Amazonien heizt das Klima an

Amazonien heizt das Klima an
Foto: Flickr-Neil-Palmer-(CIAT)CC-BY-NC-SA 2.0

Amazonien heizt das Klima an

Neue Forschung belegt: Regenwaldregion bindet kein CO2 mehr, sondern ist Nettoemittent

Von Norbert Suchanek, Rio de Janeiro

Jahrzehntelang galt die Amazonasregion als Kohlenstoffsenke, die der Atmosphäre jährlich Millionen von Tonnen Kohlendioxid entzieht und so der globalen Erwärmung entgegenwirkt. Doch seit wenigstens zehn Jahren ist dies nicht mehr der Fall. Im Gegenteil: Nicht endende Brandrodungen und Kahlschläge seit den 1970er Jahren vor allem im Süden und Südosten Amazoniens haben das Blätterdach des größten Regenwalds der Erde durchlöchert und es zu einem globalen CO2-Produzenten degradiert. Dies zeigt nun erstmals eine im Fachblatt Nature veröffentlichte Studie eines internationalen Wissenschaftlerteams unter der Leitung von Brasiliens renommiertem Institut für Weltraumforschung (INPE).

Von 2010 bis 2018 haben die Forscher per Flugzeug die Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre über Amazonien gemessen. Ergebnis: Die bisherige Abholzung hat die Fähigkeit der Kohlenstoffspeicherung des Amazonasregenwaldes nicht nur verringert. Der Amazonas sei schon heute zweifellos ein Nettoemittent von Kohlenstoff, so Luciana Gatti, INPE-Forscherin und Hauptautorin der Studie. Jährlich habe die Region im Untersuchungszeitraum im Schnitt rund 300 Millionen Tonnen Kohlenstoff in Form von CO2 in die Atmosphäre abgegeben. Gatti: »Dies ist eine schreckliche Nachricht.« 300 Millionen Tonnen Kohlenstoff entsprechen 1,1 Milliarden Tonnen CO2, was weit mehr als die 644 Millionen Tonnen ist, die in Deutschland im letzten Jahr laut Umweltbundesamt ausgestoßen wurden.

Etwa drei Viertel dieser Emissionen gehen auf das Konto der östlichen Amazonasregion, die bereits zu etwa 27 Prozent abgeholzt ist. Verantwortlich dafür sei eine sich aufschaukelnde Kombination aus Abholzung, Waldbränden und lokalem Klimawandel. Die am stärksten entwaldeten Regionen im Osten litten unter niederschlagsärmeren, wärmeren und längeren Trockenperioden. Dieser Stress führe dazu, dass diese Gebiete zehnmal mehr Kohlenstoff abgeben als Gebiete mit weniger als 20 Prozent Entwaldung. Die hohen CO2-Emissionen stammen aus den vermehrten Waldbränden einerseits und aus der verringerten CO2-Aufnahmekapazität des unter der Trockenheit leidenden Waldes andererseits.

Die Abholzungen der vergangenen Jahrzehnte – vornehmlich für Rinderzucht und Sojabohnenanbau für die Massentierhaltung in Europa – haben große Lücken in das einst dichte Regenwalddach Amazoniens gerissen. Dadurch kam es zu einer lokalen Klimaerwärmung, was wiederum die Zersetzung der toten Pflanzenmasse beschleunige und die Feuergefahr erhöhe. Tatsächlich hat sich die Temperatur in den Trockenzeiten in Ostamazonien während der vergangenen 40 Jahre um bis zu 0,6 Grad Celsius pro Jahrzehnt erhöht, was mehr als dem Dreifachen der globalen Erwärmung entspricht. Am besorgniserregendsten ist laut Studie die Situation in der südöstlichen Amazonasregion, sprich der Süden von Pará und der Norden von Mato ­Grosso. Hier sei das Regenwalddach am schlimmsten degradiert, einhergehend mit einer zunehmenden Baumsterblichkeit.

In ihrem Fazit plädieren die Forscher für einen Stopp von Entwaldung und Brandrodung, was nicht nur die CO2-Emissionen reduzieren, sondern auch die Fähigkeit des Amazonas, Kohlenstoff zu binden, wieder erhöhen würde. Amazonien könnte so langfristig wieder zu einem Kohlenstoffspeicher werden und dem Klimawandel entgegenwirken. Doch im Brasilien der Regierung Jair Bolsonaro deuten alle Zeichen auf das Gegenteil. Im Juni wüteten im Land Tausende Waldbrände. Das Weltraumforschungsinstitut INPE registrierte 2.308 Brandherde im Amazonas sowie 4.181 im Savannengebiet Cerrados. Allein im »Sojastaat« Mato Grosso zählten die INPE-Forscher 2.185 Feuer. Diese Rekordzahlen für einen Juni sprechen nicht für eine Wende, sondern für ein kontinuierliches Voranschreiten der Abholzung.

Die Studie der IMPE in Nature: https://www.nature.com/articles/s41586-021-03629-6%3C

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Die Erstveröffentlichung erfolgte in „junge Welt“ vom 21.07.21

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