Weniger CO2, weniger Konsum, weniger Sex

Weniger CO2, weniger Konsum, weniger Sex
focus.de: Früher träumten sie links der Mitte von einer Welt, in der es von allem mehr gab: mehr Erleuchtung, mehr Rausch, mehr Sex. Heute sehnt man sich nach der Wende zum Weniger. Wer beim Verzicht nicht mitmachen will, gilt als zweifelhafter Charakter. Ein Auszug aus Jan Fleischhauers neuem Buch „Du bist nicht allein”.
Ich komme aus dem Jahrhundert der Utopie. Dass die Welt besser und gerechter werde, wenn man sie nur machen ließe, das war immer das Versprechen der Linken. Die Linke, mit der ich aufgewachsen bin, begnügte sich allerdings nicht mit der Umverteilung materieller Güter. Sie wollte mehr. Sie wollte, dass die Zukunft freier, zärtlicher, berauschender sei, das gehörte ebenfalls zu ihrer Allure.
Für jeden war etwas dabei: Für den Kiffer der Joint, der nie ausgeht. Für den Somnambulen die ewige Nacht. Für die Anhänger der freien Liebe ein Leben in Glück und endloser Ekstase. „Pourquoi pas!“, hieß der Film der Stunde. Eine Frau liebt zwei Männer, und die Männer lieben sie und einander – warum nicht?
Der folgende Text ist ein Auszug aus dem Buch von Jan Fleischhauer: „Du bist nicht allein“, 2026, DVA Verlag, Hardcover, 25 Euro.
Vorbildlich ist nur der Mensch, der keinen Fußabdruck hinterlässt
Und heute? Heute werden wir belehrt, dass wir sündige Wesen seien, die am besten der Sünde abschwören. Alles ist auf Weniger eingestellt: weniger Emissionen, weniger toxische Energie, weniger Footprint. Der vorbildliche Mensch ist der Mensch, der keinen Fußabdruck mehr hinterlässt, weder beim CO2, noch beim verbalen Fallout.
Zu den Überraschungserfolgen der letzten Saison gehörte der Bestseller „Das Ende des Kapitalismus“. Anders als man erwarten sollte, ist das Buch weniger eine Abrechnung mit dem kapitalistischen System als vielmehr eine Einstimmung auf das Leben danach.
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Heute ist die Linke in der Defensive
Die Autorin Ulrike Hermann musste einiges an Spott ertragen. Der große Vorzug ihres Buches ist, dass sie darin ausbuchstabiert, wie ein wahrhaft klimaneutrales Leben aussieht. Urlaub nur noch auf Bezugsschein. Bahnfahrten lediglich, wenn es sein muss (ja, auch die Bahn verbraucht Energie) und Arbeit am Computer maximal einmal die Woche. Dass es mit Bananen aus Costa Rica, Kakao aus Ghana und Trauben vom Kap künftig Essig ist, versteht sich von selbst.
Die Linke rätselt, wie ihr die Meinungshoheit entgleiten konnte. Ganze Kongresse gehen der Frage nach, woher der Backlash rührt. Dass die andere Seite aufgeholt hat, daran kommt auch der sattelfesteste Kombattant nicht vorbei. Der Befund ist traurig wie erschütternd: Die Linke ist in der Defensive.
Auch Armut muss man sich leisten können
Die einfachen Stände haben nie vom Weniger geträumt. Für sie ist auch das Nichtstun nicht Verheißung, sondern Drohung. Der kluge Marxist Mathias Greffrath hat zurecht angemerkt, dass es ein gut gefülltes Bildungskapital-Depot braucht, um die Monate der Entschleunigung als Bereicherung zu empfinden.
Es sei kein Wunder, dass der Anteil derjenigen, die für das bedingungslose Grundeinkommen stritten, unter arbeitslosen Kulturwissenschaftlern besonders hoch sei. „Die können sich ein Leben mit 900 Euro, ein paar Reclam-Heftchen und ab und zu einem Konzertbesuch gut vorstellen. Das ist für jemanden, der am Band oder der Ladenkasse steht, keine Perspektive. Da fehlen die kulturellen Ressourcen dazu.“
Verzicht als Freude wurde schon lange gepredigt
Manche Menschen mag die Wende zum Weniger überzeugen. Auch im Verzicht kann Freude liegen. Dass nicht mehr, sondern weniger glücklich mache, ist eine Weisheit, die über die Jahrhunderte ihre ganz eigenen Heilsprediger hervorgebracht hat.
Schon der ehrwürdige Bhagwan aka Osho lehrte, dass Besitztümer nur Ablenkungen seien. Ihn selbst hielt das selbstredend nicht davon ab, die größte Rolls-Royce-Flotte der westlichen Hemisphäre anzusammeln. Aber so ist der Guru in seiner unendlichen Weitsicht: Wenn er dem nach Sinn suchenden Westlern die Überweisung aufs Ashram-Konto als Weg zur Erleuchtung verkaufen kann, warum nicht?
Vor allem die Wohlhabenden wollen fasten
Allein, machen wir uns nichts vor: Es ist eine Minderheit, die Erweckung in der Entsagung sucht. Die Mehrheit hält nach wie vor ein Leben im Überfluss für erstrebenswert. Das mag auch mit der materiellen Grundausstattung zusammenhängen. Erst wenn man so viel besitzt, dass es einem zum Hals raushängt, wird Verzicht zum verlockenden Ideal… weiterlesen
Es ist kein Zufall, dass sich vor allem die obere Mittelschicht zum Fasten hingezogen fühlt. Das war schon im Ashram so. Am Yogi-Tee-Buffet fanden sich vorzugsweise stressgeplagte Mittvierziger in der Blüte ihrer dritten Midlife-Krise ein, die von den tantrischen Exerzitien den Kick erwarteten, der sich in ihrem leeren Penthouse in Harvestehude nicht mehr einstellen wollte. Auch zum Verzicht muss man geboren sein… weiterlesen


