Für ein neues Klima! 7 Thesen für einen gesellschaftlichen Wandel

Für ein neues Klima! 7 Thesen für einen gesellschaftlichen Wandel
Foto: Mysticartdesign /Pixabay CC0

Für ein neues Klima! 7 Thesen für einen gesellschaftlichen Wandel

50 Jahre nach den „Grenzen des Wachstums“

Prof. Christian Berg, Vize-Präsident und Prof. Mojib Latif, Präsident der Deutschen Gesellschaft Club of Rome

Es gibt heute ein weit verbreitetes Bewusstsein dafür, dass wir grundlegende gesellschaftliche Veränderungen benötigen, um das Überschreiten planetarer Grenzen zu vermeiden – sei es beim Klimawandel, dem Artensterben, den biogeochemischen Stoffströmen oder der Vermüllung der Ozeane. Das war viele Jahre lang nicht der Fall.

Zu dem Bewusstseinswandel hat der CLUB OF ROME 1972 mit seinem ersten Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ maßgeblich beigetragen. Einer der beiden Mitbegründer des CLUB OF ROME, der italienische Industrielle Aurelio Peccei, forderte nicht weniger als eine kulturelle Revolution, um die günstigen Lebensbedingungen auf der Erde zu erhalten. „Die Grenzen des Wachstums“ war der Beginn der globalen Umweltbewegung und ein Meilenstein für das Nachdenken darüber, wie man einen Wandel herbeiführen und gestalten kann. Die Verfasser sehen darin ein ermutigendes Zeichen und eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen des Kulturwandels. 50 Jahre später müssen wir aber auch eingestehen, dass wir als Menschheit noch weit vom ursprünglichen Ziel entfernt sind. Wir müssen erkennen, dass der Bewusstseinswandel zwar notwendig ist, aber nicht genügt. Aus Einsicht allein folgt selten Veränderung. Was ist zu tun? Wie kommen wir schneller vom Wissen zum Handeln? Wie können wir den Wandel beschleunigen?

Wir müssen Lehren aus Versäumnissen der Vergangenheit ziehen. Während es in den ersten Jahrzehnten nach dem großen Erfolg von „Die Grenzen des Wachstums“ darum ging aufzurütteln und zu mahnen, muss es nun viel stärker um neue Erzählungen, positive Zukunftsbilder und Lösungsansätze gehen, die nicht nur einzelne Bereiche, sondern das Gesamtsystem adressieren, damit der Wandel gelingen kann.

50 Jahre später müssen wir aber auch eingestehen, dass wir als Menschheit noch weit vom ursprünglichen Ziel entfernt sind. Wir müssen erkennen, dass der Bewusstseinswandel zwar notwendig ist, aber nicht genügt. Aus Einsicht allein folgt selten Veränderung. Was ist zu tun? Wie kommen wir schneller vom Wissen zum Handeln? Wie können wir den Wandel beschleunigen?


7 Thesen – Wir brauchen…

1. …ein neues Klima! Unsere Lebensbedingungen sind massiv bedroht, und die Zukunft unserer Kinder und Enkel wird entscheidend davon abhängen, was wir heute tun – oder unterlassen. Angesichts dieser Herausforderungen ist es nicht mehr mit etwas Kosmetik hier oder dort getan, es sind umfassende Veränderungen in allen Bereichen der Gesellschaft notwendig. Doch gerade deshalb ist die vielleicht wichtigste Voraussetzung für die Bewältigung dieser Aufgabe, dass wir sie gemeinsam in Angriff nehmen, in einem alle gesellschaftlichen Bereiche übergreifenden Prozess. Jeder und jede steht in der Pflicht, niemand kann sich wegducken. Veränderungen erzeugen Ängste, und der Erfolg unserer Bemühungen wird davon abhängen, dass wir Gewinne und Verluste durch die Veränderungen gerecht verteilen – in Deutschland, aber auch weltweit. Wir brauchen einen Perspektivwechsel, weg vom sinnlosen Kampf um den Erhalt des Status Quo hin zu einem Klima, das Lust macht auf Veränderung, das die Schwachen einbindet, das konstruktiv nach vorne blickt, unterschiedliche Interessen transparent macht und auf einen fairen Ausgleich bedacht ist. Die Gestaltung der Zukunft beginnt mit dem Blick auf die Möglichkeiten, auf das Morgen und die Wertschätzung dessen, was da ist – und davon gibt es (noch) unglaublich viel.

