„Slow Christmas“ statt Dauerreiz

„Slow Christmas“ statt Dauerreiz
Foto: Pixabay CC/PublicDomain

„Slow Christmas“ statt Dauerreiz

zdf.de: Vier Kerzen waren gestern: Warum der klassische Adventskranz verschwindet und viele bewusst auf „Slow Christmas“ setzen. Über ein Ritual im Wandel und Besinnung heute.

Vier Kerzen, Tannengrün, rotes Band. Kaum ein Symbol steht so sehr für die Vorweihnachtszeit wie der Adventskranz. Doch viele Wohnzimmer bleiben inzwischen ohne. Zwischen Minimalismus-Trend, Nachhaltigkeitsgedanken und schlichtem Zeitmangel wandelt sich das Bild des Advents und mit ihm die Rituale, die vielen selbstverständlich schienen. Statt Fülle dominiert heute bei vielen der Wunsch nach Entlastung.

Opulente Dekoration verliert an Bedeutung, dafür entdecken Menschen den Advent als Phase der Entschleunigung neu. „Slow Christmas“ heißt der Gegentrend zur Dauerreizung der Vorweihnachtszeit: weniger Geschenke, weniger Termine, mehr Stille, eine deutliche Abkehr vom übertriebenen Konsum und eine Rückbesinnung auf Nähe und Gemeinschaft. Psychologisch, so sagen Fachleute, komme diese Entwicklung dem ursprünglichen Gedanken der vorweihnachtlichen Zeit erstaunlich nah.

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„Das Warten bekommt wieder einen tieferen Sinn“, erklärt Professor Martin Köllner. Die vier Wochen vor Weihnachten strukturierten das Jahr, schafften Momente der Achtsamkeit und förderten potenziell das Erleben positiver Emotionen. Rituale, ob Kranz oder Kerze, gemeinsames Singen, Plätzchenbacken oder ein bewusstes digitales Innehalten wirkten wie „kleine Anker“ im Alltag einer zunehmend überkomplexen und unfriedlichen Welt.

Jeder feiert seinen eigenen Advent

Doch solche Rituale sehen heute sehr unterschiedlich aus. „Inzwischen gehört weniger als die Hälfte der Menschen im Land einer Kirche an“, betont Köllner, Motivationspsychologe am Campus Fürth der SRH University.

Deshalb dürfen wir nicht mehr von einem einheitlichen Bild mit Blick auf Brauchtum und Rituale in der Advents- und Vorweihnachtszeit ausgehen.„
Professor Martin Köllner, Motivationspsychologe

Jeder suche sich seinen eigenen Advent aus einer Vielzahl von Möglichkeiten heraus. Gleich geblieben ist jedoch die emotionale Aufladung der Wochen vor Weihnachten: Die Aussicht auf Nähe, Begegnungen mit Familie und Freunden, auf eine Auszeit vom stressigen Arbeitsalltag über die Feiertage – all das stiftet Sinn und wirkt verbindend.

Aus Martin Köllners Sicht hat die Adventszeit auch deshalb etwas Gutes, weil in dieser solche positive Emotionen geweckt werden:

Wir alle sehnen uns nach Nähe und Bindung, deshalb ist der Advent eine maximal emotional aufgeladene Zeit.
Professor Martin Köllner, Motivationspsychologe

Advent zwischen Moralbotschaften und Glitzerästhetik

Eine Zeit, die damit gleichzeitig allerdings auch Risiken birgt. „Die Idealbilder, die durch eine mediale Überpräsenz vermittelt werden, können für manche Menschen auch nahezu erdrückend wirken“, gibt der Motivationspsychologe zu bedenken.

Kein Wunder. Egal ob im Drogeriemarkt, in Werbeclips von Supermärkten und Discountern: An Appellen, die dazu aufrufen, nicht nur an Weihnachten zusammenzukommen, aber gerade an Weihnachten etwas weniger streng miteinander zu sein, mangelt es nicht.

Zwischen moralischen Botschaften und Glitzerästhetik gerät der ursprüngliche Charakter des Advents leicht aus dem Blick… weiterlesen

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