Sauerstoff vom Grund der Ozeane

Sauerstoff vom Grund der Ozeane
faz.net: Manganknollen produzieren gut 4000 Meter in der Tiefe des Meeres Sauerstoff. Das ist eine kleine Sensation. Kann es dann klug sein, die metallhaltigen Knollen, die eine gute Rohstoffquelle sind, abzuernten?
Lange dachte das Forschungsteam, mit den Messinstrumenten stimme etwas nicht. Es schien die einzig logische Erklärung dafür zu sein, dass bei dem Langzeitversuch in 4000 Meter Tiefe immer wieder steigende Sauerstoffwerte angezeigt wurden. Sauerstoff ist rar in der Tiefsee. Dass da unten in völliger Dunkelheit irgendetwas das Gas produziert, schien abwegig.
Doch genau das passiert offensichtlich. Und Manganknollen scheinen dabei eine zentrale Rolle zu spielen, diese kartoffelförmigen dunklen Klumpen, die manchmal so dicht nebeneinanderliegen, als hätte ein schlampiger Steinleger den Meeresboden pflastern wollen. Die elektrische Ladung an den metallhaltigen Knollen löst vermutlich eine Aufspaltung von Meerwasser in Wasserstoff und Sauerstoff aus. Eine Produktion von Sauerstoff unter Beteiligung weder von Licht noch von Lebewesen: Diese im Wissenschaftsmagazin „Nature Geoscience“ veröffentlichten Ergebnisse sind jetzt schon eine kleine Sensation und könnten eine noch größere werden.
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Möglicherweise müssen Theorien von der Entstehung des Lebens überdacht werden. Vielleicht haben Manganknollen den dafür nötigen Sauerstoff beigesteuert und nicht etwa Photosynthese treibende Organismen. Und vielleicht sind auch heutige Lebensgemeinschaften in der Tiefsee abhängig vom Manganknollen-Sauerstoff.
Die Gier nach Rohstoffen
Die Entdeckung berührt die Gesetzmäßigkeiten des Lebens, wie sie im Biologieunterricht Pflichtstoff sind. Eine einzelne Stimme gibt es, die die Richtigkeit der Studienergebnisse infrage stellt, sie gehörte ausgerechnet dem Unternehmen, das sie mitfinanziert hatte. Die kanadische Firma The Metals Company ließ wissen, man werde mit einer eigenen Publikation reagieren. Eine Verunreinigung mit Sauerstoff anderen Ursprungs müsse der Grund für die Messwerte sein. Der Metals Company kommt die Veröffentlichung nicht gelegen, sie könnte ihr ambitioniertestes Projekt in Gefahr bringen: die Manganknollen am Tiefseeboden einzusammeln und die in ihnen enthaltenen Metalle – Kobalt, Kupfer, Nickel, Mangan – für den Weltmarkt verfügbar zu machen.
Zwei Wochen lang hat die Meeresbodenbehörde der Vereinten Nationen auf Jamaika gerade über Regeln für einen künftigen Tiefseebergbau beraten, im kommenden Jahr soll das Rahmenwerk fertig sein. Das heißt nicht, dass es zu der Rohstoffgewinnung kommt. Bei der Tagung, die am Freitag endete, schaffte es erstmals die Frage der ökologischen Konsequenzen auf die Tagesordnung. Auch wurde eine neue Generalsekretärin gewählt, die brasilianische Ozeanographin Leticia Carvalho, die als weniger unternehmensnah gilt als ihr Vorgänger. Auf eine „Grundsatzregelung zum Schutz der Meeresumwelt“ in Übereinstimmung mit den Biodiversitätszielen von Montreal konnten sich die 168 Vertragsstaaten nicht einigen. Es wuchs aber die Zahl der Länder, die einen Tiefseebergbau nicht erlauben wollen, bevor die Ökosysteme der Tiefsee nicht besser verstanden sind.
Deutschland ist dabei, hat aber ebenso wie andere Staaten bei der Meeresbodenbehörde Erkundungslizenzen beantragt, womit man sich ein potentielles Abbaugebiet sichert, aber auch zu wissenschaftlichen Untersuchungen verpflichtet. So kam es zu dem Langzeitprojekt, durchgeführt auf dem Erkundungsgebiet eines der Inselstaaten Nauru, Tonga und Kiribati, über die sich The Metal Company Zugang zu den Tiefseeschätzen sichern will. Einen Abbau werden nur Länder einleiten können. Nauru hat angekündigt, noch in diesem Jahr einen Antrag stellen zu wollen. Die Metal Company bestreitet, das winzige Land für seine Interessen zu nutzen.
Am Boden der Carrion-Clipperton-Zone, 1500 Kilometer vor Mexikos Küste, sind die Explorationsgebiete abgesteckt wie einst die Claims der Siedler in den USA. Nur dass die Grenze des in Besitz Genommenen sich diesmal nicht immer weiter nach Westen verschiebt, sondern in der Vertikalen. In den Teil der Erde, den sich der Mensch noch nicht zu eigen gemacht hat, weil die Umweltbedingungen dort ihn nicht vorsehen und ihre Überwindung fast noch herausfordernder ist als ein Flug ins All. Da waren schon mehr Menschen als in der Tiefsee, und so wird es auch bleiben. Die Forschungs-Tauchboote der Zukunft sind unbemannt und ferngesteuert.
Angesichts der Folgenschwere menschlicher Eingriffe in den Planeten ist es ein elektrisierender Gedanke, dass dessen größtes zusammenhängendes Ökosystem noch weitgehend unberührt und unerforscht ist. 60 Prozent der Erdoberfläche sind von mehr als 1000 Meter Wasser bedeckt, 35 Prozent davon wiederum – das entspricht der Landmasse aller Kontinente – liegen in mindestens 4000 Meter Tiefe. Es ist eine Welt so fern der menschlichen, dass sie es nur gelegentlich in unseren Wahrnehmungsradius schafft, und dann meist als der Raum, in den einzudringen nicht gut gehen kann: Wenn Regisseur James Cameron das Actiondrama „The Abyss“ dort ansiedelt, in dem ein Atom-U-Boot auf Grund geht, oder wenn, wie 2023, ein Tauchboot mit zahlenden Gästen implodiert.
Je tiefer das Meer, desto größer die Ungeheuer, die wir uns dort vorstellen, sagt James Cameron in dem Film, der seinen eigenen tollkühnen Tauchgang dokumentiert, bei dem er in einer Ein-Mann-Kapsel elf Kilometer sank, bis zum Boden des Marianengrabens. Tatsächlich aber haben Dunkelheit, Kälte, Druck und wenig Nahrung vergleichsweise kleine, an die Bedingungen angepasste Lebensformen hervorgebracht: Fische, denen eine Art langstielige Lampe aus der Stirn wächst, mit der sie Beute anlocken. Solche, die als gallertartige Masse muskellos und energieeffizient durchs Wasser driften. Einen Wurm, der mithilfe von Säure sogar Knochen essbar macht… weiterlesen


