Schiffe zu schnell: Wale im Mittelmeer in Gefahr

Schiffe zu schnell: Wale im Mittelmeer in Gefahr
Foto: Pixabay CC/PublicDomain

Schiffe zu schnell: Wale im Mittelmeer in Gefahr

OceanCare präsentierte jetzt bei einer Pressekonferenz in Madrid zusammen mit Alnitak, Bluewave Alliance, ClientEarth, Ecologistas en Acción, Greenpeace, GOB Mallorca, Fundación Marilles und WWF, die Ergebnisse einer neuen Analyse, die zeigt, dass freiwillige Massnahmen zur Geschwindigkeitsreduzierung in der Schifffahrt nicht ausreichen, um gefährdete Wale im nordwestlichen Mittelmeer zu schützen.

Schiffskollisionen sind die Hauptursache für vom Menschen verursachten Todesfälle bei Grosswalen im nordwestlichen Mittelmeer, insbesondere beim Finnwal und Pottwal, die beide von der International Union for Conservation of Nature (IUCN) als «gefährdet» eingestuft werden.

Der Walmigrationskorridor im NW-Mittelmeer wurde aufgrund seiner hohen ökologischen Bedeutung 2018 von Spanien zum Meeresschutzgebiet und 2019 von der Barcelona-Konvention der UNO zur Specially Protected Area of Mediterranean Importance (SPAMI) erklärt. Im Jahr 2023 wurde das Gebiet von der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation (IMO) als Particularly Sensitive Sea Area (PSSA) anerkannt. Dies inkludiert eine – allerdings freiwillige – Geschwindigkeitsbegrenzung auf höchstens 10-13 Knoten. Wissenschaftliche Daten zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit einer tödlichen Kollision für Wale sehr gering ist, wenn die Schiffsgeschwindigkeit 10 Knoten nicht übersteigt.

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Redereien ignorieren Geschwindigkeitsreduzierungen

Trotz der IMO-Erklärung zu diesem PSSA zeigt eine vergleichende Analyse der Schifffahrtsdaten für 2023 und 2024, dass Reedereien die Empfehlungen zur Geschwindigkeitsreduzierung in diesem Gebiet nicht umsetzen. Das Risiko für Finn- und Pottwale, von Schiffen gerammt und getötet zu werden, bleibt daher unverändert hoch.

Die von OceanCare beauftragte und von Quiet Oceans durchgeführte vergleichende Analyse der Schifffahrtsdaten zeigt:

  • Die sechs grossen Kategorien von Frachtschiffen fuhren in den Jahren 2023 und 2024 mehr als 80 Prozent ihrer Strecken in dieser Region schneller als 10 Knoten (2023: 84,8 Prozent, 2024: 82,8 Prozent).
  • Bei Fähren – sowohl Passagier- als auch Roll-on/Roll-off (Ro-Ro)-Fähren – lag dieser Anteil in beiden Jahren über 90%. Passagier- und Ro-Ro-Fähren sind die Schiffe, die in dieser Region die längsten Strecken mit den höchsten Geschwindigkeiten zurücklegen und daher eine bedeutende Quelle für Unterwasserlärm und Kollisionsgefahren darstellen.
  • Zwischen den beiden Jahren zeigte sich kein Unterschied im Geschwindigkeitsverhalten der Schiffe. Die von allen Schiffstypen zusammen zurückgelegten 48 Mio. km in diesem PSSA wurden zu 57% mit mehr als 10 Knoten gefahren (56,9 Prozent im Jahr 2023 und 57,5 Prozent im Jahr 2024).

