Studien zur Klimakrise: Wie die Erde schwitzt

Studien zur Klimakrise: Wie die Erde schwitzt
zeit.de: 1,37 Grad Erderwärmung, der Schock der Energiepreise und Ozeane, denen es schlecht geht: Neueste Klimastudien zeigen, wo die Welt gerade steht. Und was es braucht.
Der Mai 2026 geht als zweitwärmster seit Beginn der Aufzeichnungen in die Geschichte ein, die Ozeane sind seit Langem ungewöhnlich warm, und neben der Erderwärmung braut sich im Pazifik El Niño zusammen. Der Klimawandel gewinnt einmal mehr an Fahrt. In Bonn treffen sich derzeit wieder die Staaten der Welt zu Vorverhandlungen für die alljährliche Weltklimakonferenz, die im November im türkischen Antalya stattfinden wird. Deshalb erscheinen gerade zahlreiche wissenschaftliche Studien und Berichte, um eine fundierte Basis für die Gespräche zu liefern. Die wichtigsten Erkenntnisse haben wir zusammengefasst.
Übersicht:
- Der Mensch hat die Erde bereits um 1,37 Grad aufgeheizt
- Wie reagieren die Länder auf gestiegene Ölpreise?
- Zu warm, voll mit Plastik und überfischt: Die Ozeane im Klimawandel
- Europa könnte stärker auf Erneuerbare setzen – für mehr Unabhängigkeit
Der Mensch hat die Erde bereits um 1,37 Grad aufgeheizt
Studie: Indicators of Climate Change
Herausgeber: Europäische Union, das europäische Erdbeobachtungsprogramm Copernicus, sowie das Europäische Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage (ECMWF)
Autor(en): Ein internationales Team von mehr als 70 Forschenden, darunter einige Autoren, die auch an den Berichten des Weltklimarates IPCC beteiligt sind
Erschienen: 11. Juni 2026
Kontext: Der Weltklimarat sammelt die wichtigsten Erkenntnisse der Klimaforschung. Allerdings erscheinen seine Berichte nur alle paar Jahre. Um diese Lücke zu schließen, veröffentlichen Forschende jedes Jahr den Bericht Indicators of Climate Change: Darin finden sich aktuelle Kennzahlen zum Klimawandel.
Fünf Kernbotschaften:
1. Die globale Mitteltemperatur ist im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter bereits um 1,37 Grad Celsius gestiegen. Gemeint ist dabei der langjährige Trend, einzelne Jahre waren sogar schon wärmer. Außerdem schauen die Wissenschaftler hier nur auf den menschengemachten Teil der Erderwärmung. Für manche mag das nach wenig klingen, warnt Studienautorin Sonia Seneviratne, tatsächlich sei es jedoch eine erhebliche Veränderung. »Wenn wir die Temperatur über Land anschauen, also dort, wo wir leben, sind wir bei 1,9 Grad, deutlich höher. Das wird häufig unterschätzt.«
2. 1,5 Grad Erderwärmung – die Grenze, die sich die Staaten im Pariser Abkommen gesetzt hatten – werden wohl bald erreicht sein. Geht es weiter wie bisher, wäre es um das Jahr 2030 so weit. Das verbleibende CO₂-Budget – also die Menge an Kohlenstoffdioxid, die noch ausgestoßen werden kann, bis sich der Planet um 1,5 Grad erwärmt hat – ist Anfang 2026 auf 130 Milliarden Tonnen geschrumpft. Mit den derzeitigen Emissionen wäre es schon in zweieinhalb Jahren erschöpft.
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3. Die weltweiten Treibhausgasemissionen steigen noch immer, wenn auch langsamer als früher. 2024 (das aktuellste Jahr, für das Daten vorliegen) erreichten sie erneut einen Höchstwert: 56,8 Milliarden Tonnen CO₂-Äquivalente. Entsprechend wächst auch die Konzentration des wichtigsten Treibhausgases in der Atmosphäre weiterhin. Der größte Teil dieser Emissionen stammt nach wie vor aus dem Verbrennen fossiler Rohstoffe, also Kohle, Öl und Gas.
4. Eine Frage hat die Klimawissenschaft in den vergangenen Monaten besonders beschäftigt: Beschleunigt sich die Erderwärmung? Und steigen die Temperaturen womöglich sogar schneller als erwartet? Laut den Autoren der Studie lassen sich die neuesten Messwerte durchaus mit früheren Modellen erklären. Allerdings liegen sie dort eher im extremeren Bereich. Pro Dekade würde die Temperatur derzeit um 0,27 Grad zunehmen. Das größte Problem sei dabei, dass die Treibhausgasemissionen immer noch steigen. Bleibt es dabei, dürfte sich auch die Erderwärmung weiter beschleunigen. Hinzu käme, dass darüber diskutiert wird, wie sich die Erderwärmung auf Prozesse wie die Wolkenbildung oder das Auftauen des Permafrostes auswirkt. Dabei könnte es zu Effekten kommen, die potenziell die Erderwärmung zusätzlich verstärken könnten.
5. Bei zwei Indikatoren sieht man hingegen eine deutliche Beschleunigung: Das ist zum einen das sogenannte Energieungleichgewicht der Erde: Die Differenz zwischen der Energie, die vom Erdsystem absorbiert wird, und der Energie, die es als Wärmestrahlung wieder abgibt. So wird nicht nur der Treibhauseffekt an sich erfasst, sondern auch, wie viel Energie etwa die Ozeane aufnehmen. Zum anderen ist auch die Zahl der Hitzewellen in den Ozeanen deutlich gestiegen. Global habe es 2025 an 65 Tagen solche marinen Hitzewellen gegeben, mehr als dreimal so viel wie Anfang der 1990er-Jahre.