2. …eine umfassende Analyse der Herausforderungen. Auch die besten Absichten schützen nicht vor schädlichen Folgen, wenn der Komplexität der betreffenden Systeme nicht Rechnung getragen wird. Unser Denken ist an eindeutige und lineare Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge gewohnt: kleine Ursache, kleine Wirkung. Komplexe Systeme reagieren aber oft ganz anders: kleine Ursache, große Wirkung – und vor allem: Wirkung in einem ganz anderen Bereich. Wir stehen vor „systemischen Risiken“. Solche Risiken werden von der Gesellschaft oft widersprüchlich bewertet und unterschätzt, weswegen die Politik verzögert oder falsch reagiert. So hat etwa die Förderung der Bio-Energiepflanzen in Deutschland dazu geführt, dass auf viel mehr Flächen Mais und Raps angebaut wurden. Solche „Mono-Kulturen“ – eigentlich ein Unwort, denn Kultur braucht immer Vielfalt – benötigen aber viel Pestizide und Dünger, die die Artenvielfalt schädigen. Damit die Politik wirkungsvoller werden kann und die Folgen von Maßnahmen noch besser vorhersehen kann, braucht es mehr fächerübergreifende Forschung, in der die Zusammenhänge der verschiedenen gesellschaftlichen Teilbereiche analysiert, Zielkonflikte erkannt und Maßnahmen im Kleinen, in sogenannten „Reallaboren“, getestet werden, bevor Projekte in größerem Maßstab zur Anwendung kommen. Die Ergebnisse solcher Tests sollten dann öffentlich debattiert werden, um einen fairen Interessenausgleich zu ermöglichen.

3. …Anreize für integratives, systemisches Vorgehen. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte steht die Menschheit vor der Aufgabe, grundlegende gesellschaftliche Veränderungen vorzunehmen, die einem gemeinsamen globalen Ziel dienen – nämlich dem Einhalten der planetaren Belastungsgrenzen – und von allen durchgeführt werden müssen. Die Frage, wie es gelingen kann, die Belastungsgrenzen einzuhalten, haben wir als Gesellschaft lange unterschätzt. Viel zu lang haben wir beispielsweise das Klimaproblem auf seine ökologische Dimension eingeengt. Erst später haben wir seine sozialen und wirtschaftlichen Folgen untersucht. Wir stehen aber noch ganz am Anfang bei der Frage, wie wir die sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen herstellen, um den Klimawandel zu begrenzen. Das Klimaproblem ist auch eine Frage der Gerechtigkeit, zwischen arm und reich, zwischen den Industrie- und Entwicklungsländern und zwischen den Generationen. Die Bewältigung der globalen Probleme, vor denen die Menschheit steht, wird nur gelingen, wenn es auf der Welt gerecht zugeht. Wir brauchen deshalb viel mehr Anreize für ganzheitliches, integratives Vorgehen. In vielen Bereichen der Gesellschaft gibt es eine starke Spezialisierung. Die ist geradezu kennzeichnend für die Entwicklung menschlicher Zivilisation – bereits Platon sah darin die Existenz des Staates begründet. Doch das Einhalten planetarer Belastungsgrenzen ist eben eine Herausforderung, die ganz fundamental das Zusammenwirken verschiedenster Disziplinen erfordert. Es müssen deshalb Mittel und Wege gefunden werden, eine Zusammenführung verschiedener Wissensgebiete dauerhaft und institutionell zu fördern. Entsprechend gilt dies auch für die Arbeit in Verwaltung und Politik, die viel stärker ressortübergreifend angelegt sein muss. Ermutigend ist, dass die Ampel-Koalition Schritte in diese Richtung unternommen hat, indem zum Beispiel Wirtschaft und Klima in einem Ministerium zusammengefasst werden.

4. …eine Identifikation kritischer Hebel und Akteure für Veränderungen. Es ist Aufgabe und Verantwortung der Wissenschaft, zentrale Stellschrauben zum Erreichen einer natur- und menschenverträglichen Entwicklung zu identifizieren und sie einer breiten Öffentlichkeit aufzuzeigen. Zugleich sollte sie Handlungsoptionen für die Politik entwerfen, die dann öffentlich debattiert und von der Politik aufgegriffen werden können. Eine entscheidende Rolle wird den Unternehmen in der Real- wie in der Finanzwirtschaft zukommen. Ihre Aufgabe und Verantwortung wird es künftig sein, ob sie neben finanziellem auch ökologisches und soziales Kapital aufbauen anstatt dieses zu vernichten. Aufgabe und Verantwortung von uns allen ist es schließlich, diese Prozesse durch individuelles Verhalten zu unterstützen. Nur dann werden Politik und Wirtschaft auch aktiv werden können.

5. …eine systematische Erfolgskontrolle. Was der Philosoph Karl R. Popper für die Wissenschaft forderte, sollte analog für den gesellschaftlichen Wandel gelten. Popper forderte, die eigenen wissenschaftlichen Hypothesen beständig einer Überprüfung zu unterziehen und zu versuchen, sie zu widerlegen – denn nur durch beständiges Scheitern solcher Widerlegung erhärten sich wissenschaftliche Theorien. Ganz analog sollten Maßnahmen zur Realisierung von mehr Nachhaltigkeit beständig überprüft und anhand objektiver Kriterien einer systematischen Erfolgskontrolle unterzogen werden. Das sollte auch für die Bundesregierung gelten. Es wird zwar regelmäßig überprüft, ob die in der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie gesetzten Ziele auch erreicht werden. Es bleibt aber weitgehend folgenlos, wenn das nicht der Fall ist. Es ist zudem wichtig, dass politische Vorgaben nicht nur mit Zielen und Maßnahmen, sondern auch mit Verantwortlichkeiten verbunden werden, die öffentlich kommuniziert werden. Dies ist schon verschiedentlich angemahnt worden (u.a. 2019 vom Bundesrechnungshof und bereits 2012 im Zukunftsdialog der Bundeskanzlerin).

