Nach Corona ändert die Zukunft ihre Richtung

Nach Corona ändert die Zukunft ihre Richtung
Foto: Markus Diestelrath/Pixabay CC/PublicDomain

Nach Corona ändert die Zukunft ihre Richtung

Wann wird Corona vorbei sein und alles wieder zur Normalität zurückkehren. “Niemals”, antwortet Zukunftsforscher Matthias Horx, “denn es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert.“ Horx nennt das „Tiefenkrisen“.

Er ist seit Jahrzehnten der renommierteste Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum, ist Gründer des Zukunftsinstituts in Deutschland und Österreich. Für global° zeichnet Horx eine mögliche Welt nach der Krise, über die wir uns durchaus wundern werden. Eines steht dabei fest: So wie es war, wird es nie wieder werden:

“Die Welt wie wir sie kennen, löst sich gerade vor unseren Augen auf”, sagt Horx. Dahinter füge sich bereits eine neue Welt zusammen. Und man könne mit den Methoden der Zukunftsforschung bereits erahnen, wie diese aussehen könne. Das Tool dazu nenne sich RE-Gnose. Es ist sozusagen der Blick aus der Zukunft zurück in unsere Zeit. Das Gegenteil von PRO-Gnose. Eine Methode, mit der bei Visionsprozessen in Unternehmen gute Erfahrungen gemacht wurden.

Blick zurück auf das Gestern von morgen: Heute

Es ist September 2020. Die Krise ist vorbei. Menschen sitzen in den Straßencafes, trinken Wein. Alles scheint wie früher. Und doch gibt es gravierende Unterschiede, die eine neue Zukunft formen: „Wir werden uns wundern, dass die sozialen Verzichte, die wir leisten mussten, selten zur Vereinsamung geführt haben. Im Gegenteil. Nach einer ersten Schockstarre werden wir erleichtert sein, dass es auf den unzähligen Kommunikationskanälen, die wir bedienen mussten, etwas ruhiger wurde”, so Horx. Verzichte müssten nicht unbedingt Verlust bedeuten. Im Gegenteil. „Es ist so ähnlich wie beim Intervallfasten”, zieht Horx einen Vergleich. Danach schmecke das Essen besser, intensiver. Paradoxerweise erzeuge die körperliche Distanz, zu der uns das Virus gezwungen hat, gleichzeitig eine neue Nähe. Wir telefonierten länger, öfter und intensiver mit Freunden. Hörten mehr zu. Bindungen wurden neu gestärkt. Auch die Beziehungen zu unseren Nachbarn haben sich großteils verändert, gebessert. Man ist zusammen gerückt.

Matthias Horx Zukunftsinstitut
Matthias Horx Foto: Zukunftsinstitut

„Wir werden uns wundern, wie schnell sich plötzlich Tele- und Videokonferenzen in den Alltag integrieren, gegen die sich die meisten Kollegen immer gewehrt hatten. Der Business-Flieger war doch besser. Lehrer lernten eine Menge über Internet-Teaching. Homeoffice wurde für viele zur Selbstverständlichkeit. Auch das Improvisieren und das Jonglieren mit Zeit, das damit verbunden ist.

Menschen, die vor lauter Hektik nie zur Ruhe kamen, machen plötzlich Spaziergänge. Auch junge. Bücher lesen wurde plötzlich zum Kult. Reality Shows wirkten umgehend grottenpeinlich. Der ganze Trivia-Trash, der unendliche Seelenmüll, der durch alle Kanäle strömte. „Nein, er verschwindet nicht völlig”, räumt Horx ein. Aber er verlor rasend an Wert. Das alles seien nur Beispiele, dass sich durch Corona ein massiver Wertewandel vollziehe.

Krisen machen alte Phänomene überflüssig

Wir werden uns wundern, dass schließlich doch schon im Sommer Medikamente gefunden wurden, die die Überlebensrate erhöhten. Dadurch wurden die Todesraten gesenkt und Corona wurde zu einem Virus, mit dem wir eben umgehen mussten – ähnlich wie die Grippe und die vielen anderen Krankheiten. Medizinischer Fortschritt half.

Aber wir haben auch erfahren: Nicht so sehr die Technik, sondern die Veränderung sozialer Verhaltensformen war das Entscheidende. Dass Menschen trotz radikaler Einschränkungen solidarisch und konstruktiv bleiben konnten, gab den Ausschlag. Wir werden staunen, wieviel Humor und Mitmenschlichkeit in den Tagen des Virus tatsächlich entstanden ist.

