Missverständnis: Natur ist keine Infrastruktur

Missverständnis: Natur ist keine Infrastruktur
Der Deutsche Naturschutztag stand ganz im Zeichen des in Beratung befindlichen Infrastrukturbeschleunigungsgesetzes, das Eingriffe in die Natur beschleunigen und vereinfacht soll. Die bisher üblichen Ersatzmaßnahmen (Geldzahlungen mit manchmal fragwürdigem Nutzen) sollen (vermutlich) zugunsten der Finanzierung überregionaler, großflächiger Naturschutzprojekte entfallen. Ein Plan, der vor allem untere Naturschutzbehörde entsetzt und entmächtigt.
Umweltminister Carsten Schneider stellte auf der Eröffnungsveranstaltung stolz seinen Plan vor, die dem er die Natur retten möchte. Er stellte ein Gesetz in Aussicht, das Natur schützen soll, wenn und sofern sie als notwendige Infrastruktur des Menschen anerkannt ist. Vehement unterstützt wurde dieser Plan ausgerechnet von Florian Schöne, einflussreicher Generalsekretär des Deutschen Naturschutzringes.
Wir halten fest: Natur ist dort schützenswert, wo wir ihre Bedeutung als Infrastruktur anerkennen. Da denken wir doch alle sofort an Autobahnen, Brücken oder das G-5-Netz. Politisch, so hat man den Eindruck, soll das den Naturschutz vor seinen Kritikerinnen und Kritikern retten, den Rollback aufhalten. Die vielen Verfahren, in denen vor allem der Artenschutz (Hamster, Rotmilane) in Anspruch genommen wurde, um den Bau von Windkraftanlagen, Gleisen oder anderen Baumaßnahmen zu ver- oder behindern, haben wohl das Verständnis vieler Menschen für Naturschutz überstrapaziert. Nicht zuletzt weil interessierte Kreisen systematisch der Eindruck erzeugt haben, „der Naturschutz“ würde „den Fortschritt“ und „die Wirtschaft“ wegen „Peanuts“ behindern.
Dass „der Naturschutz“ es in der Vergangenheit womöglich manchmal übertrieben hat, nicht gut kommuniziert hat, oder vergessen hat, Akteure mitzunehmen, wurde nur selten und ganz leise diskutiert. Im Großen und Ganzen wurde das deutsche Modell Naturschutz (sehr viele Gesetze, sehr viele Verordnungen, sehr viele Pläne, sehr viel Mikromanagement) vehement verteidigt.
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Auch das Naturschutzreche hat versagt
Das Deutsche Naturschutzrecht hat außerdem irgendwie versagt. So lautete das Resümee des renommierten Naturschutz-Rechtsgelehrten Prof. Wolfgang Köck. Da niemand widersprach, drängte sich den Zuhörerinnen und Zuhörer unwillkürlich die Frage nach dem Sinn eines „weiter so“ auf. Laut gestellt wurde sie nicht.
Der Versuch, Naturschutz politisch zu retten
Mit der vom Generalsekretär des Deutschen Naturschutzringes aggressiv beworbene Gesetzesinitiative, Natur als Infrastruktur zu schützen, wird das deutsche Naturschutzmodell nicht nur als umweltethischer Perspektive ein fragwürdiges Unternehmen. Es ist zu befürchten, dass die Haltung, die jetzt der Natur gegenüber eingenommen werden soll, das zugrundeliegend Problem fortschreibt und vertieft.
Ich meine den Begriff der Natur selbst.
Wenn Natur zur Infrastruktur wird
Die Bezeichnung der Natur als „Infrastruktur“ verschiebt den Bedeutungsrahmen, in dem über Natur gesprochen wird, in bedenklicher Weise. Infrastruktur ist ein Begriff technischer Rationalität: Straßen, Leitungen oder Netze werden geplant, gebaut und unterhalten, um gesellschaftliche Funktionen zu erfüllen.
Wenn wir Natur auf die gleiche Weise denken, erscheint sie uns nicht mehr als eigenständige Wirkmacht, sondern als funktionales Element gesellschaftlicher Systeme. Eines unter vielen???
Als eine Art biologisches Versorgungsnetz, dessen Erhalt vor allem aus Gründen der Systemstabilität notwendig ist. Ganz so, als ob wir (der Mensch) dieses Geschehen (die Natur) im Griff hätten. Was zweifelsohne NICHT der Fall ist. Es ist immer sehr gewacht, etwas, das man selber niemals hätte herstellen können, mit menschlichen Artefakten zu verwechseln.
Die instrumentelle Vernunft
Aus der Perspektive des verstorbenen Philosophen Jürgen Habermas wäre – so möchte ich behaupten – eine solche linguistische Verschiebung nicht harmlos.