Carlos Bravo, OceanCare’s Marine Policy Specialist in Spanien, sagte an der Pressekonferenz in Madrid:
„Die Daten sprechen eine eindeutige Sprache: Unverbindliche Empfehlungen zur Temporeduktion sind nicht ausreichend, um die gefährdeten Wale zu schützen. Die logische Konsequenz daraus ist, sie verbindlich zu machen, damit Rechtssicherheit und gleiche Wettbewerbsbedingungen herzustellen, nach denen der Sektor seine Tätigkeit ohne Gefährdung der Grosswale fortführen kann.“

Nicolas Entrup, Leiter Internationale Zusammenarbeit bei OceanCare fügt hinzu:
„Das Nordwestliche Mittelmeer könnte zu einem leuchtenden Beispiel für das Management der Schifffahrt zum Schutz der Wale werden. Bisher gab es leider keine Änderungen bei der Schiffsgeschwindigkeit, was aber unabdingbar ist, um das Risiko von Unfällen mit Walen zu verringern. Es liegt auf der Hand, dass wir die Temporeduktion mit mehr Druck angehen müssen, wenn wir Finnwale und Pottwale in dieser Region auch zukünftig schützen wollen.“

Grafik: OceanCare
Geringere Geschwindigkeit hat viele positive Auswirkungen

Die Senkung der Fahrtgeschwindigkeit hat mehrfache positive Auswirkungen auf die Umwelt: Neben dem Schutz der Wale und der Verringerung von Unterwasserlärm sorgt sie auch für deutliche geringere Emissionen von CO2, Schwefeloxiden, Stickoxiden, Feinstaub und Russ, und das alles zu minimalen Kosten und mit unmittelbarer Wirksamkeit.

Gemeinsam betonten die Organisationen: «Die spanische Regierung muss einen Managementplan verabschieden, der menschliche Aktivitäten, die den Walmigrationskorridor im Mittelmeer gefährden, wirksam reguliert. Dieses Meeresschutzgebiet dient dem Schutz kritischer Lebensräume für gefährdete Arten wie Finnwal und Pottwal.» Obwohl der Prozess bereits läuft und die Veröffentlichung des Plans für Juni 2026 geplant ist, liegt er mehrere Jahre hinter dem Zeitplan zurück.

Die spanische Regierung erarbeitet derzeit in einem partizipativen Prozess mit der Zivilgesellschaft einen Managementplan für das Meeresschutzgebiet Walmigrationskorridor. Umweltorganisationen – darunter Alnitak, Bluewave Alliance, ClientEarth, Ecologistas en Acción, Greenpeace, GOB Mallorca, Fundación Marilles, Mission Blue, Oceana, OceanCare, Save The Med und WWF – fordern, dass dieser als vordringliche Massnahme eine verbindliche Geschwindigkeitsbegrenzung von 10 Knoten für alle Schiffe, einschliesslich Freizeitboote, im Walmigrationskorridor enthalten muss.

Ausnahmen von dieser 10-Knoten-Geschwindigkeitsbegrenzung wären:

a. Die Entwicklung eines Verkehrstrennungsgebiets (TSS) auf der Grundlage relevanter wissenschaftlicher Forschung. Handelsschiffe werden verpflichtet, innerhalb des TSS mit reduzierter Geschwindigkeit im Vergleich zu ihrer üblichen Betriebsgeschwindigkeit zu navigieren. Die spezifische prozentuale Reduzierung für jede Schiffskategorie wird auf der Grundlage relevanter wissenschaftlicher und technischer Studien festgelegt.

b. Die Einführung einer verbindlichen Geschwindigkeitsreduzierung für Fähren im öffentlichen Dienst, die bereits vorgegebene Routen befahren. Diese Reduzierung sollte durch gründliche wissenschaftliche Studien bestimmt werden, mit dem Ziel, das Kollisionsrisiko so weit wie möglich zu minimieren und gleichzeitig sicherzustellen, dass die Qualität ihres Dienstes nicht beeinträchtigt wird.

Die spanische Umweltministerin Sara Aagesen bekräftigte bei der UN Ocean Conference (UNOC3) im Juni 2025, Massnahmen zur Geschwindigkeitsreduktion in diesem Schutzgebiet umsetzen zu wollen. Eine Arbeitsgruppe aus Ministerien, Wirtschaft und NGOs wurde etabliert, um die Massnahmen auszuarbeiten. Die Organisationen sind zuversichtlich, dass dieser Mechanismus zu einem sowohl für den Umweltschutz als auch für die Schifffahrtsbranche positiven Ergebnis führen kann. Das bisher einzige Treffen fand aber am 26. Mai in Madrid statt. Die genannten NGOs fordern die dringende Reaktivierung dieser Arbeitsgruppe.

Nicolas Entrup

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