Es tut mir leid, Mama

Es tut mir leid, Mama
Foto: Jose Antonio Alba / Pixabay CC0

Es tut mir leid, Mama

Hallo Mama!

Hallo, Kleines! Ich bin schon fast verrückt geworden, so sehr habe dich vermisst, so gern hätte ich dich umarmt, geherzt! Diese Quarantäne war einfach schrecklich. Aber zum Glück ist es ja jetzt vorbei.

Ja, sie ist vorbei. Ich habe dir trotzdem zwei Packungen mit Schutzmasken mitgebracht. Es sind jeweils 100 Stück drin, das wird für eine Weile reichen. Und danach gibt es dann vielleicht einen Impfstoff.

Wozu denn das? Ich habe bereits gesagt, dass Ihr euch vor uns nicht fürchten müsst, wir sind nicht infiziert.

Wir hatten auch keine Angst vor Euch, wir hatten Angst um Euch.

Ach, komm‘ schon! Wir haben die Diktatur, Epidemien und alles Mögliche überlebt. Und an irgendetwas dann muss man ja schließlich sterben. Aber wir sind hier sicher. Es hieß im Fernsehen, das Land habe unzählige Masken gekauft. Das reicht für uns alle.

Habt Ihr denn davon einige bekommen? Kennt Ihr überhaupt jemanden, der auch nur eine der Masken bekommen hat?

Aber natürlich! Sie wurden von der örtlichen Selbstverwaltung verteilt, jede Familie hat welche bekommen.

Die wurden nicht von der Regierung geschickt, die örtliche Selbstverwaltung hat sie gekauft.

Ach komm, was redest du da? Viktor Orbán hat sie geschickt, denn er fühlt sich für uns verantwortlich! Ihm ist sein Volk wichtig. Er beschützt uns.

Bitte tragt die Maske, wenn Ihr einkaufen geht!

Wir werden sie tragen, wenn es wieder eine Epidemie gibt. Aber jetzt ist ja die Epidemie vorbei, der Premierminister hat das Land verteidigt. Er ließ nicht zu, dass bei uns so viele Menschen sterben wie in anderen Ländern. Dafür haben er und seine Mitarbeiter sehr, sehr hart gearbeitet. Und wenn’s nötig sein sollte, dann kommst eben auch du und gehst für uns einkaufen.

Ich kann nicht kommen. Ich gehe weg, in ein anderes Land.

Du solltest nicht gehen. Aber das ist nicht nur gefährlich, weil dort das Virus tötet. Migranten greifen dort die Weißen an. Sie werden ausgeraubt, sie werden getötet. Ich habe Angst um Dich. Gehe nicht! Auch hier kann man Urlaub machen, auch das ist unsere patriotische Pflicht! Hier haben wir den Plattensee, das ist unser Meer.

Es gehört uns nicht mehr, Mama. Es gehört ihnen.

Das verstehe ich nicht.

Es gehört ihnen. Es gehört Mészáros, Tiborcz…

Das sind ungarische Unternehmer. Sie sind wie einer von uns. Sie schaffen Arbeitsplätze hier, sie bringen das Geld nicht aus dem Land, Ungarn entwickelt sich, sie geben den Ungarn Arbeitsplätze.

Können sie den Ungarn keine Jobs geben, ohne das gesamte Seeufer aufzukaufen? Würde sich das Land nicht entwickeln, wenn die Ungarn kostenlos am Plattensee baden könnten?

Es gibt ja frei zugängliche Strände. Das haben sie im Fernsehen gesagt. Diese Linksliberalen lügen wie immer.

Weißt du, was liberal bedeutet?

Aber natürlich! Es bedeutet Landesverräter. Das sind diejenigen, die die Regierung angreifen, nur damit sie die Macht an sich reißen können.

Wer, glaubst du, hat jetzt die Macht, Mama? Die Macht, die sich die Liberalen schnappen wollen.

Wir. Das Volk. Das Parlament.

Tatsächlich? Wurdest du jemals gefragt, was du willst?

Aber natürlich. Auch gerade jetzt hatten wir ja die nationale Konsultation. Viktor Orbán interessiert sich für die Meinung der Menschen.

Das Parlament?

Was ist damit los?

Stört es dich nicht, dass Fidesz allein entscheidet? Ist das anders als zu der Zeit, als die MSZMP (i.e. Sozialistische Einheitspartei Ungarns) allein entschied, weil es keine andere Partei gab?

Heute gibt es andere Parteien, aber die unterstützen die Regierung nie. Sie stimmen bewusst dagegen.

Und? Wenn sie gegen eine Gesetzesvorlage stimmen, dann wird diese nicht umgesetzt?

Die Landesverräter können die Umsetzung nicht verhindern, denn zum Glück unterstützen wir, unterstützen so viele Viktor Orbán.

