Wenn Russland Nein zum Artenschutz sagt

Wenn Russland Nein zum Artenschutz sagt
sueddeutsche.de: Rund eine Million Tier- und Pflanzenarten gelten als bedroht, das ist längst auch eine Gefahr für den Menschen. Auf der Biodiversitätskonferenz blockieren jedoch einzelne Staaten Fortschritte.
Nach dem Abschluss der Weltbiodiversitätskonferenz in Armenien haben Forscher und andere Beobachter Zweifel geäußert, ob die dort getroffenen Beschlüsse ausreichen, um das weltweite Artensterben merklich zu bremsen. Zwar bekräftigten die Staaten in der Hauptstadt Eriwan das Ziel, den Schutz der weltweiten Artenvielfalt zu stärken. Mit welchen Maßnahmen das konkret geschehen soll und wer das bezahlt, blieb jedoch vielfach offen.
Im Zentrum der zweiwöchigen „COP17“-Konferenz stand die erste Bestandsaufnahme des vor vier Jahren in Montreal vereinbarten Weltnaturabkommens. Dieses formuliert 23 Handlungsziele für das Jahr 2030 sowie vier übergeordnete Ziele für 2050. So wollen die Staaten bis 2030 mindestens 30 Prozent der Land- und Meeresflächen unter Schutz stellen, 30 Prozent der geschädigten Ökosysteme reparieren und 200 Milliarden US-Dollar für den Erhalt der Artenvielfalt bereitstellen.
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In Eriwan kamen die Delegierten zu dem Schluss, dass die bisherigen Fortschritte nicht ausreichen und die Welt bei fast allen Zielen hinterherhinkt. Das Tempo steigern soll der nun beschlossene „Pfad von Eriwan“. Er sieht unter anderem vor, umweltschädliche Subventionen schneller abzubauen und in den kommenden Jahren mehr Finanzmittel bereitzustellen. Auf der COP17 sagten Staaten, Stiftungen und Investoren rund 1,8 Milliarden US-Dollar für den Artenschutz zu.
Kritik an geringen Finanzzusagen und fehlender Verbindlichkeit
„Wirklich konkrete starke Maßnahmen fehlen“, sagte Christoph Scherber vom Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels in Bonn dem Science Media Center (SMC). So gebe es kaum konkrete Beschlüsse zum Abbau biodiversitätsschädlicher Subventionen, etwa für die Landwirtschaft oder für fossile Brennstoffe. „Zwar wurde beschlossen, dass 500 Milliarden US-Dollar solcher Subventionen abgebaut werden sollen, jedoch ohne konkreten Zeitplan“, kritisiert Scherber. Die zugesagten 1,8 Milliarden US-Dollar seien angesichts des extremen Reichtums auf der Welt „ein Tropfen auf den heißen Stein“, die Finanzzusagen seien zudem nicht verbindlich. Insgesamt sei aber zu begrüßen, dass die Staaten Schwierigkeiten benannt hätten und in der gemeinsamen Abschlusserklärung zum engagierten Handeln auffordern, so Scherber.
Ein weiterer Streitpunkt ist, wie sich die Profite aus der Nutzung genetischer Ressourcen gerecht verteilen lassen, etwa wenn Pharmakonzerne auf Basis von heimischen Pflanzen neue Medikamente entwickeln. Hier einigten sich die Staaten darauf, den genauen Mechanismus in einer Arbeitsgruppe weiter auszugestalten. Selbst das galt während der Verhandlungen lange als fraglich.
Weil auf den Biodiversitätskonferenzen das Konsensprinzip gilt, können einzelne Staaten größere Fortschritte blockieren. So stemmte sich Russland in Eriwan bei Verhandlungen zur Artenvielfalt in den Meeren gegen eine Bezugnahme auf das UN-Hochseeschutzabkommen, das dieses Jahr in Kraft getreten ist. Aus völkerrechtlicher Perspektive wäre dies „ein starkes Signal“ gewesen, erklärte Catharina Caspari vom Institut für Energie-, Umwelt- und Seerecht der Universität Greifswald dem SMC. Die kleinen Inselstaaten wie Vanuatu und Tuvalu betonten immer wieder die für sie existenzielle Bedeutung des Abkommens zum Schutz der hohen See.
Rund eine Million Arten gelten als bedroht
Länder wie Russland und Saudi-Arabien blockierten zudem Bezugnahmen auf Gutachten des Internationalen Gerichtshofs oder des Internationalen Seegerichtshofs. Die USA sind als weltweit einziger Staat außer dem Vatikan kein Mitglied im Biodiversitätsabkommen.
Ein im Vorfeld der COP17 erschienener UN-Bericht kommt zum Ergebnis, dass die Welt bei keinem der 23 Biodiversitätsziele vollständig auf Kurs ist. Die nationalen Ziele reichten bislang zusammengenommen nicht aus, um die globalen Ambitionen zu erreichen. Dafür fehle es nicht nur an Geld, sondern auch an Technologietransfer, politischer Koordination und Daten.
Auswertungen des Weltbiodiversitätsrats (IPBES) zeigen regelmäßig, dass rund eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht sind.. weiterlesen