Wir werden uns wundern, wie weit die Ökonomie schrumpfen konnte, ohne dass so etwas wie Zusammenbruch tatsächlich passierte, der vorher bei jeder noch so kleinen Steuererhöhung und jedem staatlichen Eingriff beschworen wurde. Obwohl es einen schwarzen April gab, einen tiefen Konjunktureinbruch und einen Börseneinbruch von 50 Prozent, obwohl viele Unternehmen pleitegingen, schrumpften oder in etwas völlig anderes mutierten, kam es nie zum Nullpunkt.

Als sei Wirtschaft ein atmendes Wesen, das auch dösen oder schlafen und sogar träumen kann.

Lokalisierung des Globalen: Die Welt wirkt wieder jung und frisch

Heute im Herbst gibt es wieder eine Weltwirtschaft. Aber die globale Just-in-Time-Produktion mit riesigen verzweigten Wertschöpfungsketten, bei denen Millionen Einzelteile über den Planeten gekarrt werden, hat sich überlebt. Sie wird gerade demontiert und neu konfiguriert. Überall in den Produktionen und Service-Einrichtungen wachsen wieder Zwischenlager, Depots, Reserven. Ortsnahe Produktionen boomen, Netzwerke werden lokalisiert, das Handwerk erlebt eine Renaissance. Das Global-System driftet in Richtung GloKALisierung: Lokalisierung des Globalen.

Wir alle kennen das Gefühl der geglückten Angstüberwindung. Wenn wir für eine Behandlung zum Zahnarzt gehen, sind wir schon lange vorher besorgt. Wir verlieren auf dem Zahnarztstuhl die Kontrolle und das schmerzt, bevor es überhaupt wehtut. In der Antizipation dieses Gefühls steigern wir uns in Ängste hinein, die uns völlig überwältigen können. Wenn wir dann allerdings die Prozedur überstanden haben, kommt es zum Coping-Gefühl: Die Welt wirkt wieder jung und frisch und wir sind plötzlich voller Tatendrang.

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Foto: Gerd Altmann/Pixabay CC/PublicDomain

Coping heißt: bewältigen. Neurobiologisch wird dabei das Angst-Adrenalin durch Dopamin ersetzt, eine Art körpereigener Zukunfts-Droge. Während uns Adrenalin zu Flucht oder Kampf anleitet (was auf dem Zahnarztstuhl nicht so richtig produktiv ist, ebenso wenig wie beim Kampf gegen Corona), öffnet Dopamin unsere Hirnsynapsen: Wir sind gespannt auf das Kommende, neugierig, vorausschauend.

Wenn wir einen gesunden Dopamin-Spiegel haben, schmieden wir Pläne, haben Visionen, die uns in die vorausschauende Handlung bringen.

Erstaunlicherweise machen viele in der Corona-Krise genau diese Erfahrung. Aus einem massiven Kontrollverlust wird plötzlich ein regelrechter Rausch des Positiven. Nach einer Zeit der Fassungslosigkeit und Angst entsteht eine innere Kraft. Die Welt „endet“, aber in der Erfahrung, dass wir immer noch da sind, entsteht eine Art Neu-Sein im Inneren.

Corona ist keine Apokalypse, sondern ein Neuanfang

Jede Tiefenkrise hinterlässt eine Story, ein Narrativ, das weit in die Zukunft weist. Eine der stärksten Visionen, die das Coronavirus hinterlässt, sind die musizierenden Italiener auf den Balkonen. Die zweite Vision senden uns die Satellitenbilder, die plötzlich die Industriegebiete Chinas und Italiens frei von Smog zeigen. 2020 wird der CO2-Ausstoß der Menschheit zum ersten Mal fallen. Diese Tatsache wird etwas mit uns machen.

Wenn das Virus so etwas kann – können wir das womöglich auch? Vielleicht ist das Virus nur ein Sendbote aus der Zukunft. Seine drastische Botschaft lautet: Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt. “Aber sie kann sich neu erfinden. System reset. Cool down! Musik auf den Balkonen! So geht Zukunft”, schließt Matthias Horx.

Der Text ist ein Reprint aus dem Tiroler Magazin QUER.Wir publizieren ihn mit Genehmigung von Matthias Horx.

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