Tiny Houses aus alten Windrädern

Tiny Houses aus alten Windrädern
Foto: J. Lousberg / Vattenfall

Tiny Houses aus alten Windrädern

derstandard.at: Was tun mit ausgedienten Windkraftanlagen? Ein niederländischer Architekt hat eine überraschende Antwort gefunden – und aus einer 20 Jahre alten Gondel ein Minihaus gebaut

Viel Licht, Möbel aus hellem Holz, ein Minisofa zum Ausklappen und eine beige Küchenzeile: Das 25 Quadratmeter große Innere des Tiny House sieht ein wenig aus wie ein Showroom von Ikea. Von außen sieht man ihm sein früheres Dasein jedoch noch an. Der längliche weiße Metallkasten war einmal eine Windradgondel. Eine Gondel ist das Maschinenhaus einer Windkraftanlage, das am oberen Ende des Turms sitzt. „Nestle“ heißt das Minihaus, abgeleitet von „Nacelle“, wie die Gondeln auch bezeichnet werden.

Es ist das erste Mal überhaupt, dass aus einer Nacelle Wohnraum entsteht, erklärt Jos de Krieger, Architekt und Mitgründer von Blade-Made, dem Unternehmen hinter dem Projekt. An einem Dienstag sitzt er vor dem Bildschirm, gegelte Haare, müdes Lächeln. Er hat gerade einen Auftrag abgeschlossen und nun Zeit für ein Videotelefonat mit dem STANDARD. „Es geht uns vor allem darum, das Abfallproblem mit gutem Design zu lösen“, erklärt de Krieger. Er ist auch Partner bei Superuse Studios, einem Architekturbüro, das sich nachhaltigem Design verschrieben hat. Superuse Studios hat das Tiny House, das zum ersten Mal vergangenes Jahr auf der Dutch Design Week ausgestellt wurde und an dem mehrere Firmen gearbeitet haben, mitentworfen.

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Frage des Recyclings

Die Lebensspanne eines Windrads beträgt ungefähr 20 bis 25 Jahre. Danach stellt sich die Frage: Was passiert mit den Bauteilen? Etwa die Hälfte werde in Ländern weiter genutzt, in denen die Wartung günstiger ist oder weniger strenge Vorschriften gelten. Der Rest wird entsorgt, erklärt Fabian Rechsteiner, der am Fraunhofer-Institut für Gießerei-, Composite- und Verarbeitungstechnik (Fraunhofer IGCV) zum Thema forscht. Theoretisch wären 90 Prozent des Materials recycelbar. „Derzeit gibt es allerdings noch kein etabliertes Verfahren dafür.“

Eine Schwierigkeit beim Recycling stellt allein die gewaltige Größe der Windräder dar. Die großen Rotorblätter würden meist an Ort und Stelle zersägt, „was problematisch ist, weil der Staub nicht gut für die Umwelt ist“, sagt Rechsteiner im Gespräch mit dem STANDARD. Bei alten Windkraftwerken sei zum Teil unklar, welche Materialien darin überhaupt verbaut wurden. Zumeist würden ausrangierte Windräder in der Zementindustrie landen, wo einzelne Bestandteile wiederverwendet werden. Oder aber sie werden verbrannt. In den allermeisten Ländern ist auch noch eine Deponierung erlaubt, so zum Beispiel in den USA. Es gibt Bilder von Feldern, die mit unzähligen Rotorblättern übersät sind.

Spielplätze und Lärmschutzwände

Wenn es aktuell noch so schwierig ist, Windräder zu recyceln, „wieso sollten wir sie dann nicht zunächst für etwas anderes weiterverwenden?“, argumentiert Jos de Krieger. Es ist nicht das erste Projekt, für das sich der Architekt ausrangierte Windräder zunutze machte. Andere Projekte waren Spielplätze aus Rotorblättern, Bänke, Bushaltestellen und ein Prototyp für Lärmschutzwände entlang einer Autobahn.

Das Tiny House sei jedoch ein besonders anspruchsvolles Projekt, sagt de Krieger. Die größte Herausforderung: „Dass es vorher noch niemand gemacht hat, dass also alles neu war. Aber Neues zu versuchen ist ja auch das Wesen von Innovation.“

Viele Vorgaben

Eine große Hürde seien die rechtlichen Vorgaben gewesen, die zu erfüllen sind. Ein Wohnraum braucht eine gewisse Mindestgröße, damit er zugelassen wird, er braucht Platz für eine Heizung, ein Badezimmer mit einer Dusche und Toilette und nicht zuletzt Tageslicht. Das Team musste auch die Stahlkonstruktion im Inneren der Gondel neu bauen. „Wir dachten uns: Wenn wir sogar ein Zuhause aus einem Windrad machen können, dann haben wir gezeigt, dass wir alles daraus machen können“, sagt de Krieger.

Gerade weil Windkraft eine immer wichtigere Rolle spielt, wird die Frage nach der Verwertung ausgedienter Anlagen drängender. Verlässliche Zahlen zu ausrangierten Windrädern gibt es nicht. Eine deutsche Studie von 2020 prognostiziert jedoch, dass die Zahl zu entsorgender Rotorblätter in den nächsten Jahren steil nach oben gehen wird. Recyclingexperte Rechsteiner verweist auch auf die ambitionierten Ausbaupläne. Die EU hat etwa das Ziel, die Windkraftkapazität bis 2030 auf 425 Gigawatt zu erhöhen, dafür braucht es laut Fachleuten noch viel mehr Windräder.

Große Pläne

Das Tiny House Nestle ist bisher noch ein Prototyp, aber der Plan seiner Macher ist es, es weiter zu verbessern, um anschließend in der Lage zu sein, es in Serie zu fertigen. Unterschiedliche Modelle des Minihauses könnten als Zuhause für kleine Familien, Studierende oder Paare dienen oder als Büro, träumt de Krieger. Es könne aber ebenso als Ferienhaus in Ferienanlagen stehen, so der Architekt, dessen Ziel es ist, auch mit Partnern außerhalb der Niederlande zusammenzuarbeiten… weiterlesen

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