Wie reagieren die Länder auf gestiegene Ölpreise?
Studie: Climate Action Tracker Briefing
Herausgeber: NewClimate Institute, Climate Analytics, Institute for Essential Services Reform
Autor(en): Niklas Höhne, Ana Missirliu, Janna Hoppe, Frederic Hans, Sofia Gonzales-Zuñiga, Sarah Heck, Claudio Forner, Bill Hare
Erschienen: 11. Juni 2026
Kontext: Der Climate Action Tracker (CAT) ist ein Projekt mit dem Ziel nachzuverfolgen, welche Klimaschutzmaßnahmen Staaten ankündigen und inwiefern sie diese umsetzen. Bekannt ist es für ein Thermometer, das anzeigt, auf welche Erderwärmung die Menschheit zuläuft (aktuell: 2,6 Grad Celsius). Die CAT-Autoren haben nun für die 40 von ihnen beobachteten Länder analysiert, wie diese auf den Energiepreisschock infolge des amerikanisch-israelischen Angriffs auf den Iran reagiert haben. Die Reaktionen vergleichen sie mit jenen zu Beginn der Covid-19-Pandemie (PDF) ab 2020 und dem russischen Überfall auf die Ukraine (PDF) ab 2022.
Fünf Kernbotschaften:
1. Ausstieg ist nicht die einzige Option: Die Reaktionen in den untersuchten Ländern weisen in zwei gegensätzliche Richtungen, einerseits indem sie den Ausstieg aus fossilen Energieträgern zu beschleunigen versuchen, andererseits probieren sie mit öffentlichen Ausgaben die Versorgung mit Öl und Gas trotz Mangel und Preissteigerung sicherzustellen. Das sei auch schon 2020 und 2022 so gewesen, merken die Studienautoren an. Damals hätten sich die konträren Reaktionen im Hinblick auf den Klimaschutz »gegenseitig aufgehoben« – sie hätten zwar geholfen, die Emissionen zu stabilisieren, aber unter dem Strich nicht für einen strukturellen Fortschritt gesorgt.
2. Die Energiewelt hat sich gewandelt: »Die aktuelle Krise entfaltet sich unter merklich veränderten Bedingungen«, halten die Autorinnen und Autoren angesichts des Preisanstiegs bei Öl und Gas fest. Saubere Technologien seien gereift, die Elektrifizierung beschleunige sich, das Wachstum erneuerbarer Energien sei exponentiell. »Das verändert den strategischen Kontext politischer Entscheidungen.« Konkret stünden Regierungen vor der Wahl, die Abhängigkeit von Fossilen zu verstetigen oder ihr Energiesystem entschieden zu dekarbonisieren. Als Hindernis wird ausgerechnet genannt, dass in der EU, Japan und den USA »Anreize zur Transformation zeitweilig aufgeweicht« würden.
3. Kurzfristige Entlastungen schaden eher: »Umfassende Subventionen für Kraftstoffe, Steuersenkungen und Preisobergrenzen« würden häufig gewählt, um angesichts von Preissteigerungen »den unmittelbaren sozialen Druck zu lindern«. Das »schwäche jedoch Preissignale«, schreiben die Autoren. Das heißt, Regierungen halten mit Steuergeld Gas und Öl, Benzin und Diesel künstlich erschwinglich, statt Alternativen zu fördern. Mindestens zehn Staaten hätten so reagiert, darunter Deutschland. Allein einkommensschwache Haushalte zu unterstützen, wäre ein gezielterer Einsatz von öffentlichen Geldern gewesen. Länder wie Belgien, Bulgarien, Frankreich, Pakistan und das Vereinigte Königreich hätten diesen Weg gewählt.
4. Die Energiekrise wirkt wie ein Katalysator: Heute stünden Länder wie China und Pakistan bereits besser da, da sie ihre Elektrifizierung vorangetrieben hätten. Chile und Spanien seien Beispiele für Länder, in denen strukturelle Reformen wirkten, was ihnen bessere Bedingungen in künftigen Energiekrisen verspreche. Chile beziehe seinen Strom heute zu 70 Prozent aus Erneuerbaren. Spanien, ebenfalls ein Vorreiter bei fossilfreier Elektrizität, habe die Abgaben auf Strom gesenkt – eine Maßnahme, zu der die Autoren raten. Deutschland wird hingegen als Negativbeispiel genannt – mit seinem Tankrabatt.
5. Die guten Absichten von gestern sind noch immer die beste Strategie: Die Maßnahmen, die bereits beim Klimagipfel 2023 in Dubai vereinbart worden waren, sehen die CAT-Autoren als besten Weg für Volkswirtschaften raus aus der Preiskrise der fossilen Energieträger. Dazu zählte die weltweite Verdreifachung erneuerbarer Stromerzeugung, die Verdopplung der Energieeffizienz in Gebäuden, im Verkehr und in der Industrie. Zusammengenommen würde das die Abhängigkeit von Öl und Gas auch dauerhaft mindern. Außerdem solle der sogenannte Methanschlupf bis 2030 um 30 Prozent reduziert werden: Besonders bei der Förderung und dem Transport von Erdgas entweichen große Mengen des Klimagases direkt in die Atmosphäre, was technisch vermeidbar wäre – und angesichts hoher Gaspreise schon ein Gebot der Sparsamkeit sein sollte. Der Ausbau Erneuerbarer, die Erhöhung der Energieeffizienz und die Senkung des Methanausstoßes könnten die »für das 21. Jahrhundert prognostizierte Erwärmung auf unter 2 °C begrenzen«. Die Erderwärmung zu mindern, ist aus dieser Perspektive auf einmal ein erfreulicher Nebeneffekt im Kampf gegen den fossilen Preiskrieg…. weiterlesen


