Energiepolitik: Du bist, was Du verbrauchst

Energiepolitik: Du bist, was Du verbrauchst
Autofreier Sonntag 1973 Foto: PinterestCC

Energiepolitik: Du bist, was Du verbrauchst

zeit.de: Öl, Gas, Atom, Wind, Sonne: Die Energiegewinnung ist immer auch eine ideologische Frage. Was lässt sich aus der Vergangenheit für die gegenwärtige Energiekrise lernen?

Der Schlagersänger Roberto Blanco ist gemeinhin nicht als Chronist geopolitischer Großkonflikte bekannt. Dennoch lieferte er mit seinem 1979 veröffentlichten Song Am Tag, als es kein Benzin mehr gab eine bemerkenswerte Rückschau auf die sechs Jahre zuvor ausgebrochene Ölkrise. Zur Erinnerung: Nach Beginn des Jom-Kippur-Kriegs zwischen Israel und mehreren arabischen Staaten drosselte die Organisation erdölexportierender Länder (Opec) im Oktober 1973 die Menge der Erdöllieferungen an viele westliche Industriestaaten. Die Bundesregierung Willy Brandts reagierte darauf unter anderem mit einem „Energiesicherungsgesetz“, auf dessen Grundlage am 25. November 1973 der erste von insgesamt vier autofreien Sonntagen verordnet wurde.     

Gemessen an der aktuellen Diskurslage fast fünf Jahrzehnte später, in der Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki seine Freiheit auch unter der Dusche verteidigt, böte der Antitankrabatt aus dem Jahr 1973 heute vermutlich einen Anlass zum Aufruhr in Auto-Deutschland. Roberto Blancos Song beschreibt jedoch genau den gegenteiligen Effekt. Heißt es im Refrain doch etwa: „Am Tag, als es kein Benzin mehr gab / sagte jeder, wenn ich muss / dann geh ich halt zu Fuß / (…) Am Tag, als es kein Benzin mehr gab / hat jeder erst gestöhnt / und dann fand er’s plötzlich schön“.

Schon klar, dass sich in dem Gute-Laune-Schlager auch eine genretypische Verklärung zeigt. Betrachtet man allerdings die Medienberichte der damaligen Zeit, offenbart sich ein ähnliches Bild. Reporter staunten über die sonntägliche „Idylle“ auf deutschen Autobahnen, die viele Menschen nutzten, um auf den plötzlich leeren Schnellstraßen spazieren zu gehen oder gar Rollhockey zu spielen. Und auch der damalige Bundeskanzler Brandt appellierte an die „Solidarität“ und den „Erfindergeist“ in der Bevölkerung und schwor diese aufs Energiesparen ein: „Man kann uns dann nicht erpressen, wenn wir der Not begegnen, ehe sie uns wirklich auf den Nägeln brennt.“

Doch schwand die Zustimmung zum petrochemischen Pausieren alsbald auch wieder. Und zwar nicht nur, weil die Fahrverbote vergleichsweise wenig Energie einsparten. Sondern vor allem auch deshalb, weil die politische Debatte über alternative Versorgungswege entbrannte. Obwohl damals schon erneuerbare Energien in unmittelbarer Folge auf die Ölkrise ein kurzes Hoch erlebten, setzte man vor allem auf Nordsee-Öl, russisches Gas oder heimische Atomkraft, um unabhängiger von der Opec zu werden.

Eine andere Art von Strahlkraft

Bei allen Unterschieden zwischen 1973 und 2022 zeigt sich deshalb eine zentrale Parallele: Infolge einer geopolitischen Krise – damals der Jom-Kippur-Krieg, heute Russlands Invasion der Ukraine – müssen viele westliche Staaten gleichermaßen schnell wie grundsätzlich ihre Energieversorgung umstellen. Und ähnlich wie damals bricht auch heute nach einem kurzen Moment des kollektiven Konsenses eine Debatte darüber aus, wie der zukünftige Energiemix aussehen soll.

Hatte Bundesfinanzminister Christian Lindner kurz nach Beginn des russischen Angriffskriegs erneuerbare Energien noch als „Freiheitsenergien“ bezeichnet, wendet sich dessen Partei, die FDP, nun gegen das geplante EU-weite Aus von Verbrennungsmotoren. Ebenso fordern insbesondere Politiker aus dem konservativen Lager, die drei in Deutschland noch in Betrieb befindlichen Atomkraftwerke nicht wie geplant im Laufe dieses Jahres endgültig vom Netz zu nehmen, und stattdessen ihre Laufzeiten zu verlängern. Wirtschaftsminister Robert Habeck wird wiederum heftig von Vertreterinnen von Fridays for Future kritisiert, da er die Engpässe bei der Gasversorgung durch das zeitweise Wiederhochfahren von Kohlekraftwerken kompensieren will.     

Dass heute wie vor fünfzig Jahren über die richtige Versorgungsstrategie gestritten wird, hat indes nicht nur ökonomische, technologische und infrastrukturelle Gründe, sondern auch ideologische. Und zwar in dem Sinne, dass verschiedene Energieträger bisweilen mit verschiedenen Weltanschauungen korrespondieren. Oder anders gesagt: Will man verstehen, warum die Energiewende seit Jahrzehnten so schleppend verläuft und viele Menschen selbst angesichts des russischen Angriffskriegs auf ihrer Vorliebe fürs Fossile bestehen, muss man mitbedenken, dass Energiequellen nicht einfach „nur“ pragmatisch austauschbare Strom- und Wärmelieferanten sind, sondern seit jeher auch politische Identitäten geformt haben.

Am deutlichsten wurde das im Fall der erneuerbaren Energien. Gründeten sich die Ökologie-Bewegung im Allgemeinen und die Grünen als Partei im Besonderen auf dem Bewusstsein eines alternativen, nachhaltigeren Umgangs mit der Natur, bedeutete das zuvorderst ein Votum für eine Energiegewinnung aus Wind, Wasser und Sonne. Letztere zierte als Symbol für eine andere Art von Strahlkraft die einst omnipräsenten Antiatomkraftsticker. Der Protest gegen Ölkonzerne und Atomwirtschaft speiste sich zudem nicht nur aus dem Wunsch einer emissions- und strahlungsfreien Zukunft, sondern besaß auch eine kapitalismuskritische Dimension. Schließlich steckte in den regenerativen Energien ebenso das Versprechen von Dezentralität und Autonomie. Die Solaranlage auf dem Hausdach erscheint manchem auch heute noch als energiepolitisches Äquivalent zum eigenen Gemüsegarten: Unabhängigkeit durch Selbstversorgung… weiterlesen    

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