Das Klima liegt auf der Intensivstation

Das Klima liegt auf der Intensivstation
Foto: PinkistCC

Das Klima liegt auf der Intensivstation

Die Cafés waren voll, man sah Spaziergänger in T-Shirts und RadfahrerInnen in kurzen Hosen – im Oktober und Anfang November 2022. Wir erlebten global den wärmsten Oktober seit 1880.

In Deutschland war es in diesem Jahr sogar um 3.3 Grad wärmer als in einem Durchschnitts-Oktober der letzten 120 Jahre. „Frühsommer im Herbst“ titelte die Süddeutsche Zeitung. In ganz Europa stiegen die Temperaturen im weltweiten Vergleich besonders stark an. Das Klima liegt auf der Intensivstation.

Hilft diese Mammut-Veranstaltung, die Cop27, dem Klima?

Und in dieser Situation wird die 27. Weltklimakonferenz, die COP27 (Conference of the parties), im ägyptischen Scharm El-Scheich mit 30.000 Gästen eröffnet.

Nach der 26. Weltklimakonferenz in Glasgow 2021 gab es etwas Hoffnung, weil sich fast alle Staaten auf das Ende der Kohleverbrennung verpflichtet hatten. Doch inzwischen werden auch hierzulande stillgelegte Kohlekraftwerke wieder angefahren. 2022 gehen noch weniger Windräder in Betrieb als 2021 nachdem uns Putin den Gashahn zugedreht hat. Deutschland verfehlt seine Klimaschutzziele wie auch die meisten anderen Länder. Daran wird auch die Cop27 nichts ändern.

Lesen Sie auch:

Bei der ersten Weltklimakonferenz 1995 in Berlin hat die Welt täglich um die 100 Millionen Tonnen Treibhausgase CO2 emittiert, heute sind es täglich 180 Millionen Tonnen – nach 25 weiteren Weltklimakonferenzen. Hinzu kommt, dass die noch weit klimaschädlicheren Methan-Emissionen immer dramatischer ansteigen. Das einzige Ergebnis aller bisherigen Klimakonferenzen: Dem Klima geht es immer schlechter.

Wer Politikern zuhört, vernimmt immer wieder das Argument, dass sich die Welt jetzt mit anderen Krisen beschäftigen muss: Dem Krieg in der Ukraine, der Ernährungskrise, der Schuldenkrise, der Corona-Krise. Da müsse die Klimakrise einfach warten. Doch das Klima macht keine Ukraine-Pause. Die Warnungen der Klimawissenschaftler hören sich immer dramatischer an. Auf einen kurzen Nenner gebracht, sagen sie: Es geschieht zu wenig und es geht alles viel zu langsam.

Die Reichen müssen die Rechnung zahlen

Die armen Länder haben zu wenig Geld für Maßnahmen gegen die rasch wachsenden Klimaschäden. Die globalen Bemühungen halten nicht Schritt mit den wachsenden Risiken. Ursprünglich wollten die reichen Industriestaaten, die den Klimawandel verursachen, den armen Ländern im globalen Süden jedes Jahr 100 Milliarden Dollar zum Anpassen an die Klimakatastrophe zahlen. Doch nicht einmal die Hälfte wurde überwiesen. Und jetzt hat UNO-Generalsekretär Guterres ausrechnen lassen, dass der globale Süden ab 2030 jedes Jahr mindestens 340 Milliarden Dollar gegen die Klimaerhitzung aufwenden muss, um vielleicht noch den Klimakollaps verhindern zu können.

Die nächste Horror-Meldung für Scharm El-Scheich: 2015 wurde in Paris beschlossen, dass das globale Klima bis zum Ende des Jahrhunderts nicht mehr als 1.5 bis zwei Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit ansteigen darf. Inzwischen aber geht die Wissenschaft davon aus, dass diese Temperatur bereits im Jahr 2026 erreicht sein wird, wenn wir so weiter machen wie bisher.

Das Tempo des Umstiegs auf erneuerbare Energie sagt zum Beispiel das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung oder auch Mojib Latif in seinem neuen Buch „Countdown: Unsere Zeit läuft ab“ muss verfünffacht werden, wenn das Paris-Ziel noch erreicht werden soll. Sollte die Cop27 keinen Durchbruch bringen, dann steuern wir bis zum Ende des 21. Jahrhunderts auf drei Grad globale Erwärmung zu.

Klimaziele bis 2030 kaum erreichbar?

Um das Paris-Ziel noch zu erreichen, müssen die Treibhausgase bis 2030 halbiert werden, doch im letzten Jahr sind sie gegenüber 2020 um sechs Prozent auf rund 38 Milliarden Tonnen gestiegen.

Doch manchmal geschehen auch Wunder in der Klimapolitik. In den USA hat die Regierung Biden kürzlich beschlossen, 380 Milliarden Dollar in erneuerbare Energien zu investieren, damit im Jahr 2025 eine Kilowattstunde Solarstrom für einen Dollar-Cent produziert werden kann. Dieser ökonomische Anreiz fördert die Energiewende und den Egoismus der Amis wie nichts sonst.

In Afrika kann schon heute Solarstrom so günstig produziert werden. Das wird auch in Europa bald der Fall sein. Jetzt wird auch den letzten Skeptikern klar, dass die Zukunft allein den grünen Energien gehören wird. Oder: Wer hätte hierzulande gedacht, dass ein FDP-Vorsitzender wie Christian Lindner die erneuerbaren Energien im Deutschen Bundestag als „Freiheits-Energien“ hochloben wird oder unter der Verantwortung eines FDP-Verkehrsministers das Neun-Euro-Ticket und für 2023 das 49-Euro-Ticket im Öffentlichen Nahverkehr eingeführt wird.

Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.

Franz Alt

Franz Alt Foto: Transparenz TV

Unser Gast-Autor war TV-Journalist (Report)
und ist Umwelt- sowie Klimaschutzexperte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.