„Es gibt weltweit große Mehrheiten für das Gute“

„Es gibt weltweit große Mehrheiten für das Gute“
zeit.de: Ole von Uexküll ist Direktor der Stiftung, die jedes Jahr Alternative Nobelpreise verleiht. Hier erklärt er, was eine bessere Welt wäre und wie man Macht aufbaut.
Wir leben in Zeiten, die uns einiges Kopfzerbrechen bereiten. Deshalb fragen wir in dieser Serie, was interessante Köpfe gegenwärtig bedenkenswert finden. Heute antwortet Ole von Uexküll, der die Stiftung Right Livelihood Award leitet.
Ole von Uexküll, Sie haben gerade wieder eine Handvoll Alternativer Nobelpreise an Menschen verliehen, die sich um eine „bessere Welt“ kümmern. Etwas Besserung könnte das neue Jahr gut gebrauchen. Aber woher wissen Sie, was eine bessere Welt ist?

F: Right Livelihood Foundation
Ole von Uexküll: Sie ist besser, wenn sie friedvoller, nachhaltiger, gerechter ist, das ist die Vision unserer Organisation, der Right Livelihood Award Stiftung. Unsere Preisträger zeigen auf mitreißende Weise, dass sich das globale Gemeinwohl in diesem Sinne gestalten lässt. Aber was mir besonders wichtig ist: Unsere Sicht auf die Welt wird weltweit von einer großen Mehrheit der Menschen geteilt, keineswegs bloß von progressiven oder linken Gruppen, wie oft suggeriert wird. Diese Vision ist im Grunde Common Sense. Die Mehrheit weiß nur selbst kaum, dass sie bis zu 90 Prozent aller Bürgerinnen und Bürger der Welt umfasst. Ich denke deshalb darüber nach, wie sich die Macht dieser vielen stärken ließe und wie wir Gesellschaften nach diesen weithin anerkannten Prinzipien organisieren können. Darüber herrscht Verwirrung, ganz praktisch beim Wie, aber auch grundlegend, infolge eines zynischen Menschenbildes.
Zynisch?
Eine zynische Verwirrung entsteht dadurch, dass immer noch das negative Menschenbild des Homo oeconomicus herumspukt, wonach jeder Mensch nur an der Maximierung des eigenen Nutzens arbeite. Das ist ein Irrtum. Wäre das so, hätten wir historisch niemals die Gesellschaften aufbauen können, die wir aufgebaut haben. Der Schlüssel dazu ist die menschliche Fähigkeit und der Wunsch, zu kooperieren, um neue Antworten auf Krisen zu finden. Das sehen wir auch in den Hunderten Nominierungen, die wir aus aller Welt bekommen, und natürlich an den Preisträgern. Wir lernen von ihnen über gesellschaftlichen Wandel. Plötzlich erkennt man an ihrem Beispiel etwa, dass es Parallelen zwischen Taiwan und dem Sudan gibt …
Inwiefern? Was hat die digitale Programmiererin und ehemalige Digitalministerin Audrey Tang aus Taiwan mit dem sudanesischen Freiwilligennetzwerk Emergency Response Rooms zu tun, die Sie beide zuletzt ausgezeichnet haben?
Sie teilen das Vertrauen, dass Menschen in Krisen über sich selbst hinauswachsen, wenn man ihnen dafür wiederum selbst das Vertrauen schenkt. In Gesellschaften, die wie in Taiwan oder im Sudan besonders unter Druck stehen, erkennt man das oft noch prägnanter als in lang etablierten Demokratien.
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Wie zeigt sich das konkret?
