Gigafactory auf Überholungskurs

Gigafactory auf Überholungskurs
Archiv-Foto: Ralf Roletschek/wikimedia CC 1.0

Gigafactory auf Überholungskurs

taz.de: Tesla will in Grünheide groß ausbauen, dafür werden gerade die Bürger befragt. Manche sehen im US-Autobauer eine Chance, andere fürchten um die Umwelt.

Der Werlsee glitzert idyllisch, freistehende Einfamilien- und Reihenhäuser säumen das Ufer. An diesem Sonntag lässt sich in Grünheide kaum erahnen, dass nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt der Autobauer Tesla seine „Gigafactory“ zur größten Autofabrik Deutschlands ausbauen will. Trotz des Sonnenscheins ist es noch kühl, Lou Winters trägt eine grüne Jacke und hält ein Klemmbrett in der Hand. Sie klingelt am Gartenzaun, eine Antwort lässt auf sich warten.

Im Vorbeigehen grummelt ein älteres Ehepaar: „Woher kommt ihr? Aus Berlin? Geht da demonstrieren!“ Kaum einen Moment später öffnet eine Frau die Tür ihrer Reihenhauswohnung. Sagt: „Toll, was ihr macht, Ich habe schon mit Nein gestimmt!“ Winters gibt ihr noch einen Flyer der Initiative in die Hand und geht zielstrebig zum nächsten Haus.

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Es ist Wahlkampf im brandenburgischen Grünheide. Zusammen mit 20 anderen Ak­ti­vis­t:in­nen des Bündnisses „Tesla den Hahn abdrehen“ ist Lou Winters tatsächlich aus dem nur 20 Bahnminuten entfernten Berlin angereist, um die Tesla-Gegner:innen der Bürgerinitiative Grünheide zu unterstützen. Haustür für Haustür mobilisieren die Ak­ti­vis­t:in­nen gegen die geplante Erweiterung der Gigafactory.

Die beschauliche Gemeinde Grünheide, in der in allen Ortsteilen zusammen rund 9.000 Ein­woh­ne­r:in­nen leben, steht im Zentrum der Expansionsbestrebungen von Elon Musks E-Auto-Unternehmen. 2019 hatte Musk angekündigt, die einzige Tesla-Fabrik Europas in Grünheide errichten zu wollen, im dünnbesiedelten, von Kiefernwäldern, Seen und Flüssen geprägten Rand Berlins.

Nach einer Rekordbauzeit von nur zwei Jahren eröffnete die Gigafactory im März 2022. Obwohl die geplante Produktionskapazität von 500.000 Fahrzeugen pro Jahr erst zur Hälfte ausgeschöpft ist, plant Tesla schon die Erweiterung. Im März 2023 beantragte das Unternehmen eine Erhöhung auf 1 Million Fahrzeuge pro Jahr, nun soll auch das derzeit 280 Hektar große Fabrikgelände erweitert werden. Noch einmal 100 Hektar Wald will der Elektro-Autobauer roden, vor allem um Lager- und Logistikflächen anzulegen.

Doch zum ersten Mal können die Grün­hei­de­r:in­nen darüber abstimmen, wie es mit Tesla in ihrer Nachbarschaft weitergeht. Noch bis zum 16. Februar können sie dem Bebauungsplan zustimmen oder ihn ablehnen. Auch wenn das Ergebnis rechtlich nicht bindend ist, ist die Bürgerbefragung ein Novum. Hofiert von der Brandenburger Landesregierung, konnte Tesla zuerst sogar bereits ohne Genehmigung anfangen zu bauen – für demokratische Entscheidungsprozesse war beim „Tesla-Tempo“ keine Zeit.

Der Riss durch die Gemeinde

Die Befragung offenbart den tiefen Riss, der sich durch die Gemeinde gezogen hat. Da sind die einen, die in der Fabrik eine Gefahr für die Umwelt, vor allem für das empfindliche Wassersystem in der Region sehen. Aber es gibt auch die, die in Tesla eine Chance auf eine lange wirtschaftlich vernachlässigte Region ausmachen, ein Unternehmen, das nicht nur gut bezahlte Arbeitsplätze schafft, sondern auch Zukunft gestaltet.

So wie Silas Heineken. Der 17-jährige Gymnasiast, großgewachsen, lange blonde Haare. Er sitzt mit seinen Freunden Tariq und Moritz auf einer Couch in einer ausgebauten Garage in einem Gewerbegebiet im Grünheider Ortsteil Herzfelde. Normalerweise proben sie hier nach der Schule mit ihrer Band oder planen Videoprojekte – im ruhigen Grünheide gibt es nicht viel zu tun. Doch in den letzten Tagen haben sie hier pausenlos an ihrer Kampagne „Againsters“ gearbeitet. Plakate designt und aufgehängt, eine Homepage und einen Webshop aufgesetzt. Auch sie wollen im Wahlkampf mitmischen… weiterlesen

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