Das ist also ein Einparteiensystem? Wenn das Wort, wenn die Einwände der Anderen, der Liberalen keine Rolle spielen – ist das dann nicht ein Einparteiensystem? Ist das dann nicht eine Diktatur?

Aber natürlich nicht! Es gibt ja mehrere Parteien. Das ist Demokratie.

Ich verstehe. Wo ist eigentlich Papa? Im Garten?

Nein. Er hat sich hingelegt. Er fühlt sich nicht besonders gut.

Was sagt der Arzt?

Er hat noch keinen Termin für die Untersuchungen erhalten. Es braucht eine Zeit, bis er an der Reihe ist, zuerst sind diejenigen dran, die schon lange warten.

Und wenn es dann zu spät ist?

Das wird es bestimmt nicht. Die Ärzte wissen, was sie tun. Wir haben das beste Gesundheitssystem in ganz Europa. Auch die Ursache deiner Erkrankung haben sie innerhalb weniger Tage gefunden und dich geheilt.

Weil ich dafür bezahlt habe, weil ich als privat zahlender Patient zu einem entsprechenden Arzt gegangen bin. Aber Papa hat seit Monaten Blut im Urin, hat Schmerzen und wurde immer noch nicht untersucht. Warum nimmst du keine Hilfe an? Ich werde Papa in eine Privatklinik bringen.

Uns ist unser Arzt gut genug. Dein Vater vertraut nur ihm.

Ich verstehe. Bitte grüß‘ ihn von mir, ich will ihn jetzt nicht stören. Bevor wir ins Ausland gehen, kommen wir noch vorbei um uns zu verabschieden.

Das ist gut, ihr fehlt uns sehr, ganz zu schweigen von unserer Enkelin. Arbeitet deine Frau jetzt, ist das der Grund, warum sie nicht mitgekommen ist?

Nein, sie arbeitet nicht. Sie hat keine Arbeit mehr. Auch ich habe meinen Job verloren, meine Firma ging zu Beginn der Pandemie bankrott. Meine Frau ist nicht mitgekommen, weil sie für die Reise packt.

Ich wusste nicht, dass ihr in Schwierigkeiten steckt, davon hast du mir nichts erzählt. Seid Ihr wirklich sicher, dass ihr gerade jetzt, wo ihr arbeitslos geworden seid, in Urlaub fahren wollt?

Mama, wir fahren nicht in den Urlaub, wir ziehen weg. Endgültig. Jetzt haben wir gerade noch so viel Gespartes, dass wir es wagen können, aber in einem halben Jahr hätten wir unsere finanziellen Reserven aufgebraucht.

Was heißt für immer? Das verstehe ich nicht. Wo wollt ihr wohnen? Wovon wollt ihr leben?

Eine Arbeit habe ich schon gefunden und wenn wir erst dort sind, werden wir auch für meine Frau etwas finden. Wir haben eine kleine Wohnung gemietet, später werden wir uns eine größere, eine bessere suchen.

Und das Kind? Was wird aus ihm?

Er wird dort zur Schule gehen.

Wie könnt Ihr uns das antun? Wie könnt Ihr uns hier alleine lassen? Auch wir werden nicht jünger. Was ist, wenn dein Vater oder ich gepflegt werden müssen? Wer hilft uns? Wie kannst du nur so egoistisch sein? Schließlich haben wir unser ganzes Leben für dich geopfert. Und nun kehrst du uns den Rücken zu?

Nein, Mama, ich kehre euch nicht den Rücken zu. Ihr habt mir und eurer Enkelin den Rücken zugekehrt. Mir blieb keine andere Wahl. Wegen des Kindes, wegen deiner Enkelin. Ich will nicht, dass sie in einer Diktatur aufwächst. Ich werde nicht zulassen, dass sie ihr ganzes Leben lang dahinvegetiert und immer nur auf eine bessere Zukunft hofft, wie du sie dir erhofft hast, seit ich denken kann. Dafür ist das Leben zu kurz. Euer Leben, aber unser Leben ist dafür zu kurz.

Aber bald wird auch hier alles gut. Wir müssen nur ein bisschen länger durchhalten und alles wird gut. Letztendlich ist dies ja auch dein Land. Wenn schon aus keinem anderen Grund, so solltest du zumindest für mich bleiben. Ja, du müsstest meinetwegen bleiben.

Ja, verstehst du es denn nicht?  Es tut mir leid, Mama. 

Der Artikel von Edgar Swan erschien am 19. Juni 2020 unter dem Titlel „Sajnálom, anya“ auf kolozsvaros.com  

Übersetzung aus dem Ungarischen von Ferenc Héjjas / Pressenza

Die Veröffentlichung erfolgt im Rahmen unserer Medienpartnerschaft mit Pressenza

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