Klimawandel droht Europas Spaltung zu vertiefen

Klimawandel droht Europas Spaltung zu vertiefen
Foto: Hermann Traub/PixabayCC/PublicDomain

Klimawandel droht Europas Spaltung zu vertiefen

zeit.de: Vom Klimawandel sind der Norden und Süden Europas unterschiedlich betroffen. Höchste Zeit, dass die EU gegen die Spaltung ankämpft.

Klaas Lenaerts ist Forschungsassistent bei Bruegel, dem Institut für europäische Wirtschaftspolitik. Simone Tagliapietra ist dort Senior Fellow. Guntram Wolff war Bruegel-Direktor, ist Professor an der Freien Universität Brüssel und künftiger Direktor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Gemeinsam schlagen sie einen Dreistufenplan vor, mit dem sich die EU gegen die Folgen des Klimawandels rüsten soll.

Der Sommer in Europa hat gerade erst begonnen, und doch wurde Frankreich bereits im Juni von einer Hitzewelle heimgesucht, früher als je zuvor seit Beginn der offiziellen Aufzeichnungen. In Spanien wüten Waldbrände und in Norditalien herrscht eine Rekorddürre, die die Ernten ruiniert. Sogar im Januar mussten Wasserkraftwerke in Portugal wegen des anhaltenden Niederschlagsmangels abgeschaltet werden.

Lesen Sie auch:

Wissenschaftler sagen, dies sei nur ein Vorgeschmack auf das, was in den nächsten Jahrzehnten auf uns zukommt, selbst in dem optimistischen, aber immer unwahrscheinlicher werdenden Szenario, in dem Europa und der Rest der Welt es schaffen, bis 2050 klimaneutral zu werden. Wenn die globale Durchschnittstemperatur weiter über die derzeitigen 1,2 Grad Celsius über den vorindustriellen Durchschnittswerten steigt, wird sich Europa wahrscheinlich noch schneller erwärmen. Die Folgen sind von Region zu Region unterschiedlich: Vereinfacht gesagt werden die südlichen Länder stärker von gefährlichen Hitzewellen, Dürren und Waldbränden betroffen sein, während in anderen Teilen Europas mehr Niederschläge und Überschwemmungen zu erwarten sind. Küstengebiete werden vom steigenden Meeresspiegel bedroht.

Die skandinavischen Länder könnten Gewinne verzeichnen

Die sozioökonomischen Folgen des Klimawandels in Form von Sterblichkeit, Verlusten in der Landwirtschaft und bei der Stromerzeugung sowie Schäden durch Überschwemmungen werden voraussichtlich im Mittelmeerraum am stärksten sein, während die skandinavischen Länder aufgrund des höheren Stromversorgungspotenzials und der höheren landwirtschaftlichen Erträge sogar leichte Nettogewinne verzeichnen könnten. Darüber hinaus haben höhere Temperaturen möglicherweise Auswirkungen auf das langfristige Wirtschaftswachstum. So könnte eine neue „Klimakluft“ die bereits bestehenden Bruchlinien zwischen den europäischen Ländern verstärken.

Die Abschwächung des Klimawandels ist unerlässlich, um die schlimmsten Folgen zu vermeiden, aber Gesellschaften müssen sich auch an das anpassen, was sich nicht mehr vermeiden lässt. Studien zeigen, dass sich Anpassungsinvestitionen in hohem Maße auszahlen. Zu diesen Investitionen gehören die Erhöhung des Hochwasserschutzes, die Schaffung von kühlenden Grünflächen in Städten, die Anpassung der Waldbewirtschaftung und der Landwirtschaft an heißere Klimazonen sowie die Unterstützung ärmerer Haushalte bei Investitionen in Kühlung. Der jährliche Bedarf an Anpassungsinvestitionen wird in der EU auf 0,2 bis 3,5 Prozent des BIP geschätzt.

Bislang bleiben die globalen Bemühungen, auch in Europa, hinter den Erwartungen zurück. Dies ist zum Teil auf konkurrierende Ausgabenprioritäten und begrenzte Mittel zurückzuführen. Ebenso wichtig ist jedoch, dass eine angemessene Anpassungsplanung und -umsetzung viel Wissen und Fachkenntnisse erfordert, die nicht überall vorhanden sind.

Katastrophen sind meist grenzüberschreitend

Das Bündeln von Ressourcen und Wissen aus EU-Ländern erleichtert die Klimaanpassung, auch wenn die Maßnahmen per Definition lokal begrenzt sind. Die EU sammelt bereits Daten über die Auswirkungen des Klimawandels durch ihr Copernicus-Erdbeobachtungsprogramm und entwickelt gemeinsame Instrumente, um die Entwicklung politischer Maßnahmen auf den unteren Regierungsebenen zu erleichtern. Die sichtbarste Anpassungsmaßnahme der EU ist vielleicht die Bündelung von „Reaktionskapazitäten“, um Ländern in Notfällen zu helfen, wie zum Beispiel die Feuerwehrleute und Flugzeuge, die diesen Sommer in Griechenland bereitstehen, oder Mittel für den Wiederaufbau nach Katastrophen.

Eine EU-weite Anpassungspolitik ist auch deshalb erforderlich, weil Katastrophen und ihre Verhütung oft grenzüberschreitend sind. Flüsse, die durch mehrere Länder fließen, müssen beispielsweise bei Dürren oder Überschwemmungen gemeinsam verwaltet werden. Die EU hat bereits einige Zuständigkeiten in diesen Politikbereichen, etwa in der Landwirtschaft und der ländlichen Entwicklung.

Drei Politikbereiche sind für eine bessere Anpassung der EU an den Klimawandel entscheidend. Erstens muss sie in allen Kompetenzbereichen der EU erfolgen, von der Finanzregulierung bis zur Forschungsförderung. Da extreme Wetterereignisse immer häufiger auftreten, ist eine angemessene Vorbereitung von entscheidender Bedeutung, und EU-Vorschriften dürfen daher deren potenzielle Auswirkungen nicht außer Acht lassen… weiterlesen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.