6. … Stärkung der Demokratie und breite gesellschaftliche Diskussion über eine lebenswerte Zukunft. Wie wir künftig das Leben und Arbeiten, Wohnen und Mobilität, Produktion und Konsum gestalten wollen, dazu sollten wir uns alle Gedanken machen. Es gibt hierfür keine Spezialisten. Aber wir müssen neue Wege finden, die gesellschaftliche Debatte zu beleben, in allen Bereichen sollte sich ein Geist der Zusammenarbeit, des „Neue-Wege-Wagens“ und des Miteinanders ausbilden. Denn in freiheitlichen Gesellschaften braucht es eine breite Diskussion zur Verständigung darüber, was eine lebenswerte Zukunft sein soll. Das kann weder von der Politik noch von der Wissenschaft vorgegeben werden. Diese Diskussion darf aber auch nicht auf einige gesellschaftliche Gruppen und Filterblasen beschränkt bleiben, sondern muss möglichst allen eine Beteiligung anbieten. Wir dürfen aber nicht zulassen, dass Fakten relativiert, wissenschaftliche Aussagen ideologisiert und instrumentalisiert oder, dass grundlegende Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit aus politischem oder wirtschaftlichem Opportunismus geopfert werden.

7. … eine Kultur der Zukunftsoffenheit. Gerade weil wir nicht wissen, wie genau die Zukunft aussehen wird, ist es wichtig, nicht nur die Maßnahmen beständig zu überprüfen und zu diskutieren, sondern auch eine Kultur der Zukunftsoffenheit zu prägen. Eine der wichtigsten Eigenschaften einzelner Akteure wie auch gesamter Gesellschaften von morgen wird sein, wie rasch sie sich auf Veränderungen einstellen können. Eine Kultur der Fehlertoleranz – Scheitern muss erlaubt sein – und der Veränderungsbereitschaft muss sich in allen gesellschaftlichen Bereichen etablieren. Gerade die Pandemie hat gezeigt, dass viele unserer Systeme nicht sehr widerstandsfähig sind. Ob im Gesundheitswesen, bei den globalen Lieferketten oder der eigenen Vorsorge – unsere Systeme sollten robuster und fehlertoleranter werden, um das Morgen besser gestalten zu können.

Es ist höchste Zeit,

  • die großen Zukunftsherausforderungen umfassend zu analysieren und aus Versäumnissen zu lernen,
  • Strukturen zu schaffen, um diesen Herausforderungen angemessen und umfassend begegnen zu können,
  • die entscheidenden Hebel für Veränderungen zu erkennen und zu aktivieren,
  • den Erfolg politischer Maßnahmen ständig zu kontrollieren und öffentlich zu diskutieren,
  • die gesellschaftliche Debatte über lebenswerte Zukünfte zu befeuern und an
  • einer Kultur der Zukunftsoffenheit und Fehlertoleranz zu arbeiten.

Es wird sich lohnen.

Deutsche Gesellschaft CLUB OF ROME

Die Autoren:

mojib latif c Jan Steffen GEOMAR Helmholtz Zentrum fur Ozeanforschung Kiel scaled 1
© J. Steffen/GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Prof. Dr. Mojib Latif, in Hamburg geboren, Meteorologe, ist seit 2003 ist Professor am ehemaligen Institut für Meereskunde und heutigen GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel an der Christian-Albrechts-Universität (CAU) zu Kiel. Seit 2007 ist er zudem Mitglied im Exzellenzcluster Ozean der Zukunft der CAU Kiel. Ferner ist er seit 2012 Vorstandsmitglied des Deutschen Klima-Konsortiums e.V. (DKK), seit 2015 dessen Vorsitzender und Präsident der Deutschen Gesellschaft Club of Rome

Christian Berg Melvin Berg
© Melvin Berg

Prof. Dr. Christian Berg, studierte zunächst Physik und Philosophie studiert, später noch Theologie, war u.a. von 2004-2008 Senior Researcher Sustainability und ist bei SAP und ist seit 2016 neben universitärer Lehrtätigkeit (TU Clausthal, Universität des Saarlands, CAU Kiel) freiberuflicher Keynote Speaker, Moderator und Sustainability Coach. Er ist Mitglied im Stiftungsrat des Hanse-Wissenschaftskollegs und des Kuratoriums Wissenschaft von B.A.U.M. e.V. sowie  Vize-Präsident der Deutsche Gesellschaft Club of Rome

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