Erneuerbare in Indien: Schneller als in China

Erneuerbare in Indien: Schneller als in China
zeit.de: Wenn Chinas Ausbau erneuerbarer Energien die Klimaerfolgsgeschichte von 2025 war, dann ist Indien vielleicht die Geschichte dieses Jahres: Das Land elektrifiziert sich noch einmal schneller als die Volksrepublik, sagt Kingsmill Bond vom Energiewende-Thinktank Ember. Und könnte damit das fossile Zeitalter gewissermaßen auslassen.
DIE ZEIT: Herr Bond, Sie haben gerade eine Analyse über Indiens Energiewende veröffentlicht. Was sind Ihre wichtigsten Erkenntnisse?
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Kingsmill Bond: Die Grundthese ist, dass die Energiewende von fossilen Brennstoffen zu Elektrizität – wir nennen das Elektrotech – in Indien rasant voranschreitet. Und zwar auf einem völlig anderen Pfad als in Europa, den USA oder China. Deren Entwicklungsweg führte von Biomasse über fossile Brennstoffe zu Elektrizität. Indien nimmt eine Abkürzung: von Biomasse direkt zu Strom, ohne den großen fossilen Umweg.
ZEIT: Dafür haben Sie Indien mit China verglichen.
Bond: Genau. Allerdings nicht das heutige Indien mit dem heutigen China. Sondern beide Länder während eines ähnlichen Entwicklungsstandes, also beim gleichen Verhältnis von Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Einwohner. Indien hat heute ein ähnliches Pro-Kopf-BIP wie China 2012. Aber China nutzte damals pro Person etwa dreimal so viel Kohle für die Stromerzeugung und doppelt so viel Öl für den Transport. Jedes Land greift nach den besten verfügbaren Lösungen. Und für Indien sind das eben nicht mehr fossile Brennstoffe.
ZEIT: China hat also noch dieselbe Entwicklung durchgemacht wie zuvor der Westen.
Bond: Ja, China hat sein Energiesystem auf Kohle aufgebaut, genauso wie Großbritannien und Deutschland im 19. Jahrhundert. Viele dachten, Indien würde denselben Weg gehen. Aber die Daten zeigen etwas anderes. Indien erzeugt pro Person nur eine Megawattstunde Kohlestrom im Jahr. China lag bei vergleichbarem Entwicklungsstand bei zweieinhalb. Das ist ein gewaltiger Unterschied.
ZEIT: Woran liegt das?
Bond: Indien hat Sonne. Und es hat Zugang zu extrem günstigen Solarpanels, zu Windkraft, billigen Batterien und Elektrofahrzeugen. Die Geschichte erinnert an die Mobiltelefonrevolution in Afrika: Länder ohne Festnetzinfrastruktur sind direkt zum Smartphone gesprungen, ohne Umweg über Telefonleitungen. Indien springt jetzt direkt zur besseren Energielösung.
ZEIT: Ist es dabei ein Vorteil, dass Indien seine Infrastruktur nicht so weit ausgebaut hat wie etwa Europa?
Bond: Ein riesiger Vorteil, und zwar aus drei Gründen. Erstens gibt es weniger alte fossile Infrastruktur und damit weniger Kapazitäten für fossile Unternehmen, den Wandel zu bremsen. Zweitens: Wenn man in einer Wachstumsphase ist, kommt das gesamte Wachstum aus neuen Technologien – das macht die Einführung viel einfacher. Und drittens: Selbst Länder ohne Öl und Gas haben oft große Unternehmen, die Maschinen für das fossile System bauen. So wie in Deutschland die Autoindustrie. Diese Unternehmen können den Wandel verlangsamen. In Schwellenländern gibt es diese Bremser oft nicht.
ZEIT: Trotzdem baut Indien weiter Kohlekraftwerke. Wie passt das zusammen?
Bond: Ja, Indien baut wie China weiter Kohlekraftwerke. Ich glaube auch nicht, dass Indiens Kohlenachfrage für Stromerzeugung schon den Höhepunkt erreicht hat – da kommt noch ein bisschen Wachstum. Aber während China von einer Megawattstunde pro Person auf vier ging, wird Indien wahrscheinlich bei unter anderthalb seinen Höhepunkt erreichen.
ZEIT: Im Zero-Podcast des Wirtschaftsnachrichtenportals Bloomberg haben Sie gesagt, dass wir den Höhepunkt von Chinas Dominanz bei Erneuerbaren und in der Elektrotechnologie erreicht haben. Wird Indien auch selbst zum Produzenten von grünen Technologien?
Bond: Ja. China stellt heute etwa 90 Prozent aller Solarpanels und 90 Prozent aller Batterien her. Das liegt daran, dass China clever genug war, in diese Technologien zu investieren, während der Rest der Welt schlief. Jetzt haben alle begriffen, dass dies die Energiezukunft ist. Indien ist ein klassisches Beispiel. Das Argument ist: Was im Elektroniksektor geschehen ist, wird sich im Elektrotechsektor wiederholen, es sind ja verwandte Technologien. Indien ist innerhalb eines Jahrzehnts zu einem der größten Hersteller von Mobiltelefonen geworden. Und hat den Wert seiner Elektronikproduktion von 20 auf 130 Milliarden US-Dollar gesteigert. Das deutet darauf hin, dass sie auch mehr Solarpanels und Batterien produzieren werden. ….. weiterlesen


