Klimawandel: Wenn der Sommer nicht endet

Klimawandel: Wenn der Sommer nicht endet
zeit.de: Weinschorle statt Pumpkin Spice: Kaum ein Oktober war wärmer als dieser. Was bedeutet das neue Normal für Natur und Landwirtschaft – wachsen in Deutschland bald Oliven?
Spätestens am vergangenen Wochenende ist der Indian Summer mitten in Europa endgültig angekommen: 28,7 Grad Celsius. So hoch stiegen am 28. Oktober die Temperaturen in Müllheim, einer kleinen Stadt südlich von Freiburg im Breisgau. Fühlt sich an wie Mai statt Oktober. Auch im Rest des Landes war das Wetter in den vergangenen Wochen eher etwas für den Biergarten: Da schmeckt den meisten der Spritz, die Schorle oder das Bier besser als ein Pumpkin Latte.
Die ungewöhnliche Wärme bestätigt nun auch der Deutsche Wetterdienst (DWD) in seiner Wetterbilanz für den Oktober: Die Temperaturen lagen im Schnitt rund 3,5 Grad Celsius höher als in anderen Oktobern zwischen 1961 und 1990. Auch geregnet hat es kaum, rund zehn Prozent weniger Niederschlag fiel gegenüber dem Vergleichszeitraum – trotz einiger Tage Dauerregen, besonders in Süddeutschland. In Mecklenburg-Vorpommern, dem trockensten Bundesland, verzeichneten die Meteorologinnen gerade mal 15 Liter pro Quadratmeter – zwischen 1961 und 1990 waren es stets rund 40 Liter pro Quadratmeter. Und golden war dieser Oktober auch, nicht nur beim Blick auf die Baumkronen: 175 Stunden lang schien die Sonne etwa in Berlin, knapp 70 Stunden länger als im Vergleichszeitraum.
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Zusammengefasst: Das Wetter war alles andere als gewöhnlich. Zumindest noch nicht. Denn natürlich hängt dies mit der Klimakrise zusammen und wird künftig wohl das neue Normal sein. Gibt Schlimmeres, denken sich viele vielleicht. Nur was bedeutet es eigentlich für die Natur, wenn die kalten Monate in Deutschland zunehmend wärmer werden?
Natur und Landwirte sind an eisige Winter angepasst – noch
Gerade der Winter zeigt einen eindeutigen Trend: „Er hat sich bis heute um eine Nuance stärker als die anderen Jahreszeiten erwärmt“, sagt der Agrarmeteorologe Andreas Brömser vom DWD im Gespräch mit ZEIT ONLINE. „Die Verstärkung dieses Erwärmungstrends in den letzten 20 bis 30 Jahren ist deutlich erkennbar“, sagt Brömser. „Natürlich von Jahr zu Jahr mit Abweichungen mal nach oben, mal nach unten.“ Die Folgen: Es liegt deutlich weniger Schnee. Und es gibt weniger Frost.
Gerade Landwirtinnen und Bauern bereitet das echte Probleme. Zum Beispiel beim Wintergetreide: Der wird heute oft schon später ausgesät als noch vor einigen Jahrzehnten. „Das liegt daran, dass es immer häufiger milde Phasen gibt, wo die Tagesmitteltemperatur über einer Grenze von etwa fünf Grad liegt. Ab da findet das Wachstum noch statt oder setzt erneut ein“, sagt Brömser. Liegen die Temperaturen darunter, ruhen die Pflanzen. „Da diese Vegetationsruhe immer häufiger unterbrochen wird, hören Gräser oder Wintergetreide zum Teil erst im Dezember auf zu wachsen.“ Je weiter die Pflanzen dann schon entwickelt sind, desto höher könnten dann Frostschäden ausfallen, wenn es dann doch kalt wird. Kräftiger Frost im Winter kann dem Weizen hingegen sogar nutzen: Ohne so einen Kältereiz bildet Winterweizen später mitunter weniger Körner. Fachleute nennen den Prozess Vernalisation.
Vor allem aber ist die fehlende Eiseskälte für Schädlinge praktisch: Wenn das Wintergetreide wachsen kann, so schafft Unkraut das ebenfalls. Und Krankheiten, die etwa durch Blattläuse übertragen werden, können sich länger ausbreiten. Beides Umstände, die entweder den Bedarf an Pflanzenschutzmitteln erhöhen oder den Ertrag schmälern.
Auch Insekten wie dem Borkenkäfer scheinen frostlose Winter entgegenzukommen. Möglicherweise konnte er sich so schon in den vergangenen Jahren leichter in Deutschlands Fichtenwäldern ausbreiten. Wärmere Winter dürften auch Schädlinge in die Mitte Europas locken, die eigentlich in anderen Teilen der Welt heimisch sind. Eingeschleppt etwa über Frachtcontainer nach Deutschland, könnten ihre Überlebenschancen künftig höher sein als bislang. Denn ohne die Kälte haben sie es vermutlich deutlich leichter.
Der Klimawandel bringt aber auch Nachteile für einige bereits angepasste Insektenarten. „Viele Insekten überwintern in so gut geschützten Plätzen, dass sie auch Nächte mit minus 20 Grad Celsius aushalten“, sagt Brömser. „Wenn sie in Form von Eiern überwintern, können milde und nasse Monate dazu führen, dass sie teils von Pilzen befallen werden.“
Frost tötet zwar Triebe, kann Bauern aber auch kräftig nutzen
Sicher ist: Zwar wird die Anzahl der Frosttage, also Tage, an denen die Lufttemperatur unter 0 Grad Celsius sinkt, in der Klimakrise weiter abnehmen. Doch sie dürften nicht ganz verschwinden, was für Landwirte teils unkalkulierbare Risiken bedeutet.
Tatsächlich beginnt etwa die Vegetationsperiode heimischer Obstsorten immer früher. Der Vorfrühling, also der Zeitpunkt, zu dem die Haselblüte anfängt, startet gut zwei Wochen früher. Auch Apfelbäume treiben mittlerweile deutlich eher aus. Das macht sie anfällig für Schäden durch Spätfröste, also vereinzelte Tage, an denen es auch im Frühjahr noch einmal eiskalt werden kann… weiterlesen


