Mäuse leiden im Namen der Forschung

Mäuse leiden im Namen der Forschung
Foto: Pixabay CC/PublicDomain

Mäuse leiden im Namen der Forschung

zeit.de: Babymäusen wird der Schädel aufgeschnitten und Menschenhirn eingesetzt. Sie müssen gegen das Ertrinken kämpfen, um Antidepressiva zu testen. Erkenntnisgewinn: ungewiss.

Neulich las ich eine Nachricht, dann las ich sie noch einmal. Und dann noch ein paar Mal:

»Forschende haben Mäuse mit menschlichem Hirngewebe gezüchtet.«

Wissenschaftler an der Stanford University hatten Mäuse gezüchtet, denen das Großhirn fehlte. In den leeren Raum implantierten sie menschliche neuronale Stammzellen. Ein Hirnorganoid, das sie zuvor in Petrischalen herangezogen hatten. Die Menschenzellen überlebten im Mäusekopf, sie wuchsen, vernetzten sich.

Mir kamen drei Fragen. Erstens, ob die Mäuse mit Menschenhirn künftig ihr Essen fotografierten, bevor sie es aßen (nein). Zweitens, ob mein Reflex, aus dem Versuch einen Witz zu machen, ein psychologischer Schutzmechanismus ist, um nicht darüber nachzudenken, wie es den Mäusen wirklich erging (ja). Und drittens: Warum bloß haben die Forscher das gemacht?

Als Gesundheitsjournalist lese ich fast täglich von Tierversuchen, von Medikamententests an Mäusen oder Kaninchen, von genmanipulierten Zebrafischen oder transplantierten Schweineorganen. Im Prinzip ist mir bewusst, was mit den Tieren geschieht, auch wenn ich oft nicht konkret über sie nachdenke, mir die Versuche nie bildlich vorstelle.

Lesen Sie auch:

Diesmal war es anders. Ich dachte über den Versuchsaufbau nach, die Mäuse. Ich las die Pressemitteilung, die Studie, Hintergründe. Mit jeder Antwort, die ich auf eine Frage fand, kam mir eine neue Frage – und so wurde die Nachricht zu einer Recherche, die immer grundsätzlicher wurde.

Selbst Forscher wissen nicht, wozu das gut sein soll

In ihrem in Nature veröffentlichten Paper schreiben die Autoren der Mensch-Maus-Hirn-Studie, sie hätten eine vielversprechende Methode für »die Erforschung der menschlichen Nervenfunktion und die Entwicklung von Therapeutika« geschaffen. Das klang ziemlich allgemein. Also schrieb ich Sergiu Pasca, dem Leiter der Forschungsgruppe, eine E-Mail. In seiner Antwort erklärte er mir, dass man menschliche Nervenzellen zwar auch in Petrischalen züchten und untersuchen oder ihr Verhalten in Computermodellen simulieren könne. Das aber in einer Maus zu tun, habe Vorteile. Man könne der Frage nachgehen, »wie sich menschliches Nervengewebe innerhalb eines intakten, durchbluteten Nervensystems entwickelt, integriert und auf Verletzungen reagiert«. Besonders wichtig sei das für die Erforschung neuropsychiatrischer Erkrankungen. »Es werden bessere Modelle benötigt, wenn wir Fortschritte erzielen wollen«, schreibt Pasca.

Das leuchtete mir erst mal ein. Doch ob es wirklich so kommen wird, dass in eine Maus transplantierte menschliche Hirnzellen einmal einen psychiatrischen Durchbruch bringen werden wie ein Medikament gegen Autismus? Davon war ich nicht überzeugt. Vor allem, weil selbst viele Neurowissenschaftler Sinn und Zweck des Experiments nicht zu erkennen schienen.

Der ein oder andere war zwar fasziniert, aber wofür oder wogegen das mal helfen soll, da schienen selbst die vielen Fachleute überfragt, die das deutsche Science Media Center (SMC) dazu befragte, eine gemeinnützige Einrichtung, die zu neu erscheinenden Studien stets führende unabhängige Experten um deren Einschätzung bittet. Und auch jene Fachleute, die das britische SMC gefragt hatte. Ebenso die anderen Fachleute, die das australische SMC um Einschätzung bat. Der Molekularbiologe Jürgen Knoblich bringt es auf den Punkt: »Die Relevanz der neuen Arbeiten muss sich erst zeigen.« Und der Neurowissenschaftler Moritz Helmstaedt sagt, die Bedeutung für die Grundlagenforschung sei »als moderat einzuschätzen«.

Kann es da gerechtfertigt sein, fünf bis 17 Tage alten Babymäusen den Schädel aufzuschneiden und ihnen Menschenhirn einzupflanzen, weil wir Menschen daraus, möglicherweise, vielleicht, eines Tages eine Erkenntnis gewinnen könnten?

Die Antwort scheint davon abzuhängen, wo man wohnt. In den USA schien dieses Unterfangen offenbar gerechtfertigt. Zumindest haben Pasca und seine Kollegen das Experiment von der Stammzellforschungs- und Tierschutzkommission der Stanford-Uni genehmigt bekommen. Noch dazu haben sie ihr Vorgehen im Laufe der Studie mit nicht beteiligten Forschern besprochen.

In Deutschland hingegen wäre der Versuch vermutlich nicht genehmigt worden. Das sagte mir ein deutscher Forscher, der sich gut mit den hiesigen Tierversuchsanträgen auskennt. Die Auflagen hier sind deutlich höher – wie überall in der EU, denn die Vorgaben kommen aus Brüssel. Man sieht das etwa, wenn man auf das Ranking der NGO World Animal Protection schaut, das im Jahr 2020 50 Länder hinsichtlich ihrer Tierschutzpolitik verglich. Deutschland schneidet beim »Schutz von Tieren, die in der wissenschaftlichen Forschung verwendet werden« mit der Bestnote A ab, die USA erhalten nur ein C – was gemessen daran, dass die Skala bis G geht, Mittelmaß ist. China (D) und Japan (E), die mit den USA weltweit mit Abstand die meisten Tierversuche machen, schneiden schlechter ab.

Wo ist die Grenze?

Und doch habe ich auch hierzulande Tierversuche gesehen, bei denen ich mich fragte, ob da nicht eine Grenze überschritten wurde. Einmal sah ich bei einer Laborführung eine Handvoll Mäuse rücklings auf Holzbretter gepinnt, ihre Bauchdecken waren geöffnet. Ich vermute und hoffe, dass sie tot waren. Ein anderes Mal sah ich Aufnahmen einer Maus, der Forscher die Schädeldecke abgenommen hatten. Ihr steckten Gerätschaften im Kopf, die vermutlich ihr Gehirn und dessen Aktivität vermaßen, während die Maus auf einem Laufband lief… weiterlesen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.