Billionenschwere Klimaschulden beim Rest der Welt

Billionenschwere Klimaschulden beim Rest der Welt
Foto: stevepb/Pixabay CC/PublicDomain

Billionenschwere Klimaschulden beim Rest der Welt

tagesspiegel.de: Bei COP28 wurde ein Klimafonds verkündet, Deutschland gibt 100 Millionen Dollar. Im Vergleich zu den tatsächlichen Klimaschulden ist das Spielgeld. Wie viel würden wir den armen Staaten wirklich schulden?

Die Klimakonferenz im Ölstaat begann mit einer Anzahlung. Gleich am ersten Tag sagten Deutschland und die Vereinigten Arabischen Emirate 200 Millionen Euro für einen internationalen Klimafonds zu. Aus dem Fonds sollen klimabedingte Schäden und Verluste (loss and damage) ausgeglichen werden.

Ein Mindestanteil der Zahlungen soll an Inselstaaten und besonders arme Länder gehen, die von Klimafolgen am härtesten getroffen werden. Neben den jeweils 100 Millionen Euro aus den Emiraten und Deutschland kamen weitere Zusagen von Großbritannien (75 Millionen Dollar), den USA (17,5 Millionen) und Japan (10 Millionen). Wie viel künftig pro Jahr in den Fonds fließen soll und von wem, blieb bei COP28 bislang offen.

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Doch wenngleich die Verkündigung des Fonds gleich zu Beginn der Weltklimakonferenz auf positives Echo stieß, ist überdeutlich, welche Zusagen und Zugeständnisse der Fonds eben NICHT enthält.

Keine Verantwortung, keine Entschädigung

In den wichtigsten Formulierungen für den Fonds setzten sich die Industrieländer durch, also diejenigen Staaten, die historisch die meisten Emissionen verursacht haben. Die Einzahlung in den Fonds ist freiwillig. Es gibt also keine gezielte Entschädigung nach dem Verursacherprinzip und somit auch kein einklagbares Recht auf Entschädigungsansprüche. Das Wort „Entschädigung” fällt nirgendwo im Text.

Die Verkündigung des Fonds und ihre Art und Weise zeigen den finalen Eintritt in das Zeitalter der Klimadiplomatie. Es ist eine der schwierigsten ethischen Debatten der Menschheit. Weil alle Menschen beteiligt, alle betroffen sind – aber radikal unterschiedlich.

Will man die Reichweite dieser Debatte ansatzweise verstehen, muss man sich die Größenordnungen bewusst machen – und die industrielle Geschichte. Im Sommer 2023 veröffentlichten die englischen Forscher Andrew Fanning und Jason Hickel dazu eine eindrückliche Beispielrechnung. Fanning, tätig für die Universitäten Oxford und Leeds, und Hickel, assoziiert mit der London School of Economics und der Universität Barcelona, berechneten, was die Industrieländer an Staaten mit geringeren Emissionen zahlen müssten.

Wer schuldet wem wie viel

Sie gehen von einer einfachen Annahme aus: Alle Menschen haben grundsätzlich das gleiche Recht, Treibhausgase ausstoßen – bis zu einer Erderwärmung von maximal 1,5 Grad. Sie machen eine Einschränkung: Man kann nicht für etwas verantwortlich sein, das man nicht weiß. Also berechnen sie nur das CO₂-Budget seit 1960 – als eindeutig bewiesen war, dass es den Treibhauseffekt gibt.

Jeder Staat bekommt in der Rechnung der Forscher einen „fairen Anteil” zugewiesen, der sich aus seinem Anteil an der Weltbevölkerung ergibt, gemittelt über den betrachteten Zeitraum.

Nach Großbritannien war Deutschland eines der Länder, in denen die industrielle Revolution früh begann. Im Ersten und Zweiten Weltkrieg legte Deutschland ebenfalls einen Schwerpunkt auf ressourcenintensive Produktion von Waffen. Und auch nach Kriegsende änderte sich das nicht: Automobilindustrie, industrielle Landwirtschaft, chemische Industrie.

Deutschland hat seinen fairen Anteil bereits seit den 80ern überschritten. Sollten die Emissionen nicht deutlich sinken, wird der Staat bis 2050 knapp das Vierfache seines Budgets emittiert haben. Selbst wenn, wie versprochen, 2050 Klimaneutralität erreicht würde, bliebe der deutsche Staat noch für einen überproportional hohen Anteil aller historischen Emissionen verantwortlich.

Damit gehört Deutschland weltweit zu den Ländern, die am meisten CO₂ ausgestoßen haben – ergo, die am meisten zur Klimakrise beigetragen haben. Mit einer Überschreitung von 250 Prozent liegt Deutschland weit über dem europäischen Durchschnitt.

Die höchsten Werte weltweit erreichen die USA – wenn man von Kleinststaaten wie Katar, Luxemburg und Kuwait absieht. Am niedrigsten sind die Werte für Staaten in Subsahara-Afrika: Burundi, Chad und Somalia haben jeweils circa ein Prozent der Emissionen ausgeschöpft, die ihnen zustehen würden – wenn der CO₂-Verbrauch gerecht verteilt wäre.

China hatte Stand 2019 etwas mehr als die Hälfte seines Budgets ausgeschöpft. Je nachdem, ob ihre Emissionen sinken oder nicht, würde die Volksrepublik 2050 ihren Anteil leicht überschreiten oder leicht darunter bleiben.

Das erklärt auch die umstrittene Position von China in internationalen Klimakonferenzen. „Nur weil ihr anderen schon so viel verbraucht habt, sollen wir arm bleiben und unsere Industrie nicht entwickeln?”, so ungefähr geht das vereinfachte Argument von Staaten wie China oder Brasilien… weiterlesen

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