Der gerade leider verstorbene Philosoph Jürgen Habermas hat vor der Dominanz der instrumentellen Vernunft gewarnt. Wer Natur als Infrastruktur denkt, macht die ökologische Frage zu einem Fall „technischer Systemerhaltung“ und Natur zum „Wartungsfall“. Es normalisiert die Idee Natur als ein Ding anzusehen, das gesellschaftlicher Re-Produktion zu Verfügung zu stehen hat. Natur dient hier vor allem einem Wirtschaftswachstum, das nicht zuletzt auch der Finanzierung von Aufrüstung dient. Ökologische Krisen und der Schutz der Natur sind aber nicht nur eine Frage der Funktionsfähigkeit gesellschaftlicher Systeme. Sie sind eine Herausforderung für das zugrunde liegende normative Selbstverständnis demokratischer Gesellschaften.
Eine technokratische Sicht auf Natur
Mit der Anerkennung der Natur als Infrastruktur wird ihr der Eigenwert abgesprochen, den ihr Artikel 1 des Naturschutzgesetzes zugesteht. Natur ist wird etwas, das nicht um ihrer selbst willen geschützt wird, sondern nur als Voraussetzung für das Funktionieren von Staat und Gesellschaft.
Damit droht eine von den deutschen Naturschutzverbänden legitimierte politische Hegemonie eines technokratischen Naturverhältnisses. Was eigentlich Gegenstand eines öffentlichen Diskurses über Grenzen, Verantwortung und Lebensformen sein sollte, wird (mal eben) zur bürokratischen Managementaufgabe. Doch die Geister, die man ruft, sind nicht mehr so schnell einzufangen.
Naturschutz als demokratische Frage
Aus der Sicht Habermas’ muss die ökologische Frage in den Raum der öffentlichen Deliberation zurückgeholt werden. Eine demokratische Gesellschaft kann ihr Verhältnis zur Natur nicht nur im Vokabular funktionaler Systemerhaltung beschreiben, sondern muss sie als normative Frage behandeln:
- Wie wollen wir unter den Bedingungen einer endlichen und verletzlichen Natur leben?
- Wie wollen wir der Natur begegnen?
- Wie gestalten wir unsere Beziehung zur Natur?
Zu diesem Diskurs, so scheint es, sind aber derzeit noch nicht einmal die Spitzen der deutschen Naturschutzverbände bereit.
Ein anderes Verständnis von Naturschutz
Dass ein „weiter-so“ nicht sinnvoll ist, wurde erst bei der Schlussveranstaltung zaghaft angesprochen. Als Leuchttürme wurde das Beispiel des Biosphärenreservats Schorfheide präsentiert. Es beweist, dass blühende Landschaften möglich sind, wenn Menschen, die eine Landschaft bewohnen, Naturschutz als Lebensqualität erfahren.
Wichtig war auch ein zweiter innovativer Ansatz, der Natur, wie wir sie heute vorfinden, auf den „Klima-Kollaps“ vorbereitet.
Er verabschiedet sich von der Idee Natur, wie sie einmal war, wiederherzustellen und stellt den Resilienz- und Anpassungsgedanken in den Vordergrund.
Denn so bitter es ist: Vom Klimaschutzziele 1,5 Grad müssen wir uns erst einmal verabschieden und wir wissen nicht, ob nicht ob die Messlatte 2,7 Grad auch gerissen wird.
Natur ist kein Ding. Der Mensch mehr als Mittel zum Zweck.
Statt aus Natur Infrastruktur zu machen, ist es an der Zeit anzuerkennen, dass Natur kein Ding ist, sondern ein Wesen. Dass wir Teil und selber Natur sind. Dass Natur – genau wie der Mensch – auch ein Zweck an sich selber ist, mit Eigenwert.
Denn beide scheinen in diesen Tagen immer öfter dem gleichen Imperativ zu unterliegen: Sie müssen ständig immer mehr und immer besser funktionieren und abliefern. Alles das dem ehernen Gesetz der (ökonomischen) Nützlichkeit nicht genügt, wird ausgegrenzt und verachtet.
Doch die Würde des Menschen und die Würde der Natur sind untrennbar miteinander verbunden. Wer Natur für Infrastruktur hält, hat beides bereits aus dem Blick verloren.
Das darf so nicht bleiben. Ein weiter so macht keinen Sinn. Die Gleichsetzung von Natur und Infrastruktur gehen in die falsche Richtung.
Christine Ax
Die Autorin ist
Vorständin des Vereins
„Netzwerk Rechte der Natur e. V.“


