Wo bleibt die Müllabfuhr für Treibhausgase?

Wo bleibt die Müllabfuhr für Treibhausgase?
sueddeutsche.de: Moore vernässen, Wälder pflanzen, künstliche Photosynthese: Deutschland muss dringend CO₂ aus der Luft zurückholen, mahnen Forscher. Doch die Politik setzt gerade andere Akzente.
Um zu zeigen, wo Deutschland gerade steht in der natürlichen CO₂-Speicherung, zeigt Julia Pongratz das Bild eines kaputten Walds: umgeknickte Stämme, kahle Äste, Dürre und Schädlingsbefall. Seit 2018 gelten Wälder in Deutschland nicht mehr als Senke für Treibhausgase, sondern als Quelle. Unter dem Strich setzt der Wald CO₂ frei, etwa weil Trockenheit und Borkenkäfer immer mehr Bäume absterben und vermodern lassen.
Dabei will die Geografin von der Universität München in ihrer Präsentation eigentlich erklären, wie der Wald mithelfen kann, die Klimaziele zu erreichen, indem die Bäume per Photosynthese Kohlendioxid aus der Luft entnehmen. Denn Wälder sind zentral, um das Ziel Deutschlands zu erreichen, bis 2045 klimaneutral zu sein, so wie es das Klimaschutzgesetz vorsieht. So lautet ein Ergebnis des Forschungsverbunds CDRTerra.
Seit vier Jahren untersuchen darin mehr als 100 Forschende von 37 deutschen Instituten, wie man CO₂ aus der Atmosphäre entfernen kann, was „Carbon Dioxide Removal“ oder kurz CDR genannt wird. Jetzt haben die Forscher erste Ergebnisse vorgestellt.
Lesen Sie auch:
Dass Deutschland eine Müllabfuhr für Treibhausgase benötigt, ist längst klar: Selbst wenn Strom und Wärme in einigen Jahrzehnten ausschließlich aus erneuerbaren Quellen stammen und nur noch E-Autos herumfahren sollten, fallen schwer vermeidbare Restemissionen an, etwa aus der Zementproduktion, der Tierhaltung oder der Luftfahrt. Auf 60 bis 130 Millionen Tonnen CO₂ wird diese Lücke geschätzt. Um dennoch Klimaneutralität zu erreichen, müsste diese Menge wieder aus der Atmosphäre geholt werden.
Bäume auf Wiesen zu pflanzen, ist rechtlich nicht so einfach möglich
Nur wie? Die Forscherinnen und Forscher von CDRTerra haben elf verschiedene Methoden untersucht. „Wir müssen einerseits die Waldsenke wiederherstellen“, sagt Julia Pongratz, Leiterin von CDRTerra und Mitglied im unabhängigen Expertenrat für Klimafragen. „Wir müssen aber auch das Portfolio erweitern und alles hochskalieren.“
Die Waldsenke wiederherstellen: Noch bis 2017 speicherten die deutschen Wälder jährlich rund 54 Millionen Tonnen Kohlendioxid, gar nicht so weit entfernt von der benötigten Größenordnung. Nur glauben die Forscher nicht, dass man dieses Level wieder erreicht, da der Wald „uns ja jetzt zunehmend stirbt und abbrennt“, wie Pongratz sagt. Der Klimaretter Wald leidet selbst zunehmend unter den Folgen der Erderwärmung.
Auch neue, klimaangepasste Wälder zu pflanzen, stößt im dicht besiedelten Deutschland schnell an Grenzen. Dafür kämen in erster Linie Äcker und Wiesen infrage. Aber: „Grünland darf in Deutschland nicht ohne Weiteres in Wald umgewandelt werden“, heißt es im Synthesebericht von CDRTerra. Zudem wüssten viele Landwirte nicht, welche Bäume sich eignen und mit welchen Erträgen sie etwa in „Agroforsten“ rechnen können, wo Bäume zusammen mit Feldfrüchten gedeihen.
Das Interesse von Bauern, ehemalige Moorflächen wieder zu vernässen und auf diese Weise CO₂ einzulagern, ist ebenfalls arg begrenzt. Dabei sehen die Forscher in diesem „Carbon Farming“ großes Potenzial. „Hochwasserregulierung ist ein Synergieeffekt der Wiedervernässung, oder auch die Verbesserung des Lokalklimas“, sagt Pongratz. Nasse Landwirtschaft könnte aber auch Schilf und andere Biomasse für eine weitere Methode der CO₂-Entnahme liefern, genannt BECCS („Bioenergy with Carbon Capture and Storage“). Dabei werden Rohrkolben und andere schnell wachsende Pflanzen in Kraftwerken verheizt oder in Biogasanlagen vergoren, das entstehende CO₂ wird im Anschluss in geologische Speicher verpresst.
Rund 35 Millionen Tonnen Kohlendioxid ließen sich 2045 mit BECCS jährlich aus der Atmosphäre holen, haben die Forscher errechnet, eine rasche Skalierung vorausgesetzt. Den beteiligten Landwirten böte das eine stabile Einnahmequelle und damit starke Anreize, mitzumachen. Allerdings steht die Bevölkerung „großflächigen Landschaftsveränderungen eher skeptisch gegenüber“, heißt es vom CDRTerra-Verbund. Hinzu kommen verbreitete Vorbehalte gegen die unterirdische CO₂-Speicherung, keine einfache Ausgangslage.
Die Emissionen von Gaskraftwerken in den Untergrund pressen? „Das ist kein Klimaschutz.“
Immerhin eröffnet die Novelle des Kohlendioxid-Speicherungsgesetzes nun die Möglichkeit für CO₂-Speicher unter der Nordsee sowie an Land – eine wichtige Voraussetzung für viele CDR-Methoden. Die Lagermöglichkeiten auf Bundesgebiet seien jedoch begrenzt, mahnt der Klimaethiker Christian Baatz von der Uni Kiel. „Auf keinen Fall“ dürften diese Speicherkapazitäten daher für die Energieerzeugung mit Gaskraftwerken genutzt werden, so Baatz. „Das ist kein Klimaschutz.“ Das neue Gesetz sieht jedoch vor, dass auch Gaskraftwerke ihre CO₂-Emissionen im Untergrund speichern und so länger betrieben werden können… weiterlesen


