon gehört“, sagt Saßmannshausen. „Aber als wir selbst mit der Erde experimentiert haben, war ich schnell überzeugt.“ Dann zeigt er auf Aufnahmen einer Reihe von Blumentöpfen, in denen verschieden große Kopfsalate, Kräuter und Sonnenblumen sprießen. Manche sind kaum größer als eine Faust, andere explodieren schier. Jeder Blumentopf enthält eine andere Menge Schwarzerde – die mit den größten Pflanzen enthalten die höchsten Konzentrationen

In Versuchen erreichten Forschende um Johannes Lehmann der Cornell University in Ithaca, USA, und Bruno Glaser ohne weitere Düngung knapp 50 Prozent höhere Erträge auf Terra-Preta-Böden als auf den roten Ferralsolen, wie sie in den Tropen üblich sind. Auf europäischen Böden sei „der Clou der Terra Preta“ aber nicht der höhere Ertrag, erklärt der Biogeochemiker Glaser. Durch Dünger und industrielle Bewirtschaftung werde bereits das Maximum aus landwirtschaftlichen Flächen herausgeholt. Zudem seien Böden in Mitteleuropa ohnedies wesentlich fruchtbarer als in den Tropen. Deshalb lassen sich hier die Erträge kaum steigern, wenn man Pflanzenkohle in den Boden mischt. „Das Erstaunliche bei der Terra Preta ist eher, dass die Böden auch ohne weitere Düngung über viele Jahrhunderte fruchtbar bleiben“, so Glaser. Neben den Nährstoffen können sich nämlich auch Bodenbakterien und Pilze in den Poren der Kohle ansiedeln, die Pflanzenreste in Humus verwandeln.

Und nicht nur das. „Angesichts des Klimawandels sind aber besonders die Wasserhaltekapazität und Kohlenstoffspeicherfähigkeit der Terra Preta relevant“, sagt Glaser. Denn auch Wassertröpfchen bleiben in den Poren der Kohle. In Feldversuchen in Brandenburg stellte ein Team um Glaser fest, dass Sandböden 50 Prozent mehr Wasser halten konnten, wenn sie mit einer Mischung von Kompost und Pflanzenkohle angereichert wurden. „Bei Starkregenfällen, wie wir sie diesen Sommer in Norditalien erlebt haben, oder bei Dürren könnte das entscheidend sein“, sagt Glaser.

Auf dem Bionero-Hof in Thurnau öffnet Uwe Saßmannshausen ein Rolltor. Dahinter erscheint eine Maschine groß wie ein Lkw. Wenn es still ist, hört man ein leises Knistern wie bei einem Kaminofen aus dem Ungetüm. „Der Pyrolyseofen ist das Herzstück unserer Anlage“, sagt Saßmannshausen und klopft auf das Metall. Im Inneren werden Holzschnitzel auf rund 700 Grad Celsius erhitzt. Weil dort kein Sauerstoff ist, gibt es keine Flammen, und die Schnitzel verbrennen nicht – sie verkohlen. Im Gegensatz zur Verbrennung entweichen bei der Pyrolyse nur etwa zwei Drittel des Kohlenstoffs, der in der Biomasse enthalten ist, in die Atmosphäre. Der Rest bleibt als Kohle zurück… weiterlesen

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