Tragödie am Amazonas-Riff

Tragödie am Amazonas-Riff
Brasilien will Erdölförderung nach den Präsidentschaftswahlen trotz aller Klimagefahren deutlich ausweiten. Küsten und Mangrovenwälder bedroht
Von Norbert Suchanek, Rio de Janeiro
Egal, wer die Stichwahlen zum Präsidentenamt in Brasilien am 30. Oktober gewinnt: Das größte Land Lateinamerikas wird seine Erdölausbeutung weiter steigern. Auch Katastrophen wie Hurrikan »Ian«, der zuletzt an der US-Westküste wütete, scheinen bei den Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft kein Umdenken bezüglich der Nutzung von fossilen Brennstoffen auszulösen.
Vier Tage vor dem ersten Wahlgang am Sonntag hatte der teilstaatliche Konzern Petrobras die Absicht bekundet, die Erdölförderung aus der Tiefsee vor Búzios mehr als zu verdreifachen. Búzios im Bundesstaat Rio de Janeiro gilt als weltweit größtes Ölfeld in der Tiefsee. Etwa 30 Prozent des von Petrobras geförderten Öls kommt derzeit von dort. Bis 2030 will das Unternehmen die Förderung aus der sogenannten Pré-Sal-Schicht von derzeit 600.000 Barrel Öl pro Tag auf zwei Millionen Barrel täglich erhöhen.
Insgesamt wolle Brasilien die Produktion des »schwarzen Goldes« in den kommenden zehn Jahren um 73 Prozent steigern und mehr als 400 Milliarden US-Dollar in Förderung und Produktion von Öl, Gas und Biokraftstoff investieren, so der noch amtierende Minister für Bergbau und Energie, Adolfo Sachsida, Ende September auf der Fachmesse »Rio Oil & Gas Expo & Conferences« in Rio de Janeiro, der größten Veranstaltung der Branche in Lateinamerika.
Zu dem Ausbauplan gehört auch der Start der Ölförderung am Äquatorialrand im Mündungsgebiet des Amazonas. „Der Äquatorialrand gilt als strategisches Gebiet für Petrobras und als eine der vielversprechendsten Vorkommen in der Offshore-Industrie in Brasilien mit erheblichem Erdölpotenzial“, sagte Petrobras-Geschäftsführer Mario Carminatti gegenüber dem Onlineportal „Poder360“. Das Unternehmen nennt die Erdöllagerstätten vor der Küste Amazoniens auf Grund der hohen Gewinnerwartungen das „Neue Pré-Sal“, obwohl sie nicht unter einer Salzschicht liegen wie die Vorkommen im Süden und Südosten des Landes.

Meereswissenschaftler und Umweltschützer befürchten erhebliche Schäden an den weltweit größten Mangrovenwäldern und am einzigartigen Riff des Amazonas-Deltas vor der Küste der brasilianischen Bundesstaaten Maranhão, Pará und Amapá. Laut einem im Jahr 2018 im Magazin Frontiers in Marine Science veröffentlichten Forschungsbericht ist das Riff bis zu 56.000 Quadratkilometer groß und erst zu fünf Prozent erkundet. Es ist Lebensraum von zahlreichen Korallen-, Schwamm- und Fischarten. »Wir machen auf die dringende Notwendigkeit aufmerksam, vorsorgliche Schutzmaßnahmen zu ergreifen, um die Region angesichts der zunehmenden Bedrohung durch die Förderung von Öl und Gas zu schützen«, schrieben die Forscher. Eine Ölförderung in diesem Gebiet wäre eine Tragödie, so der Koautor der Studie, Ronaldo Bastos Francini-Filho, von der Bundesuniversität von Paraíba.
2013 hatte die damalige Regierung unter Dilma Rousseff von der Arbeiterpartei (PT) die Rechte zur Ausbeutung der Vorkommmen an die Erdölkonzerne Total und BP verkauft. Doch 2018 verweigerte die brasilianische Umweltbehörde IBAMA die Genehmigung zur Erdölförderung, weshalb sich BP und Total aus dem Projekt zurückzogen und die Rechte an Petrobras weiterverkauften. Nach den Wahlen, aber noch in diesem Jahr will der brasilianische Erdölkonzern mit Probebohrungen vor der Küste von Amapá an der Grenze zu Französisch-Guyana beginnen und eine Förderlizenz von der IBAMA erhalten.
Der Ausgang der Stichwahl am 30. Oktober wird daran höchstwahrscheinlich nichts ändern. Beide Präsidentschaftskandidaten, sowohl der rechte Amtsinhaber Jair Bolsonaro als auch Lula da Silva von der Arbeiterpartei, setzen in ihren Wahlprogrammen auf eine Ausweitung der Erdölproduktion durch Petrobras. Ein Sprecher des Konzerns auf der Erdöl- und Gas-Fachmesse in Rio bestätigte: Der Investitionsplan hänge nicht vom Wahlergebnis ab.
Hier der Forschungsbericht aus 2018 im Magazin Frontiers in Marine Science
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Die Erstveröffentlichung erfolgte in „junge Welt“ vom 05.10.22


