Klimaexperten: Abschied von Horrorszenarien

Klimaexperten: Abschied von Horrorszenarien
berliner-zeitung.de: Aussichten, die jahrelang Angst schürten: Der Weltklimarat stuft sein extremstes Emissionsszenario nun als „unplausibel“ ein. Eine Analyse.
Jahrelang prägten Horrorszenarien die Schlagzeilen. Meeresspiegelanstieg, Extremwetter, Klimakatastrophe. Dabei beriefen sich Klimaforscher auf sogenannte Modellpfade, Berechnungen, die zeigen sollen, wie sich unterschiedliche Treibhausgaskonzentrationen auf das Klima auswirken könnten. Einer davon dominierte die Debatte: das Szenario RCP8.5.
Die Zahl 8,5 steht für einen Strahlungsantrieb von 8,5 Watt zusätzlicher, in der Atmosphäre gespeicherter Wärmeenergie pro Quadratmeter bis 2100. Das Szenario beschreibt eine Welt mit sehr hohen Emissionen, einem massiven Anstieg der CO2-Konzentration und entsprechend starker Erwärmung – und zählt zu den extremsten Klimapfaden der bisherigen Modellgeneration.
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VIele Wissenschaftler arbeiten mit Extrempfad
Obwohl RCP8.5 ursprünglich als Extrempfad gedacht war, arbeiteten viele wissenschaftliche Studien zu Klimafolgen, Extremwetter oder Meeresspiegelanstieg mit diesem Szenario. Auch Medienberichte, Risikoanalysen und Begründungen für klimapolitische Maßnahmen griffen häufig darauf zurück. Viele apokalyptisch anmutende Schlagzeilen beruhten direkt oder indirekt auf diesem Hochszenario, teilweise wurde es dabei als „Weiter so“- oder „Business as usual“-Szenario behandelt, obwohl es ursprünglich vor allem Hochrisiken abbilden sollte.
Dagegen gab es schon länger Kritik. Die Klimaforscher Zeke Hausfather und Glen Peters warnten bereits 2020 im Magazin Nature davor, das extremste Szenario wie den wahrscheinlichsten Zukunftsverlauf darzustellen. Mit der kommenden Modellgeneration CMIP7 verschiebt sich der Fokus nun auf weniger extreme Hochszenarien, die deutlich unter den bisherigen Extrempfaden liegen. Der Politikwissenschaftler Roger Pielke jr. spricht deshalb davon, RCP8.5 sei „offiziell tot“ – gemeint ist, dass es in der kommenden Modellgeneration nicht mehr dieselbe Rolle spielen wird wie bisher.
Mediale Angstmache?
In zugespitzter Form griff das britische Portal The Daily Sceptic die Entwicklung auf. Dort wird argumentiert, viele alarmistische Klimawarnungen der vergangenen Jahre hätten auf diesem unrealistischen Extremszenario beruht – weshalb zahlreiche Klimaschlagzeilen heute als „Müll“ entlarvt seien. Die Formulierung ist polemisch, verweist aber auf eine reale Debatte innerhalb der Klimaforschung. Kritiker sehen darin ein grundsätzliches Problem moderner Wissenschafts- und Medienlogik: Dramatische Szenarien erzeugen Aufmerksamkeit, politische Wirkung und öffentliche Resonanz.
Die Neubewertung von RCP8.5 ist kein Beleg dafür, dass die Klimaforschung grundsätzlich falschlag. Sie ist aber ein Hinweis darauf, dass extreme Klimaszenarien zu lange eine zu große Rolle in der öffentlichen Debatte gespielt haben. Die Diskussion wirft die Frage auf, wie verantwortungsvoll Wissenschaft kommuniziert wurde und wird: Wenn ein Extremszenario über Jahre als wahrscheinliche Zukunft dargestellt wird, entsteht ein verzerrtes und angstschürendes Bild. Wenn seine Neubewertung wiederum als Zusammenbruch der gesamten Klimaforschung dargestellt wird, entsteht schnell das nächste vereinfachte Narrativ.
Wichtig ist dabei: Solche Szenarien sind keine Prognosen – ein Punkt, der in der öffentlichen Debatte oft untergeht. Sie zeigen mögliche Entwicklungen unter bestimmten Annahmen, keine feststehende Zukunft.
Was folgt?
Aus der Neubewertung eines Extremszenarios folgt nicht, dass Klimamodelle insgesamt wertlos wären oder jede Warnung vor Klimarisiken hinfällig ist. RCP8.5 war ein besonders hoher Pfad – andere Szenarien bleiben davon unberührt. Auch niedrigere Szenarien gehen weiterhin von deutlicher Erwärmung und erheblichen Folgen aus. Der niederländische Klimaforscher Detlef van Vuuren, Mitentwickler der neuen Szenariengeneration, betont, dass auch niedrigere Hochszenarien weiterhin erhebliche Erwärmung bedeuten würden… weiterlesen


