Gute Zukunft: „Appelle werden nicht wirken“

Gute Zukunft: „Appelle werden nicht wirken“
Foto: Wikimedia CC/PublicDomain

Gute Zukunft: „Appelle werden nicht wirken“

Ende offen: „Den Weg…in die Zukunft“ will Peter Strauß in seinem gleichnamigen Buch beschreiben. Schon im Vorwort erhebt er daher einen großen Anspruch, will „themenübergreifend oder menschheitsübergreifend“ denken, um sich dem Sujet seines eng beschriebenen 500-Seiten-Wälzer zu nähern. Anfangen bei Adam und Eva und in der Zukunft enden, will der Autor. Ein großes Wort. Eine Mammutaufgabe. Strauß steuert daher detailreich unzählige Fakten bei, verknüpft Erkenntnisse, beschreibt mögliche Szenarien von Entwicklungen, um eine „erstrebenswerte Zukunft“ zu beschreiben.

Im Interview mit globalmagazin gibt der Autor Einblick in seine Motive, die ihn antrieben, das Werk zu schreiben.

Alles Bestreben, Umwelt und Klima zu schützen, sagen Sie im Buch, seien vergebens: Warum ist das konkret so?

Peter Strauss privat 1
Peter Strauß Foto: privat

Peter Strauß: Ich sage nicht, es sei vergebens, sondern es braucht dazu einen breiteres Problembewusstsein. Ich sehe die Schwierigkeit der vielen wechselseitigen Abhängigkeiten, und ich glaube, viele Menschen hoffen darauf, dass einmal ein charismatischer Politiker oder ein wohlmeinender Konzernchef eine Trendwende einläutet.

Wäre das flasch?

Dies wird nicht geschehen, da auch Entscheider von ihren Mitmenschen abhängen…

Das heißt?

Würden sie solche drastischen Veränderungen angehen, so könnten sie den Anforderungen an ihre Rolle nicht mehr gerecht werden. Für Manager steht im Vordergrund: Gewinne maximieren, für Politiker: den Wähler nicht brüskieren.

Appelle zielen kaum Wirkungen

Sie wollen den Menschen Erkenntnisse bieten, damit sie sich künftig anders verhalten können: Ist da ein eng beschriebener 500-Seiten-Wälzer nicht zu dick – wären nicht eine Anzahl konkreter Ratschläge effektiver?

Zum einen glaube ich nicht an die Wirkung von Appellen, denn sie werden nur von Menschen mit einem starken Problembewusstsein gehört. Die Forderung “fahr vorsichtig“ lässt nur die Ängstlichen noch langsamer fahren.

Also lieber keine Ratschläge?

Nein,Appelle setzen am Symptom an, nicht an den Ursachen. Ein Beispiel wäre die Forderung nach Selbstbeschränkung – also beispielsweise das Autofahren zu reduzieren. Ich möchte hingegen die Erkenntnis verbreiten, dass wir das Auto gar nicht in diesem Maße benötigen. Und da ich in meinem Buch einen Zusammenhang „wasserdicht“ beschreiben möchte, den ich so bisher noch nicht geschrieben gefunden habe, muss ich die Herleitung komplett aufschreiben. Sind diese Zusammenhänge irgendwann vielen Menschen bekannt, so reicht ein Stichwort, um diesen Gedanken abzurufen.

Menschen hinken technologischer Entwicklung hinterher, sagen Sie. Wir könnten die Katastrophen kaum ahnen, die wir auslösen. Wenn das stimmt, warum dann das Buch, was ändert es an der pessimistischen Sichtweise?

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Es ist ja nicht so, dass wir grundsätzlich unfähig wären, drohende Katastrophen zu erkennen – nur lenken wir den Blick zu selten darauf, weil wir in den letzten Jahrzehnten keine Katastrophe erlebt haben. Grundsätzlich ist es uns freigestellt, mit welchen Gedanken wir uns beschäftigen, und ich möchte mit dem Buch den Fokus des Lesers auf diese Zusammenhänge lenken.

Jedes menschliche Handeln strebt nach Verbesserung

Sie plädieren dafür, dass die Menschen ihre inneren Werte erkennen müssten: Ist das bloße Hoffnung oder haben Sie für das Gelingen dieses Ansatzes Belege?

Fast jedes menschliche Handeln enthält das Streben nach Verbesserung, nach dem „Guten“. Da kann ich beispielsweise auf meinen Kollegen Rutger Bregman verweisen. Ich plädiere weniger dafür, als dass ich darauf hinweise, dass wir auf unseren Untergang zusteuern, wenn es uns nicht gelingt soziale Mechanismen wie Mitgefühl und Vertrauen auch auf größeren Ebenen zu entwickeln, weil wir sonst eben einen Kampf jeder gegen jeden leben – bis zum Ende.

Das ist eine ziemlich düstere Prognose…

Das ist keine Drohung, sondern eine Beobachtung. Es verhält sich ähnlich wie bei der Klimaveränderung: Es interessiert das Klima nicht, wenn die Klimaveränderung von manchen Menschen ignoriert oder geleugnet wird. Die Physik ist da unerbittlich.

Was wären die wichtigsten drei Dinge, die wir Ihrer Meinung nach sofort ändern sollten/könnten, um den Lauf der Dinge zu verbessern?

Wir sollten den Investitionen in Bildung Vorrang vor Wirtschaftssubventionen einräumen und damit unsere Zukunftsplanung vom Kopf auf die Füße stellen.

Es reicht nicht, auf Politiker zu hiffen, die auf dem neuesten Stand sind

Was meinen Sie damit genau?

Die Entwicklung der im Buch beschriebenen Denkmuster sollte in der Schulbildung mehr Platz eingeräumt werden…

Warum?

Es ist essentiell, dass alle Mitglieder zukünftiger Generationen komplexe Zusammenhänge verstehen und beurteilen können – große Ungleichheit in der Bildung ist ebenso sozialer Sprengstoff wie große Ungleichheit in den Lebenschancen oder im Besitz.

Was ist also zu tun?

Wir sollten Strukturen entwickeln, mit denen gesichertes Fachwissen in staatliches Handeln übertragen wird. Es reicht nicht aus, darauf zu hoffen, dass gewählte Politiker schon auf dem neuesten Stand sein werden, denn das ist meist nicht der Grund, warum sie gewählt wurden.

pit

Cover Strauss Ende offen

Peter Strauß
Ende offen
Der Weg des Menschen
aus der Steinzeit in die
Zukunft
tradition GmbH
Berlin 2020
498 Seiten, 30 €

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