Wegen Braunkohle: Rhein wird bald abgezapft

Wegen Braunkohle: Rhein wird bald abgezapft
focusplus.de: Insgesamt 70 Jahre lang soll bald Rheinwasser abgezapft werden, damit aus dem größten Tagebau Europas der zweitgrößte Binnensee Deutschlands wird. Umweltschützer warnen, Anwohner sind in Sorge, doch der zuständige RWE-Konzern sagt: Der See ist alternativlos.
Bis vor kurzem hatte das ruhige Dormagen-Rheinfeld mit den Braunkohletagebau-Gruben Garzweiler II und Hambach so gut wie nichts zu tun. Während riesige Bagger gewaltige Mengen Braunkohle in einem Loch abgraben, in das der Kölner Dom dreimal hineinpassen würde, herrscht hier, in 45 Kilometern Entfernung, ein Idyll aus weiten Feldern und Pferdekoppeln.
Ein Jahrhundertprojekt verändert die Landschaft
Alte Höfe wie der Weidenpescher Hof prägen den 5200 Einwohner-Ort Rheinfeld seit dem Hochmittelalter. Sein Besitzer Bernhard Nauen (35) hat ihn in den vergangenen Jahren erfolgreich von einem Mastbullen-Betrieb zu einer Pferdepension umgebaut. Der Blick schweift über die Koppeln Richtung Deich und auf die Stadtmauern mit dem Stadtturm der alten Zollfeste Zons. Bald jedoch wird die friedliche Auen- und Felderlandschaft zwischen Köln und Düsseldorf empfindlich gestört.
Lesen Sie auch:
Denn rund um den Hof soll in den kommenden fünf Jahren die Erde auf 70 Meter Breite und in sechs Meter Tiefe aufgerissen werden. Stahlrohre mit einem Durchmesser von 2,20 Metern werden im Boden verbuddelt, durch sie soll Rheinwasser laufen, das den 400 Meter tiefen Tagebau Hambach und die 190 Meter tiefe Grube Garzweiler füllen soll.
Insgesamt 9120 dieser Rohre werden für eins der größten Transformationsprojekte der Bundesrepublik Deutschland zwischen Dormagen und Elsdorf in die Erde verlegt. Nauen, dessen Grundstück zu einem großen Teil betroffen sein wird, hat in den vergangenen Jahren versucht, sich gegen das Projekt zu stemmen.
Eine Anfrage von FOCUS online Earth hat er abgelehnt. Zahlreiche Landwirte und Grundstückseigentümer auf der 45 Kilometer langen Strecke zwischen Dormagen und dem Hambacher Tagebau bei Elsdorf sind in ähnlicher Lage wie der Rheinfelder Pferdewirt. Das Jahrhundertprojekt soll Anfang kommenden Jahres starten. Dann werden rund 30 Lkws täglich nach Dormagen-Rheinfeld rollen, um das gigantische Bauwerk vorzubereiten.
Ein Schwimmbecken, alle zwei Minuten
An Rheinstrom-Kilometer 712,6 soll der Fluss angezapft werden: Bis zu 18 Kubikmeter Wasser pro Sekunde fließen von einem sogenannten Entnahmebauwerk durch die drei Riesen-Rohre, die zwischen Rheinufer und Deich in neun Meter Tiefe verlaufen. Auf der anderen Seite des Deiches kommen sie wie Spieße heraus und münden in ein 100 Meter langes und 15 Meter tiefes Werk mit 18 Pumpen. Alle zwei Minuten soll so viel Wasser abgezapft werden, wie ein Olympiaschwimmbecken fasst.
Der Hochwasserschutz des Deiches wird durch die Rheinwassertransportleitung nicht beeinträchtigt, verspricht der Stromerzeuger RWE Power. Der Energieriese zapft das Wasser aus dem Rhein ab und pumpt es durch die gigantischen Rohre, durch die man mit dem Fahrrad hindurchfahren könnte.
Das Ende der Leitungen liegt im 45 Kilometer entfernten Elsdorf an der Abbaukante des Braunkohletagebaus Hambach, der mit 8500 Hektar größten Braunkohlegrube Europas. Nebenan im Städtedreieck zwischen Aachen, Mönchengladbach und Düsseldorf tun sich mit Garzweiler II und Inden in 250 Meter Tiefe noch zwei weitere riesige Kraterlandschaften auf; Garzweiler soll ab 2036 geflutet werden, Hambach schon 2030.
Die Heimat geopfert, damit Deutschland Strom hat
Das Ende der Braunkohle wurde hier um zwei Jahre vorgezogen. Die Bürgermeister von Elsdorf, Grevenbroich, Erkelenz und den vielen Orten rund um das 400 Meter tiefe und 46 Quadratkilometer große Loch Hambach können es kaum erwarten: Nachdem ihre Heimat 75 Jahre lang abgebaggert wurde, um Deutschland und die Welt mit Kohle für den Strom zu versorgen, sollen aus Mondlandschaften Freizeitparadiese werden.
„Natürlich freuen wir uns darauf“, sagt Andreas Heller, Bürgermeister der 22.000-Einwohner-Gemeinde Elsdorf am Rand der Abbaukante, wo das Rheinwasser aus Dormagen münden soll. Denn die „Transformation von einer Tagebaulandschaft zu einem attraktiven Seegebiet bietet enorme Chancen für unsere Stadt“, sagt Heller… weiterlesen


