Rekordbrände in Brasilien

Rekordbrände in Brasilien
Foto: Operação Verde Brasil, Amazonas / wikimedia (CC BY-SA 2.0)

Rekordbrände in Brasilien

Höchster Waldverlust seit Beginn der Satellitenüberwachung. 

Während das Coronavirus immer mehr Opfer in Brasilien fordert und sich trotz Quarantänemaßnahmen über das ganze Land ausbreitet, setzt sich seit Wochen eine weitere Tragödie fort. In Süd- und Westbrasilien brennen die Wälder seit Anfang des Jahres wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Vom 1. Januar bis 25. Mai diesen Jahres zählte das in Brasilien für die Umweltüberwachung per Satellit zuständige Weltraumforschungsinstitut INPE 2646 Wald- und Flächenbrände in den südlichen Bundesstaaten Rio Grande do Sul, Paraná und Santa Catarina, 338 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. So viele Brände hat INPE in dieser Region während der ersten fünf Monate eines Jahres seit Beginn der Satellitenüberwachung im Jahr 1999 noch nie registriert. Es brennt vor allem in Gebieten des Atlantischen Regenwaldes. Bereits 3859 Quadratkilometer dieses an Arten extrem reichen Waldökosystems wurden in diesem Jahr ein Raub der Flammen. Spitzenreiter in der Waldvernichtung durch mutmaßlich von Menschenhand gelegte Brände ist Santa Catarina, wo INPE in diesem Jahr 711 Prozent mehr Feuersbrünste registrierte als 2019.

Rekordbrände wie noch nie verzeichnen ebenso Brasiliens südliche Nachbarstaaten. 14 078 Brandherde, 314 Prozent mehr als im Vorjahr, registrierten die Satelliten seit Anfang des Jahres in Argentinien. In Paraguay wiederum wüten in diesem Jahr mehr als dreimal so viele Wald- und Flächenbrände wie 2019 und in Uruguay fast viermal so viele.

Im brasilianischen Westen wiederum brennt das für seine reichhaltige Tierwelt bekannte Pantanal seit Jahresanfang wie noch nie. Bis Ende Mai zählte INPE 2040 Brände in diesem größten Feuchtgebiet der Welt, 185 Prozent mehr Feuer als im Vorjahreszeitraum. Bis Ende April diesen Jahres verschlangen die Flammen dabei eine Fläche von 3686 Quadratkilometern im 138 183 Quadratkilometer großen brasilianischen Teil dieses grenzüberschreitenden Feuchtgebiets. Dabei steht die eigentliche Trockenzeit und Waldbrandsaison in der Region, von Juli bis Oktober, noch bevor.

Eine der Ursachen dieser zahlreichen Flächen- und Waldbrände in diesem von Sojaplantagen und Rinderfarmen dominierten Vierländereck Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay ist eine für diese Jahreszeit ungewöhnliche Trockenheit, was die Arbeit der menschlichen Brandstifter deutlich erleichtert. Auch im Pantanal wurden nach Expertenmeinung die meisten Brände wie bereits bei den Rekordfeuern in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres von Menschenhand gelegt, um neue Weiden anzulegen. Erst vergangenen April erlaubte das Gericht von Mato Grosso do Sul dem Agrobusinessunternehmen »Majora Participações« die Abholzung von insgesamt 42 500 Hektar im südlichen Pantanal.

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Tatsächlich ist diese in der Welt einmalige Überschwemmungslandschaft seit Jahren einem staatlich erwünschten Strukturwandel hin zu einer intensivierten Viehwirtschaft, ohne Rücksicht auf die natürliche Vegetation, ausgesetzt. »Die Änderungen in der Rinderzucht im Pantanal sind die Hauptursache der Entwaldung der Region«, sagte im vergangenen Jahr Elton Antônio Silveira vom Umweltministerium in Mato Grosso. Die einheimischen Weideflächen würden durch exotisches Gras ersetzt, um den Bedürfnissen der Zebu-Rinder der Rasse Nelore gerecht zu werden, die die traditionellen Pantanal-Rinder ersetzt haben.

Seit mehr als 250 Jahren wird im Pantanal nachhaltige, extensive, die natürliche Landschaft nutzende Viehzucht betrieben. Dabei entstand aus der Kreuzung von elf alten Rinderrassen aus Portugal und Spanien das robuste, an die tropische Überschwemmungslandschaft angepasste Pantaneiro-Rind. Doch schon seit einigen Jahren setzen eine neue Generation von Agraringenieuren sowie große Flächen aufkaufende Agrobusinessunternehmen auf eine intensive Fleischproduktion mit optimierten Rinderrassen auf Weiden mit afrikanischen Gräsern. Eine Maßnahme, die das staatliche Agrarforschungsinstitut Embrapa den Rinderzüchtern zur Ertragssteigerung empfiehlt und die seit 2012 auch gesetzlich abgesegnet ist.

Verlierer sind Tier- und Pflanzenarten des Pantanals und das Pantaneiro-Rind, das deshalb inzwischen auf der Roten Liste der aussterbenden Nutztierarten steht. Lediglich rund 500 Tiere dieser alten Rasse, von der einst rund drei Millionen durch das Pantanal streiften, haben die Strukturumwandlung überlebt, so die Zahlen der staatlichen Universität von Mato Grosso do Sul (UEMS).

Eine weitere mögliche Ursache der Feuersbrünste ist das Voranschreiten der Sojafarmen, die inzwischen weite Weideflächen am Rand des Pantanals übernommen haben. Von 2009 bis 2016 verdoppelte sich hier die Sojaanbaufläche von 300 000 auf rund 600 000 Hektar, so die Zahlen des Umweltinstituts SOS Pantanal, das die Soja-Expansion als die heute größte Bedrohung für das Feuchtgebiet ansieht. Der Sojaanbau, egal ob mit oder ohne genetisch veränderte Sorten, dränge nicht nur Rinderfarmer zur Abholzung neuer Flächen, sondern verseuche auch die Gewässer mit Pestiziden und Kunstdünger.

Die Corona-Epidemie und der derzeit hohe Dollarkurs gegenüber den drastisch abgewerteten südamerikanischen Währungen wie Real und Peso sind ein weiterer Brandrodungsanreiz. Die für den Export produzierenden Sojafarmer fahren deshalb so hohe Gewinne wie nie zuvor ein. Hohe Gewinne wiederum führen in der Regel zur Ausweitung der Sojaanbauflächen, in der Regel durch den Aufkauf oder die Verdrängung von Rinderweiden, Nachbarn und Kleinbauern, was wiederum die Brandrodung stimuliert.

Von Norbert Suchanek

Der Originaltext ist am 30.05.2020 auf www.neues-deutschland.de veröffentlicht worden.

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