Taiwan ist Millionen von Cyberattacken ausgesetzt, der Systemkonkurrent China befindet sich direkt nebenan. Audrey Tang ist so zu einer Vordenkerin gemeinwohlorientierter KI-Nutzung geworden, sie setzte digitale Technologien etwa in Bürgerräten ein und brachte die eigene Regierung dazu, die Breite der Bevölkerung in konkrete Gesetzgebungsverfahren einzubeziehen. Im Sudan wiederum sind es 26.000 Freiwillige, die sich für humanitäre Hilfe koordinieren, in Form von Suppenküchen, Gesundheitsversorgung oder Unterstützung bei Evakuierungen. Dieses Freiwilligennetzwerk ist in den Kriegsgebieten beweglich wie Wasser und lässt die Unterstützung immer dorthin fließen, wo sich gerade ein Weg bahnen lässt. Die Gemeinsamkeit der beiden Preisträger ist also die digitale Verschaltung, mittels derer Spaltung und Not überwunden werden können.
Hetze und Deepfakes zerstören diesen Prozess nicht?
In Taiwan bestand die Kunst von Audrey Tang darin, zunächst in kleinen Gruppen herauszuarbeiten, was die Leute miteinander verbindet, um dann in immer größere digitale Räume zu gehen, auf der Suche nach Gemeinsamkeiten. So entstanden bei den meisten Fragen weit mehr als fünfzig Prozent an Zustimmung: Diese Suche nach Einvernehmen nennt Tang selbst ein „ziviles Muskeltraining“. Technisch funktioniert das gar nicht viel anders als die spaltenden Algorithmen. Und Taiwan ist kein Einzelfall. In Kentucky hat die Stadt Bowling Green dieses Verfahren genutzt, um gemeinsam zu entwerfen, wie der Ort im Jahr 2050 aussehen sollte – und man hat große Mehrheiten gefunden. Das Verfahren funktioniert lokal wie national.
Spielen für die Jury bei der Auswahl der Weltverbesserer die etablierten Kriterien des Guten, wie sie in den Menschenrechten, der europäischen Grundrechtecharta oder dem Grundgesetz festgehalten sind, eine Rolle? Also etwa die Unantastbarkeit der Würde, die Bürgerrechte, das Recht auf Unversehrtheit?
Natürlich. Aber diese Kriterien sind im dynamischen Wandel. Ideen und Normen befinden sich auf einem langen Weg von der Formulierung, der Verbreitung, der Kodifizierung bis zur Umsetzung. Die Ideen von Audrey Tang, nämlich die Integrität des menschlichen Geistes vor Cyberangriffen, Deepfakes oder anderen Attacken auf die Urteilskraft zu schützen, sind erst in ihren Anfängen. Manche ökonomischen Rechte sind in der Umsetzung noch nicht weit vorangekommen. Die Einhaltung von Bürgerrechten ist je nach Ort in einem Auf und Ab. Aber mir ist wichtig, dass wir mit dem Right Livelihood Award nicht einfach Errungenschaften verteidigen, sondern wir wollen eine Art Vorwärtsverteidigung der Demokratie. Und dafür gibt es große gesellschaftliche Mehrheiten, rund um den Globus.
Woher wissen Sie das? Die Demokratie weicht nach ihrem Höhenflug in den 1990er-Jahren heute in immer mehr Staaten einer Autokratie.
Schaut man sich Langzeitstudien wie die World Values Survey an, dann liegt die Zustimmung zur Demokratie als Regierungsform stabil bei um die 80 Prozent. Das Vertrauen, dass die Demokratie konkrete gesellschaftliche Probleme lösen kann, ist allerdings deutlich geringer. Dabei zeigen globale Untersuchungen: Fast 90 Prozent der Menschen weltweit wollen, dass ihre Regierungen mehr gegen den Klimawandel unternehmen. Über 80 Prozent wollen die Biodiversität besser geschützt sehen. Wiederum über 80 Prozent sehen die ökonomische Ungleichverteilung in ihrem Land als ein Problem und den politischen Einfluss der Reichen als deren Ursache. Deshalb will ich wissen: Was muss passieren, damit aus diesen Mehrheiten auch andere Politik wird?… weiterlesen


