Sonne spart Milliarden – Strompreis trotzdem hoch

Sonne spart Milliarden – Strompreis trotzdem hoch
Foto: Pixabay CC/PublicDomain

Sonne spart Milliarden – Strompreis trotzdem hoch

telepolis.de: Europas Solarflotte spart täglich über 100 Millionen Euro an teurem Gas. Warum der Boom die Stromrechnung der Verbraucher trotzdem nicht senkt.

Die Straße von Hormus ist faktisch gesperrt, Brent-Öl notiert bei 91 Dollar (Stand: 10. Juni 2026), und europäische Gas-Futures haben sich seit Kriegsbeginn zeitweise verdoppelt. Die IEA sprach zuletzt sogar von der schlimmsten Energiekrise der Geschichte.

Eigentlich müssten Europas Strompreise durch die Decke gehen. Doch genau das passiert nur teilweise: Der Grund: Auf den Dächern und Freiflächen des Kontinents sind inzwischen so viele Photovoltaik-Anlagen installiert, dass sie den Preisschock spürbar abfedern.

Die Solarenergie verdrängt in Sonnenstunden teures Gas aus der Stromerzeugung und spart der EU damit laut einer Modellrechnung des Branchenverbands SolarPower Europe seit März rund 136 Millionen Euro pro Tag.

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Kumuliert ergibt das bis Anfang Juni etwa 12,8 Milliarden Euro an vermiedenen Gasimporten. Die Summe entspricht in etwa dem jährlichen Verteidigungshaushalt Belgiens.

Allerdings ist dieser Wert keine Kontostandsmeldung, sondern Ergebnis einer Modellrechnung: SolarPower Europe vergleicht die tatsächliche Solareinspeisung mit einem hypothetischen Szenario ohne PV-Leistung und setzt dabei Terminmarktpreise für Gas an.

Die Größenordnung wird von unabhängigen Quellen gestützt – der Thinktank Ember, die IEA und Medien wie EuroNews kommen bei eigenen Plausibilitätschecks zu ähnlichen Tagesbeträgen von etwas über 100 Millionen Euro.

Merit-Order: Wie Solarenergie den Gaspreis aushebelt

Der Mechanismus dahinter ist das sogenannte Merit-Order-Prinzip. Auf dem europäischen Spotmarkt werden Kraftwerke nach ihren Grenzkosten sortiert: Zuerst laufen die günstigsten Einspeiser – Wind, Solar, Laufwasser –, zuletzt die teuersten, typischerweise Gaskraftwerke.

Der Großhandelspreis richtet sich nach dem letzten Kraftwerk, das zur Deckung der Nachfrage noch benötigt wird. Je mehr Solarenergie einspeist, desto seltener muss Gas diesen Preis setzen.

In Spanien, wo sich die Wind- und Solarkapazität seit 2019 um über 40 GW ausgebaut und damit ungefähr verdoppelt hat, sank der Gaseinfluss auf den Strompreis laut Ember um 75 Prozent. Ende Mai stellten Deutschland (28. Mai, 503 GWh), Frankreich (28. Mai, 179 GWh) und Spanien (29. Mai, 265 GWh) neue Tagesrekorde bei der Solarproduktion auf.

Das deutsche Paradox

Doch der Effekt hat Schattenseiten. Deutschland betreibt mit rund 120 GW die größte PV-Flotte Europas und dürfte grob ein Viertel der EU-weiten Solareinsparungen verantworten.

Trotzdem gehört das Land zu den teuersten Strommärkten des Kontinents: Steuern, Netzentgelte und historische Förderkosten fressen den Großhandelsvorteil auf, bevor er beim Verbraucher ankommt.

Hinzu kommt ein wachsendes Speicherproblem: 2025 gab es in Deutschland rund 573 Stunden mit negativen Strompreisen, fast immer in Phasen hoher Solareinspeisung bei niedriger Nachfrage. Strom, den Erzeuger nur dank Förderregeln noch wirtschaftlich absetzen können.

Das zeigt: Ohne massiven Ausbau von Batteriespeichern und Flexibilität verpufft ein Teil des Solarpuffers. SolarPower Europe modelliert in seinem „Solar+“-Szenario, dass 171 GW Batteriespeicher bis 2030 die jährlichen Betriebskosten des EU-Stromsystems um 55 Milliarden Euro um fast die Hälfte senken könnten (−49 %) – räumt aber ein, dass selbst das unter dem liegt, was Europa langfristig braucht.

Strommarkt ist nicht Tankstelle

Entscheidend bleibt die Einordnung: Die Milliardeneinsparungen durch Solarenergie betreffen den Stromsektor, nicht die Zapfsäule. Wer tankt, zahlt Weltmarktpreise für Öl – und die könnten auf 2,50 Euro pro Liter steigen, warnte etwa der Tankstellen-Interessenverband… weiterlesen

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